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26/07/2018 18:28 CEST | Aktualisiert 26/07/2018 18:28 CEST

Postpartale Psychose: "Mutterschaft kann auch eine dunkle Seite haben"

"Ich wusste nicht, was die Geburt mit meiner Psyche machen würde."

Die postpartale Psychose warf mich in eine Dunkelheit, in der ich Dämonen in meinem Haus sah, die mein Kind töten wollten.

Die Psychose nach der Geburt führte schnell dazu, dass ich mein Leben mit meinem sogenannten “dunklen Fremden“ führte. Er folgte mir im Haus auf Schritt und Tritt und füllte all die eigentlich so wertvollen Momente mit meiner Tochter mit Angst. Er sah jede meiner Bewegungen und flüsterte mir in vagen Sätzen zu, dass er nun hier sei und mein Kind und ich in großer Gefahr schwebten.

Es war die Hölle auf Erden.

Wenn ich aber jetzt, wo es mir gut geht, auf diese Zeit zurückblicke, war das Schrecklichste an der Krankheit, dass ich nicht wusste, dass es eine Krankheit war.

Mutter zu sein, kann keine dunklen Seiten haben, oder?

Olivia Siegl
Olivia Siegl mit ihren Töchtern Eva uns Isla-Mai. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter litt sie unter einer postpartalen Psychose. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter kehrte diese zurück.

Als ich Mutter wurde, musste ich leider auf die harte Tour feststellen, dass die Mutterschaft keineswegs nur schöne Seiten hat. Ich bekam nicht nur ein Geschenk in Form meiner wunderschönen Tochter – davon hatte ich immer geträumt – sondern zugleich auch das “Geschenk“ einer furchtbaren psychischen Erkrankung: eine postpartale Psychose.

Postpartale Psychosen, das weiß ich heute, sind seltene, aber besonders schwerwiegende Stimmungskrisen nach der Geburt. Betroffene Mütter haben oft Wahnvorstellungen, hören Stimmen und erleiden Panikattacken.

Wenn ich als Mutter genauso viele Informationen über meine psychische Gesundheit erhalten hätte, wie es bei meiner körperlichen Gesundheit der Fall war, dann hätte ich nicht so viele kostbare Momente mit meiner Tochter verloren.

“Ich lebte in einer Dunkelheit, die meine Seele auffraß”

Es hat mich im Innersten erschüttert. Bevor ich meine Tochter bekam, war ich ein sehr optimistischer Mensch. Für mich war das Glas immer halbvoll. Ich habe nie unter einer psychischen Erkrankung gelitten, ich liebte meinen Mann und führte zusammen mit ihm ein glückliches und gesundes Leben.

Ich wollte immer Mutter werden und war davon überzeugt, dass ich es spielend meistern würde. Ich glaubte, dass es eine magische, glückliche und lebensbejahende Zeit sein würde – trotz all der schlaflosen Nächte, dem endlosen Windeln wechseln und der Geburt an sich.

Versteht mich nicht falsch, genauso war es auch. All diese wunderbaren Dinge traten ein. Für mich aber ging die negative Seite noch weit über schlaflose Nächte hinaus. Ich lebte in einer Dunkelheit, die meine Seele auffraß. Oft fragte ich mich, ob ich jemals einen Weg hinaus finden würde.

Das Blut gefriert mir in den Adern bei dem Gedanken daran, dass ich Mutter wurde, ohne zu wissen, was die Geburt mit meiner Psyche anstellen konnte. Viel mehr noch: Wenn ich genauso viele Informationen über meine postnatale psychische Verfassung erhalten hätte, dann hätte ich die Warnzeichen früher erkannt. Dann hätte ich mir früher Hilfe gesucht. 

“Wir müssen darüber reden” 

OLIVIA SIEGL
Olivia Siegl mit ihren Töchtern Isla-Mai und Eva.

Diese Erkenntnis war das Beängstigendste. Und deshalb ist es so wichtig, auch über die dunklen Seiten der Mutterschaft zu sprechen. Wir müssen Frauen dazu ermutigen, über ihre Erfahrungen zu sprechen und sie zu teilen, ganz egal, wie schlimm sie sind.

Wir müssen sicherstellen, dass jede werdende Mutter weiß, wie sie auf ihre mentale wie körperliche Gesundheit Acht geben kann.  

Die postpartale Psychose – Nach Angaben des Nationalen Gesundheitsdiensts (NHS) treten die Symptome in der Regel plötzlich und innerhalb der ersten zwei Wochen nach der Geburt auf. Dazu gehören:

  • Halluzinationen
  • Wahnvorstellungen – Gedanken oder Vorstellungen, die kaum der Wahrheit entsprechen können
  • Eine manische Stimmung – ein übermäßiges und zu schnelles Denken und Sprechen, ein Hochgefühl oder eine Hochstimmung
  • Niedergeschlagenheit – Anzeichen einer Depression, Zurückgezogenheit, Traurigkeit, Weinen, Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Angstzustände
  • Hemmungslosigkeit,
  • Argwohn oder Angst
  • Ruhelosigkeit
  • Verwirrtheit
  • Untypisches Verhalten

Sprecht unbedingt mit eurem Hausarzt wenn ihr glaubt, ihr selbst oder jemand, den ihr kennt, könnte die Symptome einer postpartalen Psychose zeigen. Seid euch dessen bewusst, dass ihr vielleicht nicht merkt, dass ihr erkrankt seid, wenn ihr an einer postpartalen Psychose leidet. Eure Partner, Freunde und Familien können die Anzeichen erkennen und etwas unternehmen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

(nc)