POLITIK
06/06/2018 20:14 CEST | Aktualisiert 06/06/2018 20:16 CEST

Wie perfide Putin das ORF-Interview für seine Propaganda nutzte

Der russische Präsident stellt Journalisten und Zuschauer vor neue Herausforderungen.

SOPA Images via Getty Images

“Tschekisten (Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdiensts, Anm.) haben ihre Zunge nicht, um ihre Gedanken auszudrücken, sondern um sie zu verbergen”, besagt eine Redensart aus dem KGB-Milieu.

Auch Wladimir Putin zitierte diese Worte früher.

Der russische Präsident machte nie ein Geheimnis daraus, dass er sich als “Tschekisten” sieht.

Und unter ihm begann in Russland eine massive Nostalgie in Sachen Tscheka, wie der KGB zu seinen Anfängen hieß.

Regelmäßig besucht Putin am 20. Dezember, dem Tag des Tschekisten, seine Kameraden, und feiert mit ihnen.

Die Tscheka ist die wohl blutigste Organisation in der russischen Geschichte. Sie erhob den Terror zur Staatsdoktrin und ist verantwortlich für unzähliges Leid und Morden.

Eines der Hauptwerkzeuge der Tscheka, also des KGB, war immer das Täuschen und Irreführen; auch mit “Spezialoperationen”, die zum täglichen Brot der Geheimen gehören.

In Russland gebe es unter Wladimir Putin keine Politik mehr, an ihre Stelle seien “Spezialoperationen” getreten, kritisieren Kreml-Gegner.

Dieser Hintergrund ist wichtig, wenn man das jüngste Interview dem Präsidenten mit dem österreichischen ORF verstehen will.

Klassischer Journalismus stößt bei Putin an seine Grenzen

Auch wenn sich der Fragesteller, ORF-Moderator Armin Wolf, im Gegensatz zu anderen, früheren Interviewern sehr gut vorbereitete und sich wacker schlug: Das Interview zeigt doch, dass klassischer Journalismus im westlichen Sinne im Umgang mit einem “Tschekisten” wie Putin an seine Grenzen stößt.

Kritische Geister behaupten zwar, Lügen seien in der Politik alles andere als selten.

Dass die Lüge allerdings zum Prinzip erhoben wird, ist ein Phänomen, das knapp 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen im Westen bei den meisten in Vergessenheit geraten ist.

Wladimir Putin hat dabei eine Meisterschaft erreicht. So souverän, so selbstsicher tischt er Lügen auf, dass er unserer Wahrnehmung ein Schnäppchen schlägt: Wenn jemand derart vehement und ohne jeden Zweifel seine Argumente vorträgt, dann muss er an sie sie glauben – so sind wir geneigt zu denken.

Putin sucht sich seine Gesprächspartner aus

Zu den Kniffen, die Putin dabei anwendet, gehört es, dass er es tunlichst vermeidet, sich Interviewern zu stellen, die sowohl kritisch als auch kompetent sind.

Der ORF hat erfreulicherweise dokumentiert, was eine der – typischen, aber sonst kaum je öffentlich gemachten – Bedingungen des Kreml für das Interview war: Dass es nicht die in Russland lebende, gut russisch sprechende und bestens mit den Fakten vertraute Moskau-Korrespondentin führt – sondern einer der Kollegen aus Österreich.

So exzellent sich Wolf auch vorbereitete – bei vielen Punkten fehlte ihm dann doch das Detailwissen, um Putins “alternative Fakten” zu widerlegen.

Umso erstaunlicher ist, dass selbst der fachfremde Wolf dem Präsidenten durchaus Paroli geben konnte.

Der ORF-Mann bereitete sich akribisch vor

Der Österreicher hatte sich akribisch auf seine Aufgabe vorbereitet, etwa, indem er die früheren Interviews des Kremlchefs ausführlich studierte.

Sein Fazit über Putins Interview-Strategie, das er in seinem Blog veröffentlichte:

Putin antwortet ausführlich, “fast immer wird es grundsätzlich”. 

 Er liebt Gegenfragen.

Er lenkt gerne von einem auf ein anderes Thema ab.

Er dementiert grundsätzlich alles, was er dementieren will.

Wenn er unterbrochen wird, kritisiert er das sofort. 

Hier drei Beispiele für Putins Lügen beziehungsweise Ablenkungsmanövern.

1. Das Abkommen mit der FPÖ

Auf die Frage Wolfs nach der Zusammenarbeit zwischen der Kreml-Partei “Einiges Russland” und der rechtspopulistischen FPÖ in Österreich sowie anderen nationalistischen Kräften in Europa antwortete der Kreml-Chef, er sei zwar ein Gründungsmitglied der Partei, aber jetzt nicht mehr deren Mitglied.

Man solle deshalb besser Premierminister Dmitrij Medwedew fragen.

 Dabei ist selbst für Putins Unterstützer völlig klar, dass er das Sagen in der Partei hat – wie auch im ganzen Land.

Weiter sagte Putin: “Ich kann mit einem großen Anteil an Überzeugung folgendes annehmen – wir haben keinerlei Ziel, irgend jemanden in der EU auseinander zu dividieren.“

 Unzählige Fakten sprechen für das Gegenteil – so unterstützt Russland insbesondere EU-feindliche Parteien, und auch bei der Brexit-Kampagne gibt es viele Spuren nach Moskau.

2. Putin und die Trolle

Auf die Frage nach seinem Vertrauten Jewgeni Prigoschin, der unter anderem im Restaurant-Geschäft aktiv ist, und nach dessen legendären Troll-Fabriken, antwortete Putin: “Fragen Sie ihn selbst, der russische Staat hat keinerlei Beziehung zu ihm.”

 Damit verschweigt Putin die vielfältigen Geschäftsbeziehungen seines Freundes zum Staat. Und vor allem die Tatsache, dass in seiner “Vertikale der Macht“ seine Freunde, die es unter ihm zu Milliardenvermögen brachten, nach Angaben von Insidern als seine “verlängerten Arme” funktionieren.

Weiter sagte Putin: “Wie tief sind alle gefallen, was passiert in den Medien und in der Politik des vereinten Westens, wenn ein Restaurantbetreiber aus Russland auf die Wahlen in einem europäischen Land oder in den USA Einfluss nehmen kann? Ist das nicht lächerlich?“

 Nicht, wenn es sich bei dem “Restaurantbetreiber” um einen mit gigantischem Vermögen und Verbindungen ausgestatteten Vertrauten des Präsidenten einer Atommacht handelt.

3. Die Annexion der Krim

Besonders interessant waren die Äußerungen Putins bei den Fragen zur Krim und Ukraine. Hier entfachte der Präsident ein wahres Desinformations-Feuerwerk. 

Und man muss die Details sehr gut kennen, um das zu dechiffrieren.

So sagte Putin etwa zur okkupierten Krim: “Unsere Soldaten waren da immer. Ich habe das auch so gesagt: Da waren unsere Militärs, aber sie haben an nichts teilgenommen.”

Russische Militärs waren in der Tat immer auf der Krim, im Rahmen eines Militär-Stützpunkt-Abkommen; aber sie rückten 2014 eben aus ihren Stützpunkten aus, ohne Hoheitsabzeichen, und griffen das ukrainische Militär an – und Putin behauptete, es handle sich nicht um seine Truppen.

Sodann sprach der Präsident von einem “Putsch” in Kiew, wo in Wirklichkeit ein korrupter Präsident in einer Revolution in die Flucht geschlagen wurde und kurz darauf demokratische Wahlen stattfanden.

Putin sprach von im Februar 2014 bevorstehenden Übergriffen auf ethnische Russen auf der Krim – die es nie gab.

Er sprach von Entscheidungen des Krim-Parlaments für eine Loslösung von der Ukraine – und verschwieg, dass das Parlament zu dieser Zeit von seinen Militärs besetzt war und die Abgeordneten sozusagen im Visier von Gewehrläufen abstimmten.

Er sprach vom Referendum, ohne zu erwähnen, dass vorher kritische Medien ausgeschaltet und Widersacher verfolgt wurden, dass die Krim im Moment der Abstimmung von ihm besetzt war und es bei der Abstimmung Manipulationen gab.

So wie in den oben erwähnten Punkten ließe sich fast das ganze Interview zerlegen.

Kreml-Kritikerin: Putin verhält sich wie ein Kleinkind 

Kritische russische Journalisten spotteten, das Interview lege nahe, dass Putin angefangen habe, an die eigene Fernseh-Propaganda zu glauben.

Olga Kortunowa schreibt auf dem in Russland gesperrten Oppositions-Portal “kasparov.ru”, das Interview zeige interessante Einblicke in Putins Psyche und dessen “neurotische Züge”: Er behaupte ständig, man würde nicht auf ihn hören, ihm gar nicht zuhören, dass man ihn nicht liebe.

Putin verhalte sich, schreibt Kortunowa, wie ein Kind im Kindergarten, dass sich beklagt, die Erzieherinnen ließen es links liegen, dass es andere Kinder gebe, die sich genauso schlecht benähmen, aber immer nur der “arme kleine Wladimir” bestraft werde. Dass er gehetzt werde, immer Angst haben müsse.

Putins Verteidiger, auch im Westen, sehen das ganz anders. Der Kreml-Chef habe endlich die ganzen Lügen über ihn und Russland klarstellen können, so der Tenor.

“Die Lügenpresse: Putin zerstört den unehrlichen österreichischen Journalisten völlig während eines Staats-TV-Interviews”, titelte das staatliche Medienholding “vesti.ru”.

Der Westen ist naiv

Während die russischen Staatsmedien auf den für sie typischen aggressiven Tonfall zurückgriffen, reagierten manche westlichen Medien mit erschreckender Naivität.

Julian Hans, Moskau-Korrespondent der “Süddeutschen Zeitung”, warf etwa der “Tagesschau” auf Twitter vor, sie erledige den Job der russischen Propagandasender: 

Fazit: Putins Propaganda 2.0 stellt den Westen und insbesondere auch die Medien vor Herausforderungen, die zwar nicht neu sind, die aber viele vergessen haben.

Und auch die Leser beziehungsweise Zuschauer.

Sie können sich im “postfaktischen Zeitalter” eben nicht mehr auf den ersten Eindruck verlassen. Eigenständiges (Nach-)informieren und Analysieren ist notwendiger denn ja.

Und auch die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen oder nicht nur auf das Gesagte, sondern auch das Ungesagte zu achten.

Etwa die Körpersprache.

Wladimir Putins Füße sind in dem Interview oft dann besonders stark am Zappeln, wenn seine Aussagen besonders fragwürdig sind.