POLITIK
23/02/2018 19:49 CET

Das ist der mysteriöse Oligarch, der die Drecksarbeit für den Kreml verrichtet

Jewgeni Prigoschin liefert Wladimir Putin Gerichte der besonders delikaten Art.

Mikhail Svetlov via Getty Images
Der russische Milliardär und Geschäftsmann Jewgeni Prigoschin im Jahr 2016
  • Der russische Gastro-Milliardär Jewgeni Prigoschin pflegt beste Beziehungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin
  • Nun steht der Oligarch im Fokus der Ermittlungen von US-Sonderermittler Robert Mueller – weil er sich in die US-Wahl eingemischt haben soll 

Angeklagt zu werden ist nichts ganz Neues für den Mann, den sie in Moskau “Putins Koch” nennen: Jewgeni Prigoschin.

Er wurde bereits 1981 wegen Raubes, Betrugs und Zuhälterei von Minderjährigen zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.

Doch das tat Prigoschins steiler Karriere nach dem Ende der Sowjetunion keinen Abbruch: Der heute 56-jährige wurde mit Gastronomie-Dienstleistungen und Dank bester Verbindungen in die höchsten Ebenen der russischen Politik Milliardär. Und er betreibt das einzige private Restaurant im russischen Parlament.

Doch nun will ausgerechnet US-Sonderermittler Robert Mueller Prigoschin vor Gericht bringen. Eine Spurensuche in Russland, den USA und Syrien.   

Geschäfte in “Russlands krimineller Hauptstadt”

Neun Jahre saß Prigoschin im Gefängnis, bevor er 1990 begnadigt wurde. Gerade rechtzeitig, um in den Wirren der Perestroika sein Glück zu finden.

Der heute 56-jährige brachte es zum erfolgreichen Geschäftsmann – keine Ausnahme in den wilden Zeiten in “Russlands krimineller Hauptstadt”, wie Sankt Petersburg in den 1990er Jahren genannt wurde.

► Eine der wichtigsten handelnden Figuren in der Millionenstadt an der Newa damals: Wladimir Putin. Seines Zeichens damals Vize-Bürgermeister. Und zuständig für Außenhandelsbeziehungen.

Die Übergänge zwischen Stadtregierung, organisierter Kriminalität und Geheimdienst, für den Putin zuvor diente, seien damals fließend gewesen, berichten Zeitzeugen.

Blühende Geschäfte in Putins Russland

Der öffentlichkeitsscheue Jewgenij Prigoschin machte in den frühen 1990er-Jahren das erstes große Geld just in dem Bereich, für den Putin als Vizebürgermeister zuständig war: im Glücksspiel. So lernte er den heutigen Präsidenten kennen.

Neben Glücksspiel machte der Mann auch in Fast Food.

So eröffnete er nach eigenen Angaben den ersten Hotdog-Stand in Leningrad, wie Sankt Petersburg damals noch hieß. Weil Senf damals noch Mangelware war, musste er ihn Zuhause selbst zusammenmischen. Das Rezept kam offenbar an: Prigoschin stellte eine kleine Hotdog-Kette auf die Beine.

Nachdem Putin an die Macht kam, blühten Prigoschins Geschäfte richtig auf.

Deshalb geriet der Geschäftsmann später ins Visier des Korruptionsbekämpfers und Oppositionsführers Alexej Nawalny

► Demnach richtete der Geschäftsmann 2003 den Geburtstag Putins aus – was ihm den Spitznamen “Putins Koch” einbrachte.

Zudem versorgte er das ganze Petersburger Wirtschaftsforum kulinarisch – ebenso wie die Gäste der Amtseinführung von Präsident Dmitri Medwedjew 2008.

Das erwies sich als geschäftsfördernd: Im Anschluss bekamen seine Firmen Großaufträge für Kantinen in den Schulen Moskaus und Sankt Petersburgs, wie Nawalny erzählt.

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Prigoschin (links) bediente Putin (Mitte) im November 2011 bei einem Abendessen mit ausländischen Wissenschaftlern und Journalisten.

Jacht, Privatjet und Villa 

► Prigoschin wurde den Angaben zufolge auch mit der Versorgung von Teilen der Armee und des Katastrophenschutzes beauftragt – und trickste bei der Vergabe laut dem Korruptionsbekämpfer mit Scheinfirmen, um gute Preise zu erzielen.

Prigoschins riesiger Wohlstand war einige Zeit auch auf Instagram dokumentiert: Seine Tochter Polina zeigte dort Fotos der Jacht sowie des Privatflugzeugs, nicht ohne deren noble Ausstattung zu betonen. Die Bilder verschwanden später.

Nicht verschwunden und ebenso beeindruckend sind die Aufnahmen, die Nawalny mit einer Drohne machen ließ, die über das imposante Anwesen der Familie Prigoschin flog.

Um an so viel Reichtum zu bekommen, reichten kulinarische Dienste allein offenbar nicht aus.

“Putins geheime Söldner”

Prigoschin liefert dem Kreml noch Gerichte der besonderen Art:

► Unter anderem soll er laut einem Bericht des angesehenen Wirtschaftsdienstes RBK die Medienholding “Föderale Nachrichtenagentur” (RIA FAN) aufgebaut haben, die monatlich elf Millionen Menschen erreicht und stramm auf Putin-Kurs ist. Dessen Leiter bestreitet allerdings eine Verbindung zu Prigoschin.

Medienberichte bringen “Putins Koch” auch in Verbindung mit der “Gruppe Wagner”, einem privaten russischen Sicherheits- und Militärunternehmen, das eng mit dem staatlichen Sicherheitsapparat verbandelt ist und unter anderem in Syrien und der Ostukraine Krieg führt.

►  In den Medien werden die Mitarbeiter von Wagner auch “Putins geheime Söldner” genannt. 

► Ein geleakter Vertrag soll belegen, dass Prigoschin mit Hilfe der Gruppe Geld in Syrien verdient.

► Zuletzt berichtete die “Washington Post”, dass der 56-Jährige auch dort stationierte russische Söldner kontrolliert, die in diesem Monat US-Truppen und ihre Verbündeten angegriffen hatten.

► Laut US-Geheimdienstberichten soll der Oligarch in den Tagen vor und nach dem Angriff in engem Kontakt mit dem Kreml- und syrischen Beamten stand.

Daneben betreibt der Milliardär nach zahlreichen Berichten einen regelrechten Troll-Konzern mit dem Namen “Agentur für Internet-Forschungen” (AII).

Deren Aufgabe laut dem Moskauer Internet-Portal “The Insider”: Kampf gegen die Kreml-Gegner im Internet. 

Informationskrieger Nr. 1

Prigoschin gilt als Moskaus wichtigster Informationskrieger. Seine Mitarbeiter müllen nicht nur die russischen sozialen Netzwerke und Foren zu, sondern auch ausländische.

Genau das hat Prigoschin jetzt ins Visier von US-Sonderermittler Robert Mueller gebrachtEr wirft dem gebürtigen Petersburger und zwölf weiteren Russen vor, die Wahl in den USA 2016 beeinflusst zu haben.

► Geleakte Unterlagen nähren diesen Verdacht erstmals im Mai 2014: Sie erlaubten damals erstmals einen Einblick, wie Prigoschins Troll-Arbeit bei ausländischen Medien und sozialen Netzwerken funktioniert, welche Aufgaben die Trolle haben und wer ihre Ziele sind.

Die Mitarbeiter der “Auslandsabteilung der AII” (intern wird das Projekt ”Übersetzer” genannt) – sind in vier Richtungen tätig:

► Soziale Netzwerke (Twitter und Facebook)

YouTube

► Foren

► Kommentare unter den Artikeln ausländischer Medien

Auftrag der Trolle ist das Verbreiten von positiven Meldungen über Russland und negativen über seine Feinde, sowie eine Beeinflussung der öffentlichen Meinung.

Mikhail Svetlov via Getty Images
Prigoschin bei einem Treffen mit ausländischen Investoren im Petersburger Konstantinpalast im Juni 2016

Zwietracht in den USA säen 

Die US-Justiz unter der Führung von Mueller hat ausführliche Indizien vorgelegt: Laut Anklage hatte die von Prigoschin und anderen Russen gegründete Agentur für Internet-Forschungen das “strategische Ziel, Zwietracht im politischen System der USA zu säen”, einschließlich der Wahl.

Laut dem US-Sender CNN wirft Mueller allen Beteiligten eine Verschwörung zum Betrug in den Vereinigten Staaten vor. So sollen die Angeklagten, unter ihnen auch “Putins Koch”, in verschiednen sozialen Netzwerken Seiten und Gruppen erstellt haben, um die US-Öffentlichkeit zu beeinflussen. 

Mit Hilfe ihrer Agentur gaben die Russen “abfällige Informationen über eine Reihe von Kandidaten” bekannt, unter anderem durch gekaufte Anzeigen. Bis Mitte 2016 sollen sie Donald Trump unterstützt und Hillary Clinton verunglimpft haben.

Doch wie funktionierte das System?

Auf Facebook, Twitter und in ihren Kommentaren nutzen die Trolle gefälschte Accounts. Sie geben dann etwa an, Amerikaner zu sein.

Beim Einrichten solcher Accounts gehen sie viel aufwendiger und sorgfältiger zur Sache als in den russischen sozialen Netzen.

Der Auslands-Troll macht brav alle Angaben zu seinen Hobbys, schreibt regelmäßig Bemerkungen zu unverdächtigen, neutralen, Themen, bemüht sich, sein einseitiges Engagement nicht allzu offensichtlich werden zu lassen, nimmt an Diskussionen teil und gibt sich Mühe, nicht allzu grob zu sein, berichtet “The Insider”.

► Prigoschin und seine 12 Mitangeklagten können sich trotz der Anklage und der drückenden Beweislast erst einmal zurücklehnen: Solange sie Russland nicht verlassen, hat die US-Justiz keinen Zugriff auf sie.

Der Nutzen von Prigoschins Jacht und Privatflugzeug könnte indes erst einmal beschränkt sein.