ELTERN
19/07/2018 16:00 CEST

Das sind die Dinge, die junge Eltern ihren Psychologen oft erzählen

"Die Elternschaft macht mich nicht glücklich."

Tero Vesalainen via Getty Images
Junge Eltern fühlen sich nach der Geburt oft überfordert. (Symbolbild)
  • Viele junge Eltern fühlen sich nach der Geburt überfordert.
  • Uns haben Psychologen verraten, welche Ängste Mütter und Väter am meisten plagen.

Es ist eine Tatsache: Das Leben ändert sich, wenn man Kinder bekommt. Und selbst wenn du glaubst, du seist auf den Schlafmangel und den veränderten Alltag (ganz zu schweigen vom Windeln wechseln) vorbereitet, dann bringt die Elternschaft doch völlig unerwartete Herausforderungen mit sich.

Wir haben mehrere Therapeuten gebeten, die Sorgen, die sie am häufigsten von ihre Patienten hören, mit uns zu teilen. Vieles wird dich vielleicht überraschen – und wenn auch du grade ein Kind bekommen hast, dann bieten sie dir vielleicht auch Trost.

“Die Elternschaft macht mich nicht glücklich. Ich vermisse mein altes Leben”

“Es ist nicht ungewöhnlich, dass junge Eltern vor der Geburt des Kindes unrealistische Erwartungen an die Elternschaft haben. Sie denken sich oft: ‘Unser Sozialleben wird sich gar nicht ändern, wir nehmen das Kind einfach immer mit!’ oder ’Mein Kind wird sich in der Öffentlichkeit nie so verhalten!’.

Das ist schnell und einfach gesagt, denn man kann einfach nicht wissen, was Elternschaft wirklich bedeutet, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Eltern zu sein kann eine große Bereicherung bedeuten, aber es ist auch schwer und nicht vorhersehbar.

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Daher kommen viele junge Eltern mit riesigen Schuldgefühlen in die Therapie. Sie können sich in ihrer neuen Rolle als Mama und Papa nicht zurecht finden. Es fühlt sich an wie ein schmutziges, kleines Geheimnis. Eigentlich sollte einen ein Kind doch mit bedingungsloser Liebe und Freude erfüllen? Junge Eltern sehnen sich aber nach ihrer verlorenen persönlichen Freiheit und Gefühle der Ablehnung treten auf, wenn das Leben mit einem Kind zur Realität wird.

Es ist wichtig, diese Gefühle in der Therapie zu normalisieren und junge Eltern daran zu erinnern, dass große Veränderungen sich zu Beginn oft unangenehm und beängstigend anfühlen können. Man darf keine Angst davor haben, mit anderen, die gleiches erlebt haben, über diese Gefühle zu sprechen und sich Hilfe zu holen. Irgendwann wird sich alles einspielen.“

– Tara Griffith, Therapeutin und Gründerin von Wellspace SF

“Andere Eltern scheinen das alles viel besser zu können als ich“

“Eine der Herausforderungen, von denen junge Eltern mir oft erzählen, ist der Druck, der entsteht, wenn sie ihre eigene Elternfähigkeit mit der ihrer Freunde vergleichen. Acht Prozent der Millennial-Eltern [geboren zwischen 1980 und 2000] sagen, dass die Beiträge von anderen Eltern in den sozialen Netzwerken oft dazu führen, dass sie sich als Eltern schlecht fühlen.

► Das sind doppelt so viele Eltern wie in früheren Generationen.

Es gibt so viele ‘richtige’ Wege, Eltern zu sein. Angefangen bei der richtigen Flasche, über die richtigen Essensgewohnheiten bis hin zu der von den sozialen Netzwerken unterstützten Bewegung, Kinder stolz in der Öffentlichkeit zu stillen.

All das ist toll, aber es führt dazu, dass viele andere Eltern ihre eigenen Überzeugungen und Entscheidungen darüber, was gut und richtig für ihre Familie ist, infrage stellen. Junge Eltern müssen sich gegenüber der Meinung ihrer eigenen Freundeskreise in den sozialen Netzwerken behaupten, gegenüber ihren Eltern und den weiten Verästelungen der Social Media-Einflüsse.“

Liz Higgins, Ehe- und Familientherapeutin und Besitzerin von Millenial Life Counseling

“Ich habe Angst mich selbst zu verlieren“

“Viele junge Eltern kämpfen damit, dass sich ihr Bewusstsein für das eigene Selbst verändert, wenn sie ein Kind bekommen. Frauen neigen dazu, diese Veränderung stärker wahrzunehmen als Männer. Es können jedoch alle Eltern mit Identitätsveränderungen zu kämpfen haben und auch damit, zu verarbeiten und zu akzeptieren, was es bedeutet, wenn das Elternsein über dem individuellen Bewusstsein für das eigene Selbst steht.“

Shanna Donhauser, Kinder- und Familientherapeutin und Gründerin von Happy Nest

 

“Was, wenn ich dem allen nicht gewachsen bin?“

“Viele Männer kommen zu mir, weil sie Angst haben, ihre eigene Emotionslosigkeit an ihre Kinder weiterzugeben. An ihren Partnerinnen sehen sie, wieviel steiler die Lernkurve hier ausgeprägt ist. Sie selbst haben nie auf ihre kleinen Geschwister aufgepasst, sie haben zuvor noch nicht einmal ein Kind im Arm gehalten. Sie wollen präsent sein, sie wollen sich einbringen, sie wollen die Verantwortung teilen, sie wollen nicht, dass ihre Partnerinnen diese Last alleine tragen.

► Und gleichzeitig haben sie Angst davor, dem nicht gewachsen zu sein.

Anfangs versuchen sie es, es klappt nicht so gut, sie werden entmutigt und ziehen sich zurück. Ihre Partnerinnen denken dann vielleicht, dass es ihnen gleichgültig ist, sie stempeln sie als faul ab und die Männer ziehen sich nur noch weiter zurück. Diese Männer erwähnen auch oft ihre distanzierten, stoischen Väter. Sie lieben sie, aber sie sind sich dessen bewusst, dass ihre Väter nicht die Väter waren, die sie selber sein wollen.“

Justin Lioi, New York, Experte für Beziehungen und die mentale Gesundheit von Männern 

“Mache ich es falsch?“

„Die größte Angst, von der mir junge Mütter berichten, ist die, es falsch zu machen. Wenn Frauen Kinder bekommen, dann werden sie von einer Gefühlsflut überrollt: Liebe, Angst, Hoffnung, Stärke, Verantwortung. Das müssen sie erst einmal verarbeiten.

Aber im Grunde wollen sie einfach nur gute Mütter sein und das richtige für ihre Kinder tun. Wenn ich mit jungen Müttern arbeite, dann helfe ich ihnen dabei, in ihrem Elternsein auch ein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ich helfe ihnen dabei, zu verstehen, dass Fehler ganz normal und in Ordnung sind. Außerdem helfe ich ihnen dabei, zu akzeptieren und zu verstehen, dass es so etwas wie die perfekten Eltern nicht gibt.“

Gwendolyn Nelson-Terry, Ehe- und Familientherapeutin aus Kalifornien

“Ich bin immer so besorgt, so war ich vorher nie“

“Wenn eine Frau Mutter wird, dann verändert sich auch ihr Gehirn. Die Amygdala, die auch für die Gefahrenerkennung verantwortlich ist, läuft auf Hochtouren, die graue Masse wird dichter und das Oxytocin erhöht die Aktivität in den Regionen, die Empathie, Angst und soziale Interaktionen kontrollieren. Oxytocin sorgt für eine stärkere mütterliche Bindung, andererseits aber ruft Oxytocin durch ein Übermaß an Liebe und einem großen Beschützerinstinkt auch ein Gefühl der Beklemmung hervor. 

Das Kind wird von der Mutter geliebt und das ist gut so. Wenn ich mit Frauen arbeite, dann erarbeite ich mit ihnen Achtsamkeitsstrategien. So kann das Gefühl der Beklemmung gelindert werden. Außerdem besprechen wir Tipps, die helfen sollen, den Stress zu verringern. So lange das persönliche Grundsicherheitsgefühl befriedigt ist, können sich die meisten Babys vielen verschiedenen Situationen anpassen.

Meine Schwester hat einmal einen ganzen Tag lang vergessen, bei ihrem Kind die Windeln zu wechseln. Jetzt ist ihr Baby schon auf dem College.

Mein Rat: Habt mehr Vertrauen in eure Kinder. Euer Baby ist immerhin das Produkt einer Millionen von Jahre alten menschlichen Evolution.“

Mabel Yiu, Ehe- und Familientherapeutin aus Kalifornien

“Eltern zu sein belastet die Beziehung mit meinem Partner oder meiner Partnerin“

“Eines der größten Probleme, von dem mir junge Eltern berichten, ist der Verlust der gemeinsamen Zeit mit dem Partner bzw. der Partnerin. Das Baby verlangt viel Aufmerksamkeit, besonders die der jungen Mutter. Die emotionale, physische, sexuelle und geistige Intimität steht dabei vor einer großen Herausforderung und wird manchmal auch von dem Mangel an gemeinsamer Qualitätszeit bedroht.

Praktische Herangehensweisen an dieses Problem sind z.B. eine wöchentliche Date Night, vertrauensvolle Freunde und Familienmitglieder um Unterstützung bei der Kinderversorgung zu bitten und der Mutter eine Pause zu gönnen. So kann sie gewährleisten, dass auch ihr eigenes physisches, emotionales, psychologisches und geistiges Wohlbefinden im Gleichgewicht ist.

Außerdem müssen Mutter und Vater die Arbeit unter sich aufteilen. Dazu gehört auch die Hausarbeit, besonders dann, wenn sie beide außer Haus arbeiten.“

Joyce Morley, Ehe- und Familientherapeutin aus Georgia

“Das soll doch die schönste Zeit meines Lebens sein. Wieso fühlt es sich für mich ganz anders an?“

„Wir alle kennen diese wunderschönen Bilder aus den sozialen Netzwerken und aus der Werbung für Babyprodukte, mit denen eine enge Mutter-Kind-Bindung suggeriert wird. Was diese Bilder nicht zeigen ist die Frau, die müde ist und unter klumpigen Blutungen leidet.

Andere Mütter sprechen darüber nicht, denn Müdigkeit zeugt von einem selektiven Gedächtnis. Ein Kind verändert alles: den Körper und den Geist. Nehmt es locker.

► Hier sind einige Ratschläge: Befreit euch von diesem angeblich schönen Mutter-Kind-Bild. Sucht im Internet nach Seiten mit Witzen über das Elternsein. Googelt mal den Begriff ‘Wochenfluss’. Schreibt die schönen, kleinen Momente auf, denn von diesen Momenten könnt ihr lange zehren.“ – Yiu  

“Ich habe Angst so zu werden wie meine Mutter“ 

“Ein eigenes Kind lässt uns oft an unsere eigene Kindheit zurückdenken und die Beziehung zu unsere Eltern zu reflektieren. Daher können in der Therapie auch oft die Angst und die Besorgnis auftreten, die Muster der eigenen schwierigen und dysfunktionalen Familie und Erziehung zu wiederholen.

Patienten, die keine positiven Elternvorbilder besitzen, haben Angst, dass sie nicht über die nötigen Werkzeuge oder die Erfahrungen verfügen, um ihr Kind in einem liebevollen und gesunden Umfeld aufwachsen zu lassen.

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Das betrifft vor allem Eltern, die Gewalt und Missbrauch erfahren haben und dieses Trauma mit in die Therapie bringen. Auch wenn es stimmt, dass unsere Kindheitserfahrungen unsere Persönlichkeit und uns als Eltern prägen können, bedeutet es trotzdem nicht, dass wir die Fehler unserer Eltern zwangsläufig wiederholen.“ – Griffith

“Es ist so überwältigend“

“Nach der Geburt eines Kindes bieten Familienmitglieder und Freunde oft ihre Hilfe an. Für junge Familien aber ist es wichtig, ihre eigenen Regeln aufzustellen, zu entscheiden, wie sie die kostbare Zeit mit ihrem Kind verbringen wollen und sich in das neue Leben als kleine Familie einzufinden.

Es ist vollkommen in Ordnung, zu ungebetenen Hausgästen auch einmal ‘Nein’ zu sagen, wenn ihr Besuch nicht in den Plan oder die Vorstellung von den ersten Wochen oder Monaten mit eurem Neugeborenen passt.

Junge Eltern erhalten viele Ratschläge von Personen, die es nur gut meinen. Aber manchmal können diese Ratschläge auch als Einmischung empfunden werden, vielleicht sogar als urteilend.

► Ich rate jungen Eltern oft, für diese Situationen schon eine passende Antwort bereit zu halten. Das kann helfen, die Kontrolle zu behalten.“

– Sarah Weisberg, Psychologin und Gründerin von der Potomac Therapy Group 

“Ich fühle mich so alleine gelassen“

“Junge Eltern berichten in der Therapie oft davon, dass sie sich isoliert, einsam und traurig fühlen, sie haben Angst, etwas falsch zu machen. Es ist so wichtig, dass wir die Suche nach psychologischer Hilfe von ihrem Stigma befreien.

Junge Eltern sollten ermutigt werden, sich ein sicheres Gerüst an Unterstützung aufzubauen, vor und nach der Geburt des Kindes. Ich ermutige junge Eltern dazu, eine Therapie zu beginnen, sich einer Selbsthilfegruppe für Eltern anzuschließen oder eine Online-Beratung in Anspruch zu nehmen.“ – Weisberg

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

(nc)