POLITIK
27/07/2018 08:05 CEST | Aktualisiert 27/07/2018 11:02 CEST

#MeTwo: 12 Tweets zeigen, wie Menschen in Deutschland Rassismus erleben

Unter dem Hashtag #MeTwo schildern Menschen mit Migrationshintergrund, was sie erleben.

Cineberg via Getty Images
Der Karneval der Kulturen.

Er ist in Gelsenkirchen geboren, wurde in Deutschland ausgebildet, 2014 mit der DFB-Elf Weltmeister – und doch fühlt sich Mesut Özil nicht als Deutscher anerkannt.

Der Rücktritt des Fußballstars aus der Nationalmannschaft hat die in Deutschland seit Jahrzehnten schwelende Integrationsdebatte befeuert.

Nun berichten unter dem Hashtag #MeTwo zahlreiche andere Deutsche mit Migrationshintergrund über die alltägliche Diskriminierung, die sie und ihr Familie erlebt haben. 

Die Tweets zeigen: Özil ist alles andere als ein Sonderfall. In Sachen Integration und Toleranz ist Deutschland längst nicht da, wo viele das Land gerne wähnen. 

Einige der herzzerreißenden Anekdoten verdeutlichen aber auch: Es gibt Menschen, die das zu verändern versuchen.

Deutscher Behörden-Irrsinn

So schreibt etwa “Spiegel”-Korrespondent Hasnain Kazim: “Schulklasse will Klassenfahrt nach Dänemark machen. Ich melde mich, sage, dass ich nicht mitkann, da ich so schnell kein Visum bekomme. Klasse entscheidet sofort still und einstimmig: Dann nicht Dänemark. Ich liebe euch bis heute dafür!” 

Aber er berichtet auch: “Mein Vater arbeitete als Kapitän auf einem Frachtschiff. Gerichtsurteil in den Achtzigerjahren, uns aus Deutschland abzuschieben, mit der Urteilsbegründung: ‘Die Heimat eines Seemannes ist das Meer.’”

Keine Wohnung für Herrn Yilmaz

Youtuber Ogur Yilmaz erzählt: “Wenn du über Immoscout freie Wohnungen kontaktierst & einfach keine Antwort bekommst, aber die deutsche Freundin bei gleichen Angeboten sofort Antworten erhält. Nach Ehe & Namensänderung hat sie auch keine Antwort mehr bekommen.”

Der jüdische Satiriker Shahak Shapira berichtet, seine Mutter sei von Neonazis bedroht worden. Die Antwort der Polizei: “Naja, vielleicht sollte Ihr Sohn sich nicht so prominent in der Öffentlichkeit äußern.”

Mobbing wegen asiatischem Essen

Eine 20-jährige Twitternutzerin schrieb: “Meine Mutter ist jeden Tag früh aufgestanden um mir etwas besonderes für die Schule zu kochen und ich hab es nie übers Herz gebracht ihr zu sagen, wie sehr ich deswegen gehänselt wurde, weil ich nichts ‘Deutsches’ dabei hatte, sondern immer was Vietnamesisches.”

Jetzt, wo sie älter sei, würden plötzlich alle auf “authentisches asiatisches Essen” stehen, fügte sie hinzu. Früher sei sie dafür gemobbt worden.

Rassismus in Familie und Politik

Journalistin Johanna Bayer berichtet von Rassismus innerhalb der Familie. Sie schrieb: “Schwiegermutter meiner Schwester zu ihr anlässlich der Geburt ihrer Enkelin: ‘Na, zum Glück ist die nicht so dunkel geworden.’”

Der Grünen-Politiker und Ex-Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu schildert seine Rückkehr von einer Dienstreise aus Südafrika. Ein Polizeibeamter habe ihn am Flughafen gefragt, wo er den Diplomatenpass herhabe. “Meine Bundestagskollegen hinter mir weisen ihn zurecht.”

Und immer wieder: Schule

Viele berichten vor allem von Diskriminierungserfahrungen in der Schule. Etwa der Journalist Malcolm Oscar Uzoma Odeh-Ohanwe: “Mein erster Tag auf dem Gymnasium 2003. Erstes Mal Pausenhof. Ich hatte Dreadlocks. Ältere Kinder: ‘Du Affe, das ist nicht die Baumschule mit deinem Palmenkopf! Das ist das Gymnasium! Was hast du hier zu suchen?!?’” Es habe ihm das Herz gebrochen.

Journalist Krsto Lazarević‏ berichtet, er sei trotz guter Noten auf die Hauptschule geschickt worden. Sein Grundschullehrer habe seinem Vater gesagt: “Wegen den Noten müsste er nicht auf die Hauptschule, aber da passt er besser rein.”

Lazarevic weiter: “Da wurde ich dann auch erstmal hingeschickt. 30 Schüler, davon ein einziger ohne Migrationshintergrund. Auf dem Gymnasium war es umgekehrt.” 

Ähnliches berichtet die Musikjournalistin Miriam Davoudvandi: Sie sei sogar Klassenbeste gewesen. Trotzdem habe die Lehrerin sie auf die Hauptshcule schicken wollen. Da sei sie “unter Gleichgesinnten”.

Ihre Eltern hätten der Lehrerin vertraut, schließlich konnten sie kaum Deutsch. Zum Glück sei eine Bekannte eingeschritten. In der fünften Klasse sei sie dann Klassenbeste auf dem Gymnasium gewesen.

“Ihr Schwarzen habt doch einen Vorteil”

Melisa Erkurt wurde in der Schule wegen ihrem Migrationshintergrund beleidigt und bedroht. Sie erinnert sich an eine Schweigeminute zu den Anschlägen am 11. September.

Ein Klassenkamerad hätte zu ihr gesagt, sie solle nicht mitmachen, “ihre Leute” seien ja daran schuld. “Später schreibt er mir, er wünschte Hitler wäre noch am Leben, um mich und meine Familie zu töten. Wenn ich das petze, droht er, meiner kleinen Schwester was anzutun.”

Ein Twitter-Nutzer erinnert sich an den Sportunterricht: Ein schwarzer Mitschüler hätte dort eine Note Abzug bekommen, da er “einen unfairen Vorteil hätte”. 

Ein Nutzer ohne Migrationshintergrund zeigte sich beeindruckt. ”‘Woah... Kann doch nicht sein, warum bekomme ich sowas nie mit?’ und dann merkst, dass dein Akademikerfreundeskreis halt einfach weiß ist.”

(jg)