POLITIK
05/06/2018 20:00 CEST | Aktualisiert 13/02/2019 19:15 CET

Putin-Interview: Wie man einen Autokraten zur Verzweiflung bringt

“Putin spricht jede Unterbrechung an, um den Interviewer zu verunsichern."

Screenshot / ORF

Einmal sprach der russische Präsident im Interview mit dem ORF sogar auf Deutsch: “Seien Sie bitte so nett, lassen Sie mich etwas sagen”, warf Wladimir Putin bei seinem Interview mit dem Journalisten Armin Wolf ein, weil der ihn unterbrochen hatte. Das Gespräch wurde am Montagabend im ORF ausgestrahlt.

Insgesamt 12 Mal unterbrach der Österreicher seinen Interviewpartner während des 54-minütigen Gesprächs. Das Kremlmedium “Sputnik” machte daraus sogar eine eigene Geschichte: Wie ein ORF-Journalist das russische Staatsoberhaupt dazu zwang, Deutsch zu sprechen. 

Viele Beobachter aber lobten hinterher das Interview. Als “journalistisches Lehrstück” bezeichnete etwa das Branchen-Portal “Meedia” Wolfs Gespräch mit Putin und stellte die vielen kritischen Nachfragen des Journalisten heraus.

Wir haben mit Wolf darüber gesprochen, wie er sich auf einen schwierigen Gesprächspartner wie Putin vorbereitet und was ihn an dem Interview erstaunte.

Die Antwort-Strategien von Putin 

Armin Wolf ist Moderator des ORF-Nachrichtenmagazins “Zeit im Bild 2” und für seine kritisch geführten Interviews bekannt.

Er habe sich schon ein paar Tage vorbereitet, erzählt Wolf der HuffPost am Telefon. “Ich habe mit ein paar Russland-Experten gesprochen und habe mir alle Putin-Interviews der letzten Jahre angeschaut”, erklärt er. “Ich hatte ein ganz gutes Bild, wie Herr Putin reagieren wird.”

Ich habe mir alle Putin-Interviews der letzten Jahre angeschaut.Armin Wolf

Im Interview selbst habe ihn daher aufgrund der Vorbereitung eigentlich nichts überrascht. Wolf warnt aber: “Wenn man das nicht kennt, wird es unangenehm.” Denn ein Interview mit Putin laufe nicht wie jedes andere Politiker-Interview ab.

Auf seinem Blog hat der Journalist die Fünf Antwort-Strategien des russischen Präsidenten zusammengestellt:

► Putin antwortet ausführlich, “fast immer wird es grundsätzlich”. 

► Er liebt Gegenfragen.

► Er lenkt gerne von einem auf ein anderes Thema ab.

► Er dementiert grundsätzlich alles, was er dementieren will.

► Wenn er unterbrochen wird, kritisiert er das sofort. 

Wie Putin einer Frage ausweicht 

An einer Stelle im Interview werden diese Strategien besonders deutlich. Wolf fragte nach den sogenannten “grünen Männchen”, also maskierten russischen Soldaten, auf der von Russland annektierten Krim-Halbinsel.

Putin habe 2014 zunächst abgestritten, das es sich um russische Soldaten handelte, sei später aber zurückgerudert, sagte Wolf im Interview. “Warum soll man Ihnen seither etwas glauben?”

► “Ich habe nichts bestritten. Die russische Armee war dort immer präsent”, versuchte Putin, sich zu verteidigen – um dann rhetorisch in die Offensive zu gehen. “Wissen Sie, ich hätte gerne, dass Sie wirklich verstehen, was dort passiert ist, damit Sie nicht mechanisch immer wieder das Gleiche wiederholen.”

Als Wolf ihn wenig später unterbrechen wollte, reagierte Putin forsch: “Sekunde, lassen Sie mich ausreden. Wollen Sie dauernd Fragen stellen oder wollen Sie meine Antworten hören?”

► Um dann eine weitere Gegenfrage anzubringen: “Ich erkläre es Ihnen, und Sie sagen dann Ja oder Nein: Es waren ein verfassungswidriger, bewaffneter Staatsstreich und Machtergreifung. Ja oder Nein?”

Wolf sagte nur, er sei kein ukrainischer Verfassungsexperte. Worauf Putin dem Journalisten vorwarf, auszuweichen. 

“Putin will den Interviewer verunsichern”

Dass der russische Präsident ein äußerst unangenehmer Gesprächspartner sein würde, dass er ihn womöglich auf Deutsch ansprechen würde bei Unterbrechungen – darauf war Wolf vorbereitet. “Putin spricht jede Unterbrechung an, um den Interviewer zu verunsichern”, erklärt er. 

Wolf aber war klar: Er konnte Putin nicht immer ausreden lassen. “Ich wusste, dass Putin sehr ausführlich und sehr detailreich antwortet und ich hatte vor, meine Themen durchzubringen. Daher war klar, dass ich ihn nicht zu jeder Frage drei Minuten lang antworten lassen kann.”

Tatsächlich stellte Wolf viele Fragen zu verschiedenen Themen: dem Partnerschaftsvertrag von Putins Partei Geeintes Russland mit der rechtspopulistischen FPÖ, der Annexion der Krim oder der Troll-Fabrik in St. Petersburg.

Als Interviewer habe er nicht zulassen können, dass Putin zu jedem Thema minutenlang spricht. “Ich unterbreche ungern, aber da läuft eine Uhr mit”, sagt Wolf. Er hätte auch jeden anderen Politiker unterbrochen.

“Die russischen Medien berichten heute, dass ich Herrn Putin 12 Mal unterbrochen hätte”, sagt Wolf und stellt klar: “Ich finde das nicht sehr viel für 54 Minuten, aber dadurch, dass er es jedesmal thematisiert hat, wurde es zu einem großen Ding.”

“Das habe ich noch nie erlebt” 

Was Wolf aber doch erstaunte, war das “gigantische Brimborium” um das Interview selbst. “Da waren zeitweise 40 Leute im Raum, das war ungewöhnlich.”

Außerdem sei das Interview verschoben worden, “wir haben insgesamt dreieinhalb Stunden gewartet. Das habe ich so noch nie erlebt”, berichtet der Moderator. 

Gerade von russlandfreundlichen Fernsehzuschauern wird Wolf nun nach dem Interview kritisiert, dreiste Fragen gestellt zu haben. 

Wolf sieht die Reaktionen bisher allerdings gelassen: “Das ist weniger, als ich dachte. Ich hätte gedacht, dass diese Trollfabriken fleißiger sind.”