POLITIK
31/07/2018 15:53 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 08:40 CEST

Rassismus an Schulen: 3 Lehrer berichten, wie es wirklich ist

Die drei sehr unterschiedlichen Meinungen beweisen, wie komplex das Thema ist.

FatCamera via Getty Images

Jüngst hat Ali Can auf Twitter heftige Diskussionen zum Thema Alltagsrassismus ausgelöst: Unter dem von ihm etablierten Hashtag #MeTwo haben mittlerweile tausende Menschen getwittert, welche negativen Erfahrungen sie aufgrund ihres Migrationshintergrunds gemacht haben.

Auffällig dabei ist, wie oft Migranten vor allem in der Schule Ungerechtigkeiten erlebt haben. So schrieb Twitter-Nutzerin Miriam zum Beispiel, dass sie trotz sehr guter schulischer Leistung von ihrer Lehrerin für die Hauptschule empfohlen worden sei, weil sie dort unter “Gleichgesinnten” sein könnte:

Ähnlich war es bei Twitter-Nutzer Krsto Lazarević, der angeblich besser in eine Hauptschulklasse passte – wo nur ein einziger Schüler ohne Migrationshintergrund in der Klasse war:

Verfolgt man die #MeTwo-Debatte, entsteht leicht der Eindruck, von Lehrern ausgehender Rassismus an Schulen habe System. Um dieser Vermutung auf den Grund zu gehen, hat die HuffPost mit drei Lehrern gesprochen – und drei sehr unterschiedliche Antworten erhalten.

“Dass Deutschland Einwanderungsland ist, spiegelt sich in Schulbüchern wenig wider”

Olaf Schäfer unterrichtet seit über 20 Jahren an Brennpunkt-Grundschulen in Berlin, zunächst in Neukölln, inzwischen in Marzahn. Auf unsere Frage, wie stark Rassismus seitens der Lehrer an deutschen Schulen ausgeprägt ist, antwortet er:

“In den letzten Jahren hat sich die Situation ein wenig verbessert – sowas wie ‘Die zehn kleinen Negerlein’ singt man an Grundschulen zum Beispiel nicht mehr.

Dennoch sind vor allem unsere Schulbücher und die Themenwahl in der Lehre noch sehr euro- und ethnozentristisch. Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, spiegelt sich in unseren Schulen wenig wider.”

Auch die Lehrer selbst spiegeln dieses Bild. So berichtet Schäfer: “Wenn ein Junge mit muslimischen Eltern etwas anstellt, heißt es von den Lehrern oft: ‘Klar, der ist ja der Pascha zu Hause’ oder es wird auf das Macho-Stereotyp arabischer Jungs angespielt. Wenn ein blonder Junge deutscher Eltern sich genauso verhält, ist er einfach nur ein Rabauke.”

Das Gefährliche daran sei, dass das Bild, das die Lehrer in ihren Schülern mit Migrationshintergrund sähen, sich im schlimmsten Fall auf sie übertragen würde.

“Die Kinder werden dann unter Umständen aggressiv und denken: ‘Wenn ich es schon in der Schule nicht schaffe, dann beweise ich mich wenigstens auf der Straße.’ So reproduzieren sie genau das Klischee, das die Gesellschaft in ihnen sehen will.”

Die Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund würden sich oft machtlos zeigen gegen den Rassismus, der von Lehrern ausgeht. Oft wüssten sie nicht, wie sie ihre Kinder unterstützen oder gegen systemische Ungerechtigkeit wehren könnten: “Diese Eltern werden viel öfter abgewimmelt, drohen seltener mit dem Rechtsanwalt – sie geben schneller auf.”

In keinem EU-Land hängt Bildung so sehr von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Für Kinder aus bildungsnahen Familien sei es laut Schäfer eine Selbstverständlichkeit, aufs Gymnasium zu gehen.

Mehr zum Thema: Es gibt keine Schule ohne Rassismus

Bei Kindern mit Migrationshintergrund fehle diese Selbstverständlichkeit häufig – und Lehrer würden immer noch zu oft daran scheitern, ihnen ihre Bildungsmöglichkeiten zu vermitteln. Um das zu ändern, müssten Lehrer laut Schäfer stärker interkulturell weitergebildet werden.

“Wer sprachliche Defizite aufweist, sollte sich einen Gymnasiumsbesuch überlegen”

Heinz-Peter Meidinger sieht diese Notwendigkeit nicht. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Schulleiter eines Gymnasiums in Deggendorf vertritt die Meinung, es gebe an deutschen Schulen keinen systemischen Rassismus.

Dass Schüler mit Migrationshintergrund seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten liege nicht daran, dass die Lehrer rassistische Stereotype reproduzieren würden:

“Für Kinder mit Migrationshintergrund ist es wegen derer sprachlichen Defizite oft sinnvoller, nicht direkt auf ein Gymnasium zu wechseln, wo sie mit bis zu drei weiteren Fremdsprachen konfrontriert werden.

Auf dem Gymnasium gebe es außerdem seltener zusätzliche Deutschkurse für Kinder mit Migrationshintergrund. Deswegen sei es für diese meist einfacher, zunächst nicht aufs Gymnasium zu gehen und das Abitur über eine Gesamtschule oder eine Fachoberschule  anzusteuern.

“Ich habe selbst schon mehrfach Kindern mit Migrationshintergrund und Sprachdefiziten empfohlen, einen anderen Weg zum Abitur zu wählen, auch wenn sie grundsätzlich die kognitiven Fähigkeiten für das Gymnasium mitbrachten. Dass das ein Zeichen von Rassismus sein solle, halte ich für falsch.”

Meidinger räumt ein, dass es natürlich in Einzelfällen dazu kommen könnte, dass Lehrer die Begabung ihrer Schüler aufgrund von sprachlichen Defiziten falsch einschätzten. Normalerweise aber würden die Lehrer ihre Schüler gerade an Grundschulen sehr gut kennen, somit könne man auf ihr Urteil in der Regel vertrauen.

Ein Blick auf die Statistik verrät, dass zum Beispiel in Berlin gerade einmal 16 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund das Abitur machen –genauso hoch ist die Schulabbrecherquote bei dieser Gruppe. Könnten sich diese Zahlen verbessern, würde man früher bei Integration und Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund ansetzen?  

“Kinder mit Migrationshintergrund haben heutzutage mehr Möglichkeiten”

Von Erfolgen in Hinblick auf Integration und interkulturelle Zusammenarbeit weiß Marlou Hundertmark zu berichten. Die Grundschullehrerin arbeitet in einem Brennpunktviertel in Hamburg:

An unserer Schule habe ich noch keine Situation erlebt, in der sich die Lehrer rassistisch verhalten hätten. In einem Brennpunktviertel ist ein hoher Migrationsanteil die Norm, wer hier arbeitet, weiß, dass ein Migrationshintergrund nichts Exotisches ist.” 

Hundertmark sieht auf jeden Fall einen Wandel, was Rassismus an deutschen Schulen betrifft:

“Eine 35-jährige Freundin von mir, die gebürtig aus Afghanistan stammt, hatte damals noch das Problem, dass ihr der Besuch eines Gymnasiums nicht zugetraut wurde. Heute entwickelt sich da eine neue Generation von Schülern mit Migrationshintergrund, der viel mehr Fähigkeiten zugetraut werden als damals. 

Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund erlebt Hundertmark häufig als sehr respektvoll und zurückhaltend, sie würden den Lehrern vertrauen, obwohl sie das System und manche Vorgehen aufgrund von Sprachbarrieren manchmal nicht verstehen. Um diesem Problem entgegenzuwirken, gibt es an Hundermarks Schule ein Eltern-Mentoren-Programm, bei denen sich Eltern gegenseitig helfen können:

“Viele der Elternmentoren stammen selbst aus anderen Ländern und kennen die Probleme, mit denen sich Migranten im Alltag herumschlagen müssen. Sie können anderen Eltern Schulangelegenheiten oft verständlicher erklären oder auch mal übersetzen – so funktioniert Integration von innen heraus.”

Mehr zum Thema: An alle Deutschen, die nicht “Kartoffel” genannt werden wollen

So habe zum Beispiel eine türkische Mutter einer indischen dabei geholfen, Formulare für die Schule auszufüllen und ihr genau erklärt, wie sie ihre Tochter für die Schule vorbereitet, ihren Schulranzen kontrolliert und wie die Buchrückgabe an der Schulbibliothek funktioniert.

Die positive Konsequenz war, dass der Junge der indischen Familie von da an pünktlich und vorbereitet zur Schule kam und seine ausgeliehenen Bücher rechtzeitig zurückbrachte.

“Ich war am Anfang skeptisch, ob die türkische Mutter mit der indischen zurechtkommen würde – schließlich sprach die türkische Mutter Deutsch mit Akzent und die indische hatte geringe deutsche Sprachkenntnisse”, sagt Hundertmark.

Aber es habe wunderbar funktioniert.

“Der Migrationshintergrund verbindet, und die Eltern kennen manchmal einfach Lösungen für Probleme, an die wir Lehrer gar nicht denken.”

Wir sind auf dem Weg zur Gleichberechtigung

Die Tatsache, dass die Meinungen und Beobachtungen der drei Lehrer, die wir befragt haben, so stark auseinandergehen, beweist, wie komplex sich das Thema Rassismus an Schulen verhält. Viele Faktoren sind dabei zu beachten:

Neben der Lage der Schule sowie deren Migrationsanteil spielt auch Bildungsnähe oder -ferne der einzelnen Familien ein Rolle und nicht zuletzt auch, wie so oft, das liebe Geld: Denn ohne finanzielle Mittel wären Fördermaßnahmen zur Integration wie zum Beispiel an Hundertmarks Schule nicht möglich.

Die negative Erfahrung, die viele Menschen im Rahmen der #MeTwo-Debatte geteilt haben, macht das nicht ungeschehen. Dennoch zeigen die Erlebnisse der Lehrer, dass viele Schüler heutzutage von einer positiven Entwicklung in Hinblick auf Integration profitieren.

Bis zur vollkommenen Gleichberechtigung von Schülern mit und ohne Migrationshintergrund haben die Schulen allerdings noch einen Weg vor sich.

(ujo)