POLITIK
26/01/2018 16:45 CET | Aktualisiert 26/01/2018 16:52 CET

Putin nennt Lenin einen "Heiligen" - jetzt ruft ein Bischof zum Wahlboykott auf

Eigentlich haben Kirche und Staat in Russland ein gutes Verhältnis.

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Jewtichi ist bloggender Bischof - und Putin-Gegner
  • Ein bekannter Orthodoxer Bischof ruft dazu auf, den Kreml-Chef Putin nicht wieder zu wählen
  • Der Bischof wirft dem russischen Präsidenten “Gotteslästerung” vor

Seit Zar Peter dem Großen konnten sich Russlands Herrscher beständig auf den Segen von oben verlassen – in Form von Unterstützung durch die orthodoxe Kirche.

Und jetzt das: Zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl hat ein orthodoxer Bischof Präsident Wladimir Putin als Mann der “Finsternis” bezeichnet und öffentlich dazu aufgerufen, ihn nicht zu wählen.

Kirche und Staat sind in Russland beste Freunde

Putin, der sich gerne als “Nazleader” feiern lässt (übersetzt “nationaler (An-)führer”) kann sich zwar weiterhin auf die stramme Unterstützung der orthodoxen Amtskirche verlassen. Vor allem auf deren Oberhaupt, Patriarch Kyrill I. Der soll auch Ex-Kollege von Putin beim KGB gewesen sein – das zumindest behaupten ehemalige Regierungsmitglieder.

Bei seiner Heiligkeit ist zuweilen schwer zu sagen, ob er Gott oder dem Präsidenten treuer dient.

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Als in Moskau 2011 Zehntausende gegen den Kreml-Chef auf die Straße gingen, konnte dieser sich auf seinen Patriarchen verlassen: Beruhigt euch, Leute, diesem Putin könnt ihr vertrauen, so seine Botschaft.

Als später wiederum Kyrill, der früher bei der Kirche für den Tabak- und Alkoholhandel zuständig war, Bedarf an weltlichen Gütern bzw. schnödem Mammon hatte, schlug der Kremlchef vor, dem Oberhirten ein paar Grundstücke in bester Lage zu übereignen.

Man hilft sich.

POOL New / Reuters
Putin und Kyrill - man schätzt und hilft sich. 

Geistliche wünschen sich den Krieg

Stramm unterstützt die Amtskirche den Kreml auch in wichtigen Anliegen wie etwa im Kampf gegen Homosexualität. Die ist für namhafte Kirchenvertreter eine Krankheit. Und Sünde sowieso.

Geistliche segnen Waffen, halten Humanismus für Satanismus und wünschen sich einen Krieg – weil die zu “satte und sorglose” russische Gesellschaft den wieder nötig habe.

Kürzlich erklärte Kirchen-Sprecher Ilarion gar im Staatsfernsehen, die Kirche sei bereit, an einem “Dialog über die Wiederherstellung der Monarchie in Russland” teilzunehmen – und schwärmte für diese Regierungsform.

Wer weiß – vielleicht hat Putin sich schon in Gedanken die Zarenkrone angezogen bei seinem nächsten Kirchenbesuch.

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Jewtichi der Ketzer

Bei so viel Liebe zwischen Kreml und Kirche ist das, was jetzt Bischof Jewtichi tat, geradezu Ketzerei: offene Worte gegen den Staatschef.

► Der 62-Jährige ist zwar als Bischof schon pensioniert, aber noch aktiv als Dekan der Bogojawlenski-Kathedrale in der westsibirischen Stadt Ischim.

Jewtichi trägt den bürgerlichen Nachnamen Kurotschnik – was in der russischen Sprache etwas an das Wort für “Hühnchen” (“Kurotschka”) erinnert. Und er steht im Ruf, ein bunter Vogel zu sein.

Böse Zungen bezeichnen seine Exzellenz als “Jurodiwy” – die russische Variante von “Narr in Christo”: Eine exzentrische Figur, die außerhalb der konventionellen Gesellschaft steht.

Seine Kritik am Präsidenten entwertet das jedoch nicht.

Der Bischof bloggt - und das wird für Putin zum Problem

Denn die “Verrücktheit” eines “Narr in Christo” gilt als mehrdeutig. Oft ist sie nur gespielt. Um die Wahrheit auszusprechen. Wie beim Hofnarren. Immerhin haben es 30 “Narren in Christo” in der orthodoxen Kirche zum Heiligenstatus gebracht.

Die Internetzeitung newsru.com schreibt über den Bischof im (Un-)Ruhestand, dass er in einem Kirchturm schlafe, auf einer Truhe, und sogar “harte Arbeit verrichte” – wobei hier wohl nur bemerkenswert ist, dass dies überhaupt für bemerkenswert gehalten wird.

Ungewöhnlich für einen Geistlichen – und dem Kreml sicher weitaus unangenehmer als Jewtichis Schlafgewohnheiten - ist auch, dass der Hirte in den sozialen Netzwerken als Blogger aktiv ist.

Seine Themen reichen von kirchlichen Feiertagen bis zu Tipps, wie die Kartoffeln besser schmecken – wenn man sie mit Soda kocht und nur teilweise schält, und dann als “Kartoffel in Hosen” oder “Kartoffel mit Gürtel” auftischt. 

Jewtichi rief die Menschen noch vor Jahren zur Wahl von Putin auf 

Bis vor kurzem war Jewtichi auf Linie – zumindest, was seine Einstellung zur irdischen Macht angeht.

Im Internet kursiert noch ein Video, auf dem zu sehen ist, wie er 2012 vom Altar aus mit einem Kreuz in der Hand seine Gläubigen zur Wahl Putins aufrief.

Und eigentlich hatte er auch diesmal vor, den Präsidenten zu unterstützen, bekannte seine Exzellenz freimütig im sozialen Netzwerk VK, einer Art Facebook in Russland. 

Aber dann habe sich ein “Hindernis” ergeben: Zum einen missfiel Jewtichi, dass Putin den in Dresden geborenen russischen Staatsmann Pjotr Stolypin (1862-1911) indirekt kritisierte.

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“Das Licht in Dir ist Finsternis”

Stolpin hatte als Premierminister des Zaren tiefgreifende Reformen in Russland durchgesetzt. Er wurde bei einem Anschlag ermordet.

Viel heftiger dürfte den Bischof aber eine andere Aussage des Staatschefs getroffen haben.

In der sieht er “Gotteslästerung”: Putin hatte die Mumie des Revolutionsführers Wladimir Lenin im Mausoleum auf dem Roten Platz mit den Gebeinen von Heiligen verglichen. Und die Bibel mit dem Kodex des Kommunismus.

Das ging Jewtichi zu weit.

Derart zu weit, dass er sich in seinem heiligen Zorn auf den Staatschef auf ein Zitat aus der Bergpredigt stützte: “Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein.”

Das seien die Worte von Christus, mahnte der Bischof im Internet: “Und soll ich dann, gegen das Wort Jesus, wählen gehen und für die Finsternis” – also Putin - “stimmen, oder jemandem raten, das zu tun?! – Nein, nein und nein!”