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26/09/2018 16:08 CEST | Aktualisiert 26/09/2018 16:16 CEST

Rasenmäher-Eltern: Experten warnen vor den Folgen des neuen Erziehungsstils

Anstatt ihre Kinder auf Herausforderungen vorzubereiten, mähen Rasenmäher-Eltern alle Hindernisse nieder.

Keith Berson via Getty Images

Ein Spielplatz in Bayern. Zwei Kleinkinder wollen mit derselben Schaufel spielen. Plötzlich sind laute Schreie zu hören. Eine Frau rennt laut rufend auf die Kinder zu, entreißt ihrem eigenen Kind das Spielzeug und reicht es dem anderen. 

“Du musst teilen!”, schimpft sie ihrem Sohn ins Ohr. Während der Junge anfängt zu weinen, wirkt das andere Kind verdutzt. Unsicher nimmt es die Schaufel an. Es weiß nicht recht, wie es sich verhalten soll.

Szenen wie diese passieren überall und jeden Tag auf deutschen Spielplätzen. Warum hat die Mutter nicht zugelassen, dass die Kinder ihren Konflikt selbst lösen? Was hätte im schlimmsten Fall passieren können? 

Immer häufiger greifen Eltern in das Spiel oder die sozialen Begegnungen ihrer Kinder ein, ohne dass es dafür einen Grund gäbe. Sie entfernen potentielle Hindernisse, bevor ihr Kind darüber stolpern könnte, sie ebnen den Weg. 

Diese neue Generation von Eltern bezeichnen Experten auch als “Rasenmäher-Eltern”. Sie gehören gewissermaßen zur Familie der “Helikopter-Eltern”: Dieser inzwischen gängige Begriff beschreibt Eltern, die überfürsorglich mit ihren Kindern umgehen und sinnbildlich wie ein Helikopter über ihrem Nachwuchs schweben, um ihn vor potenziellen Gefahren zu schützen. 

Rasenmäher-Eltern machen ihren Kindern den Weg frei

Der Begriff “Rasenmäher-Eltern” ist dagegen vergleichsweise neu. Er kam auf, nachdem Ende August ein Lehrer, der anonym bleiben möchte, auf der Website Wearetheachers.com über seine Erfahrungen mit Eltern und Schülern berichtet hat.

Er erklärt den Begriff so:

“Rasenmäher-Eltern tun alles, was nötig ist, um ihr Kind vor Rückschlägen, Auseinandersetzungen oder Misserfolgen zu bewahren. Anstatt ihre Kinder auf Herausforderungen vorzubereiten, mähen sie Hindernisse nieder, sodass ihre Kinder sie gar nicht erst zu spüren bekommen.”

Das klingt vielleicht erstmal recht harmlos. Doch der Lehrer erklärt weiter:

“Indem wir Kinder großziehen, die nur wenige Auseinandersetzungen erlebt haben, erschaffen wir keine glücklichere Generation von Kindern. Wir erschaffen eine Generation, die keine Ahnung hat, was sie tun soll, wenn sie tatsächlich mal auf ein Hindernis stößt. Eine Generation, die beim bloßen Gedanken an einen Misserfolg in Panik ausbricht oder komplett abschaltet. Eine Generation, für die Scheitern so schmerzhaft ist, dass sie Bewältigungsmechanismen wie Sucht, Schuldzuweisung und Verinnerlichung benötigt, um damit klarzukommen.”

Auch eine Professorin einer amerikanischen Universität in Pittsburgh berichtet in einem Blogbeitrag anonym über ihre Erfahrungen mit Rasenmäher-Eltern –  und beschreibt die gravierenden Folgen des Erziehungsstils für die Kinder:

Sie entwickeln keine eigene Motivation und haben keinen eigenen Antrieb, denn sie wissen nur, wie man dem Weg folgt, den die Rasenmäher-Eltern bereits vorbereitet haben.

Sie sind nicht in der Lage, große oder kleine Entscheidungen zu treffen, ohne Hilfestellung von anderen.

Sie bekommen ständig die Botschaft vermittelt, dass sie nicht gut genug sind, um ihre eigenen Probleme zu lösen.

Kinder von überfürsorglichen Eltern haben häufiger Probleme in der Schule

Lehrer, Erzieher, Professoren und andere Experten beobachten diesen Trend seit Jahren und warnen vor den Folgen.

Kinder von überfürsorglichen Eltern haben Untersuchungen zufolge größere Schwierigkeiten, ihre Impulse und Emotionen zu kontrollieren – eine Fähigkeit, die extrem wichtig ist, um sich in sozialen Gefügen zurechtfinden zu können. 

Was im Kleinen auf dem Spielplatz beginnt, setzt sich in der Schulzeit fort. Dort kann es für die Kinder dann zur Belastungsprobe werden: 

“Kinder, die ihre Emotionen und ihr Verhalten nicht effektiv regulieren können, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit im Unterricht stören, mehr Probleme damit haben, Freunde zu finden und häufiger Schwierigkeiten in der Schule haben”, sagte Nicole Perry von der University of Minnesota Twin Cities über die Ergebnisse einer Langzeitstudie bei der die Auswirkungen eines überfürsorglichen Erziehungsstils untersucht wurden. 

Erfolgreiche Kinder um jeden Preis

Nicht nur in den USA, auch in Deutschland sehen Experten die Gefahren eines solchen Erziehungsstils für die Kinder.

Immer häufiger wird auch hierzulande darüber berichtet, dass Kinder Aufgaben abbrechen, hinschmeißen, zornig, oder trotzig reagieren, wenn sie auf eine Herausforderung stoßen.  

Die Angst vor dem Scheitern ist so groß, dass manche Kinder sich gar nicht erst an eine Aufgabe herantrauen.

Wenn Kinder nie lernen, Enttäuschungen oder Rückschläge hinnehmen zu müssen, werden sie zu schwachen Persönlichkeiten, warnte der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsforscher Klaus Hurrelmann einmal im Gespräch mit der HuffPost.

Kein Kind könne lebenstüchtig werden, wenn man ihm nie gestatte, auch mal ein Risiko einzugehen. Es sei wichtig, auch die Erfahrung zu machen, dass Hindernisse überwunden werden können. 

Doch Kinder von “Rasenmäher-Eltern” stoßen selten auf ein Hindernis. Sie sind es gewohnt, einen vorgegeben Weg zu folgen. Ihre Eltern wollen sie  – vermutlich aus falsch verstandener Liebe – vor negativen Erfahrungen bewahren.

Gleichzeitig haben sie eine sehr hohe Erwartungshaltung an ihre Kinder. Sie greifen auch deshalb so stark in ihr Leben ein, weil sie wollen, dass die Kinder später erfolgreich werden – ob nun in sozialer oder akademischer Hinsicht.

Wenn Eltern bei den Hausaufgaben helfen, üben sie unbewusst Druck aus

“Viele Eltern machen den Fehler, dass sie sich als Partner des Kindes verstehen und alles mit dem Kind zusammen machen. Dabei kann das Kind nicht lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und es kann dann auch nicht lernen, mit einer Enttäuschung auf angemessene Weise umzugehen.”

Dies zeige sich dann häufig in der Grundschule, beispielsweise, wenn ein Kind im Matheunterricht Schwierigkeiten hat. Die Eltern wollen verständlicherweise, dass ihr Kind sich verbessert, achten auf die Erledigung der Hausaufgaben, üben zu Hause viel mit dem Kind. Trotzdem gibt es eine schlechte Arbeit nach der anderen.

Das ist etwas, das viele Kinder heute nicht aushalten können, erklärte der Forscher. “Das ist für sie einfach unerträglich, weil die Mutter oder der Vater so intensiv mit ihnen gearbeitet haben und trotzdem ist nichts draus geworden.”

“Es ist natürlich eine starke Belastung für ein Kind, wenn die Eltern so hohe Erwartungen haben”, sagte Hurrelmann.

“Und es verhindert, dass das Kind sich traut, auch mal einen Fehler zu machen und diesen einzugestehen. Viele haben das Gefühl, dass sie sich keinen Fehltritt leisten dürfen, weil sie sonst ihre Eltern verletzen und enttäuschen könnten.”

Kinder setzen sich selbst herab, um nicht verletzt zu werden

Kinder würden so ziemlich alles tun, um sich die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern zu sichern. Aus evolutionärer Sicht haben sie so ihr Überleben sichergestellt. Und dieses Bedürfnis ist Kindern bis heute nicht abhanden gekommen.

Um zu zeigen, was sie drauf haben, sind Kinder sogar bereit, sich richtig zu verbiegen. Wenn sie das jedoch tun, ohne dabei die Anerkennung der Eltern zu bekommen, geht das mit sehr großem Schmerz einher.

Manche versuchen diesem Schmerz zu entgehen, indem sie zum Beispiel schon von sich aus sagen: “Ich bin eh schlecht in Mathe.” Auf diese Weise setzen sie sich selbst herab und greifen dem Urteil der Eltern vor.  

In Wahrheit schämen die Kinder sich für ihre schlechten Leistungen. Nicht nur vor den Eltern, sondern auch vor Mitschülern und sogar vor sich selbst:

“Die Kinder beteiligen sich nicht am Unterricht, um ihre Unwissenheit vor anderen zu verbergen, und drücken sich vor Hausaufgaben, um vor sich selbst nicht zuzugeben, dass sie den Stoff nicht verstanden haben”, sagte Katharina Melbeck-Thiemann vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen schon vor Jahren im Gespräch mit der “Süddeutschen Zeitung”.

Anstatt zu versuchen, jede Situation zu kontrollieren, sollten Eltern lieber versuchen, ihrem Kind zu signalisieren, dass sie ihm vertrauen, meint Hurrelmann: “Diese Haltung ist so wichtig, weil sie dem Kind signalisiert, dass es für sich selbst verantwortlich ist.” 

Eltern haben mehr Angst als die Generationen vor ihnen

Gleichzeitig sollten sich Eltern auch fragen, wo die Ursache für das eigene Verhalten liegt. Warum fällt es Eltern zunehmend schwer, auf die Kompetenz ihrer Kinder zu vertrauen? Warum haben immer mehr Eltern das Gefühl, die Kontrolle übernehmen zu müssen – etwa, indem sie gemeinsam mit den Kindern Hausaufgaben machen?

Eine Erklärung könnte sein, dass Eltern heute mehr Angst haben, als die Generationen vor ihnen. Angst vor Gefahren. Angst vor dem Scheitern. Angst vor Ausgrenzung. Doch Eltern müssen diese Angst überwinden, 

Wer Kinder hat, kennt diese Angst und kann sie nachvollziehen. Doch diese Angst muss überwunden werden. Damit sie unsere Kindern nicht belastet und davon abhält, zu den großartigen Persönlichkeiten heranzuwachsen, die sie sind – ganz ohne unsere Hilfe.  

Vielleicht ist das die schwierigste und zugleich die wichtigste Aufgabe, die Eltern haben.

(ben)