POLITIK
15/07/2018 16:56 CEST | Aktualisiert 15/07/2018 21:53 CEST

Warum junge Putin-Gegner das Ende der WM kaum abwarten können

"Dann beginnt die Revolution"

AFP Contributor via Getty Images

Während die Sportwelt auf das WM-Finale in Moskau hingefiebert hat, träumte Frederik Diadkow von der Zeit danach.

Der 21-Jährige sitzt auf einer schmucklosen Terrasse eines Cafés im Moskauer Süden, trinkt Orangentee und pustet den Rauch einer Zigarette der Billigmarke “21. Jahrhundert” aus.

Er habe zwar aufgehört zu glauben, dass sich die Dinge schnell ändern.

“Aber ich denke, dass wir nach der Weltmeisterschaft große Proteste in Russland erleben werden”, sagt er.

Frederik ist Aktivist der Gruppe Vesna, russisch für Frühling.

Nach der WM endet auch das Demonstrationsverbot in den Turnierstädten, mit dem der Kreml für ihn unschöne Bilder von wütenden Protesten unterdrücken wollte.

Putins Popularität ging während der WM zurück

Genau darauf wartet Frederik.

Schon während der WM brach sich die Wut in anderen Städten Bahn.

Zuletzt protestierten Tausende gegen eine Rentenreform, die die Regierung während der Weltmeisterschaft ankündigte. Arbeitnehmer sollen demnach deutlich später in den Ruhestand gehen. Durch die niedrigere Lebenserwartung würden viele diesen nicht mehr vor ihrem Tod erleben.

“Es brodelt in der Gesellschaft”, sagt Frederik. Und das bekommt auch Präsident Wladimir Putin zu spüren. Seine Popularität brach trotz der WM um fast zehn Prozentpunkte ein.

Nun würden ihn nur noch etwas mehr als jeder zweite Russe wählen. So unpopulär war Putin zuletzt vor der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim.

Nicht nur die neue Rentengesetzgebung verärgert die Russen.

Die Inflation ist hoch, die Wirtschaft hat sich noch lange nicht von den Sanktionen erholt. Die wuchs 2017 nur um 1,6 Prozent und ist damit von den Werten vor den Sanktionen weit entfernt.

“Dann ist alles möglich”

Die WM lenkt von diesen Problemen ab.

Sie hat das riesige Land über einen Monat enger zusammenwachsen lassen. Nicht nur der sportliche Erfolg hat die meisten Russen stolz gemacht. Die Menschen haben eine gastfreundliche, perfekt organisierte WM auf die Beine gestellt.

Doch was, wenn die Euphorie verflogen ist?

“Dann ist alles möglich”, sagt Frederik. “Spürbare Veränderungen in der Regierung oder vielleicht sogar eine friedvolle Revolution.”

Frederik, das muss man wissen, sieht nicht aus wie ein typischer Revolutionär. Er trägt ein braves Hemd und eine brave Frisur.

Ekaterina Bodyagina
Frederik, Bodgan (vl), in Moskau.

Dahinter aber verbirgt sich der Wille, den russischen Präsidenten zu stürzen und die russische Gesellschaft und Politik von Grund auf zu verändern.

Es lässt sich tatsächlich nicht vorhersagen, was nach der WM passiert. Schon oft wurden politische Umwälzungen in Russland vorhergesagt – und bislang hat es der Kreml immer verstanden, diese zu unterdrücken. 

Hinzu kommt: Er kann die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich wissen, die vielleicht über die wirtschaftliche Situation unzufrieden ist, aber keine politischen Veränderungen will.

Dennoch glaubt Frederik, dass es diesmal anders kommen könnte.

Er ist der Kopf von Vesna in Moskau und hat zu unserem Gespräch Bogdan Litvin, 24, mitgebracht, der Vesna 2012 mitgegründet hat.

Zwar ist die Organisation klein, aber sie steht exemplarisch für die Unzufriedenheit der eines Teils der Jugend in dem Land.

Die Aktivistengruppe ist mit rund hundert Mitgliedern zahlenmäßig unbedeutend, allerdings wachse das Interesse stetig, sagt Frederik.

Durch medienwirksame Aktionen und durch die enge Vernetzung mit der Opposition unter Alexei Nawalny ist sie zudem russlandweit bekannt.

► Jeden Sommer veranstaltet Vesna ein Camp in einem Wald in der Nähe von St. Petersburg, es gibt Bratwurst, Bier und Workshops zu Menschenrechten und Aktivismus.

David Frenkel / Vesna
Vesna-Protest in St. Petersburg gegen Korruption in der Regierung.

► Vor einem Jahr etwa erregte Vesna mit einer gelben, gigantischen Aufblas-Ente bei einer Demonstration Aufsehen. Eine Anspielung auf die Vorwürfe gegen den russischen Ministerpräsidenten Dimitri Medvedev, der auf einem Anwesen ein luxuriöses Haus für Küken errichtet haben soll.

“Unsere Politiker sind korrupt, unsere Gesetze unmenschlich, unsere Wahlen eine Show”

► Als im April bekannt wurde, dass die russische Regierung den Messenger-Dienst Telegram blockieren wollte, schütteten Vesna-Aktivisten tausende Papierflugzeuge vor Geheimdienst-Gebäuden in mehreren russischen Städten aus. So ein Flieger ziert auch das Telegram-Logo.

“Unsere Politiker sind korrupt, unsere Gesetze unmenschlich, unsere Wahlen eine Show”, sagt Frederik. Die Regierung schere sich nicht um die Zukunft des Landes, sondern nur darum, ihre eigenen Taschen vollzumachen – auf Kosten der Bevölkerung.

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“Und von allein wird sich daran nichts ändern.”

Das Russland, von dem er spricht, hat rein gar nichts mit dem Land zu tun, das der Kreml für die Öffentlichkeit inszeniert: wohlhabend, modern, weltoffen.

Aber es sind genau solche Parolen wie jene von Frederik, die auf Russlands Straßen tausende Jugendliche skandierten und so ihren Unmut über die Politik im Kreml Luft machten.

Zehntausende Jugendliche protestierten

► Der Unmut zeigte sich in Fotos von protestierenden Schülern und Studenten aus mehr als hundert Städten, die im vergangenen Jahr um die Welt gingen.

► Der Unmut zeigt sich aber auch in den Statistiken. So steigt die Zahl der Menschen, die aus Russland auswandern, schon seit Jahren. Jeder zweite nennt die wirtschaftliche Situation des Landes als Grund, 25 Prozent die politische Situation.

► Und der Unmut zeigt sich in den hunderten Verhaftungen und Gerichtsprozessen, mit denen der Staat auf die Proteste der Jugend reagiert.

Frederik gehört einer Generation an, die mit dem Gefühl aufgewachsen ist, vom Staat für ihre Meinung kriminalisiert und in jungen Jahren ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Er hat diese Erfahrung vor einem Jahr im März in St. Petersburg bei einer Großdemonstration gemacht.

Nach kurzer Zeit löste die Polizei die Demo auf, erzählt Frederik. “Wer blieb, wurde verhaftet.”

Er blieb natürlich.

Fünf Tage verbrachte er hinter Gittern in einem Gefängnis außerhalb der Stadt. Es gab einfache Suppen, Brei und Wasser, ansonsten behandelten ihn die Wärter gut, sagt er.

Aber: “Wer hinter Gitter gerät, kann alles verlieren: Job, Familie, Freunde.”

Sein Arbeitgeber warf ihn raus. Und auch seine Eltern.

“Ein Leben ohne Familie, fünf Tage im Gefängnis – all das ist besser als ein Leben lang in Unfreiheit”

Seinen Lebensunterhalt bestreitet er seither aus eigener Kraft. Er hat einen Job in der Medienbranche.

“Ein Leben ohne Familie, fünf Tage im Gefängnis – all das ist besser als ein Leben lang in Unfreiheit”, sagt er.

Wer solche Sätze von einem 21-Jährigen hört, spürt, welche Energie in Teilen der russischen Gesellschaft vorhanden ist, Putins Regime zu stürzen.

Während der Weltmeisterschaft verzichtete Vesna zwar auf Aktionen. “Weil wir alle Kräfte für die Zeit danach bünden wollten”, sagt Frederik.

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Man könne es sich schlicht nicht leisten, dass auch nur ein Aktivist in Haft komme, womöglich über mehrere Wochen, sagt er.

Erst nach der WM wollen sie wieder auf die Straße gehen. “Bis wir gewonnen haben.”

Frederik ist nicht der einzige, der in diesen Tagen von der Revolution spricht.

“Putin muss nun etwas gegen den Unmut tun”

Selbst Tatiana Seliverstova spricht davon, sie ist die Vize-Chefin der größten und ältesten russischen Jugendorganisation, der Russischen Jugend-Union.

Vor 28 Jahren wurde sie gegründet und hat etwa 240.000 Mitglieder in ganz Russland, die zwischen 14 und 35 Jahre alt sind. Sie organisieren Workshops an Schulen und Universitäten im ganzen Land und organisieren etwa Auslandssemester für Studenten.

Die Organisation wird vom Außenministerium mitfinanziert und steht deswegen nicht im Verdacht, von Morgens bis Abends Tiraden auf die russische Regierung zu halten.

Wir treffen Tatiana in einem schicken Cafe in der Moskauer Innenstadt. Sie ist Tochter eines Governeurs einer Region in Russlands Norden.

Anders als Frederik kommt sie aus dem politischen Establishment und gehört zum System Putin.

Tatiana ist sozusagen Vollzeit-Funktionärin, neben ihr steht ein Rollkoffer. Sie kommt gerade aus Portugal und fliegt gleich weiter nach Usbekistan auf eine Konferenz.

All das auch auf dem Ticket der Regierung.

Ekaterina Bodyagina
Tatiana, Vize-Chefin der "Russischen Jugend-Union"

Doch selbst sie sagt: “Die Jugend hat den Glauben in unsere Regierung verloren. Sie sieht keine Veränderung zum Guten in der Politik und in der Wirtschaft.

Das Problem, sagt sie, sei, dass die Regierung die Sorgen der Jugend nicht ernst nehme.

“Putin muss nun etwas gegen den Unmut tun. Er muss vor allem die Wirtschaft reparieren. Sonst werden die Proteste zunehmen”, sagt sie.

Dann würden nicht nur junge, sondern alle Menschen auf die Straße gehen. “Und in einem oder vielleicht auch eineinhalb Jahren werden wir die größten Proteste sehen, die es im modernen Russland gab.”

Vielleicht, sagt sie, werden die Menschen dann eine Revolution starten. Nur einer werde auch in den kommenden zehn bis 15 Jahren immer noch mitspielen: Wladimir Putin.

Und hier unterscheiden sich Frederik und Tatiana dann doch. Die einen wollen ein Russland mit Putin, die anderen ein Russland ohne.  

huffpost

HuffPost-Reporter Jürgen Klöckner berichtet für die HuffPost aus Russland über die Fußball-Weltmeisterschaft und die Geschichten neben dem Sport.

Fotografin und Stringer: Ekaterina Bodyagina