POLITIK
24/09/2018 17:43 CEST | Aktualisiert 24/09/2018 18:33 CEST

Psychische Probleme: Wie Briten unter der Brexit-Unsicherheit leiden

"Beziehungen und Familien sind an den Folgen des Brexit-Referendums zerbrochen."

HuffPost UK

Etwas mehr als zwei Jahre ist es nur her, dass 52 Prozent der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben.

Es war eine Entscheidung, die bis heute vor allem eine Folge hatte: Unsicherheit.

Denn bis jetzt sind zentrale Brexit-Fragen nicht gelöst.

Wird Großbritannien ein Brexit-Abkommen aushandeln oder ohne entsprechende Vereinbarung aus der EU ausscheiden? Welche Auswirkungen würde ein Austritt ohne Abkommen auf den Arbeits- und Immobilienmarkt in Großbritannien haben? Oder auf die Wirtschaft? Und welche Folgen hätte so ein kalter Austritt auf die EU-Bürger, die im Vereinigten Königreich leben?

Bei vielen Briten hat die Unsicherheit und die Debatten seit dem Referendum zu einer Brexit-Müdigkeit geführt. Bei anderen beeinträchtigt die Ungewissheit sogar das psychische Wohlbefinden.

► Wie zum Beispiel bei Tim (der seinen Nachnamen nicht angeben möchte).

“Ich zerbreche mir den Kopf über die hoffnungslose Lage”

Er leidet bereits seit über drei Jahren an Depressionen und Ängsten. Er erklärt, dass seine Probleme sich durch die Brexit-Abstimmung noch verstärkt hätten.

Was ersteinmal ungewöhnlich klingt, kann Tim durchaus überzeugend erklären: “Ich bin sehr stark politisch engagiert”, erklärt er, “und ich war durch das Ergebnis des Referendums vollkommen am Boden zerstört.” Das Thema Brexit gehe ihm seit zwei Jahren nicht mehr aus dem Kopf.

Der 51-Jährige hat Anfang 2018 seine Stelle als Produktleiter im IT-Bereich aufgegeben. Seitdem konzentriert er sich ausschließlich auf seinen Einsatz für Anti-Brexit-Kampagnen. Tim sieht sich dabei in einem Teufelskreis gefangen. Einerseits hat er das Gefühl, etwas tun zu müssen. Andererseits nimmt durch seinen Einsatz auch die psychische Belastung für ihn zu.

“Ich wache inzwischen regelmäßig mitten in der Nacht auf und zerbreche mir den Kopf über die hoffnungslose Lage, in der wir stecken”, berichtet Tim.

Auch Psychologen beschäftigen sich mit den Folgen des Brexit

Das Thema Brexit bereitet jedoch nicht nur denjenigen Menschen Kopfzerbrechen, die gerne in der EU bleiben möchten.

► Die 23-jährige Sarah* aus Reading hatte beim Referendum für den Austritt aus der EU gestimmt – eine Entscheidung, die sie mittlerweile bereut.

Auch sie sagt, dass sich ihr psychischer Gesundheitszustand seit der Abstimmung verschlechtert hat: “Ich habe Angst, wenn ich mir die Nachrichten anschaue und sehe, wie katastrophal die Verhandlungen verlaufen und welche heftigen Auseinandersetzungen es zwischen den politischen Parteien gibt”, erklärt sie.

Und weiter: 

“Ich mache mir Sorgen um die Arbeitsplatzsituation. Vor allem, weil mein momentaner Arbeitsvertrag auf ein Jahr befristet ist und ich in sechs Monaten arbeitslos sein werde. Außerdem wird die Entwicklung der Lebenshaltungskosten uns alle betreffen – mich eingeschlossen.”

Zudem macht Sarah sich Sorgen darüber, ob ihre Freunde vom Kontinent auch nach dem Brexit noch das Recht haben werden, im Vereinigten Königreich zu leben. Sie gibt zu, dass sie über dieses Thema vor der Abstimmung nicht wirklich nachgedacht habe.

Inzwischen hat sich auch das Mental Health Network der NHS Confederation (ein Netzwerk der staatlichen Gesundheitsversorgung, das sich mit psychischer Gesundheit beschäftigt) im Rahmen seiner Jahreskonferenz mit den Folgen auseinandergesetzt, die der Brexit auf die psychische Gesundheit haben könnte.

“Permanent schwelende Angst im Behandlungszimmer”

► Elisabetta Zanon ist die Leiterin des NHS European Office. Zanon hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, welche Auswirkungen der Brexit und das aktuelle Klima der Ungewissheit auf die psychische Gesundheit haben könnten.

Wie Zanon schreibt, gehe es dabei jedoch nicht nur um die Menschen, die direkt vom Brexit betroffen seien (wie beispielsweise EU-Bürger). Denn die Ungewissheit werde wahrscheinlich auch Auswirkungen auf die breitere Bevölkerung haben, die sich Sorgen um die wirtschaftlichen Folgen des Brexit mache.

“Wenn über einen längeren Zeitraum hinweg ein Klima der Ungewissheit herrscht, könnte dies negative Auswirkungen auf die geistige und körperliche Gesundheit der Menschen haben. Dies wiederum könnte möglicherweise zu einem erhöhten Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen führen.”

►  Die Ungewissheit zeige bereits erste Konsequenzen, berichtet Sarah Niblock, Professorin und Generaldirektorin des UK Council for Psychotherapy (UKCP), einer Berufsvereinigung von Psychotherapie-Organisationen und -Praktikern.

Viele ihrer Patienten würden darüber klagen, dass ihr psychischer Gesundheitszustand sich seit der Brexit-Abstimmung verschlechtert habe: “In meinem Behandlungszimmer herrscht eine permanent schwelende Angst wegen der ungewissen Lage, in der wir uns befinden”, sagt sie.

Jeff J Mitchell via Getty Images
Demonstranten in Liverpool fordern eine Abstimmung über den Deal zwischen der EU und Großbritannien zum Brexit

Professorin Niblock betreut Referendumsteilnehmer aus beiden politischen Lagern, die sich in ihren Therapiesitzungen mit ihren Ängsten im Bezug auf den Brexit auseinandersetzen.

“Manche, die für den Brexit gestimmt haben, berichten von Schuldgefühlen, während andere angeben, dass sie den Austritt nicht befürwortet hätten, wenn sie vorher gewusst hätten, wie der Prozess sich im weiteren Verlauf entwickeln würde”, erklärt sie.

“Ich habe ein echt schlechtes Gewissen”

►  Einer von denen, die ihre Entscheidung inzwischen bitter bereuen, ist Steve Bond.

Bond lebt eigentlich in Schweden. Aber er war extra ins Vereinigte Königreich zurückgekehrt, um für den Austritt aus der EU zu stimmen. Mittlerweile bereut er seine Entscheidung.

Er sagt, er habe sich von den Politikern “täuschen” lassen. Er leidet an einer Angststörung und sagt, dass der Brexit-Prozess seine psychische Gesundheit eher negativ beeinflusst.

“Angesichts des politischen Klimas im Vereinigten Königreich und der aktuellen Geschehnisse hier in Schweden, zum Beispiel den Aufstieg der Rechten, fällt es einem schwer, sich keine Sorgen darüber zu machen, wohin das alles führen wird”, erklärt er. Und weiter: 

“Wenn ich sehe, wie sich das alles entwickelt hat, habe ich ein echt schlechtes Gewissen, dass ich für den Brexit gestimmt habe. Vielleicht wird sich die Lage ja noch ändern, doch im Moment ist alles so gespalten.”

Ein schlechtes Gewissen ist aber nicht das einzige, worüber manche der einstigen Brexit-Befürworter klagen.

►  Auch Geoff Norcott stimmte für einen EU-Austritt. Der 41-Jährige stammt aus St Neots, rund hundert Kilometer nördlich von London und arbeitet als Comedian. Auch er sagt, dass sein psychisches Wohlbefinden nach dem Referendum gelitten hat.

Dies liege jedoch weniger an der seitdem herrschenden Ungewissheit, sondern vielmehr an der Art, wie andere Menschen plötzlich auf ihn reagierten: “Ich arbeite als Stand-up-Comedian. Und plötzlich war meine Timeline voll von Kollegen, die Menschen wie mich als Idioten oder Rassisten bezeichneten”, erklärt er.

Dem Comedian war aufgefallen, dass er bei manchen Auftritten den Respekt seines Publikums verlor, sobald er seinen politischen Standpunkt erwähnte.

Vor allem jüngere Menschen belastet der Brexit

Aktuell ist Norcott wieder auf Tour. Er sagt, dass er im Bezug auf den Brexit optimistisch sei:

“Das persönliche Interesse ist auf beiden Seiten groß genug, dass höchstwahrscheinlich ein vernünftiges Abkommen erzielt werden wird. Der Brexit macht uns zwar nicht zu einem Land, in dem Milch und Honig fließen, wie verblendete Brexit-Befürworter einst prophezeit hatten. Doch er wird sich auch nicht zu dem dystopischen, katastrophalen Albtraum entwickeln, vor dem viele Brexit-Gegner Angst haben.”

Peter Byrne - PA Images via Getty Images
Die Angst vor dem Brexit treibt die Briten auf die Straße. 

Vor allem bei jüngeren Menschen ist ein solchen Optimismus jedoch selten. Eine Umfrage aus dem Jahr 2017, an der mehr als 4.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren teilnahmen, hat ergeben, dass der psychische Gesundheitszustand sich bei jedem dritten Befragten seit 2016 verschlechtert habe.

Fast die Hälfte aller Teilnehmer nannte als Ursache hierfür den bevorstehenden Brexit. Das größte Kopfzerbrechen bereitete den Befragten die Entwicklung der Wohnkosten und die allgemeine finanzielle Sicherheit.

Für die 3,4 Millionen EU-Bürger, die mit ihren Familien im Vereinigten Königreich leben, ist die Ungewissheit besonders schwer auszuhalten – ebenso wie für die 900.000 Briten, die im EU-Ausland leben.

► Jonathan Portes, Professor für Wirtschaftswissenschaften am Londoner King’s College, erklärt:

“Trotz des Bemühungen eine gute Lösung für diese Menschen zu finden, ist es sehr beunruhigend, dass in letzter Zeit immer wieder die Rede davon ist, dass es vielleicht gar kein Brexit-Abkommen geben könnte. Denn in diesem Fall würden die Betroffenen in einen Schwebezustand geraten und müssten sich Sorgen um ihre Zukunft machen.”

Die Existential Academy in Nord-London bietet kostenlose Beratungsgespräche für EU-Bürger an, die im Vereinigten Königreich leben, sich Sorgen um ihre Zukunft machen und deshalb unter psychischen Problemen leiden.

► Leiter der Akademie ist der Psychologe Neil Lamont, der die Beratung ehrenamtlich anbietet.

Er erklärt, dass jeder Interessent sechs Sitzungen bei einem von fünf qualifizierten, zugelassenen Ärzten erhält. Mit diesem Dienst konnte bisher bereits ungefähr 100 Menschen geholfen werden. Momentan stehen noch weitere 30 Menschen auf der Warteliste.

Angst vor der Firmenpleite

Viele Teilnehmer der Beratungsgespräche machten sich Sorgen wegen ihrer unsicheren Lage und klagen über massive familiäre Spannungen, sagt er. “Viele unserer Klienten sind hier fest verwurzelt, weil sie mit britischen Staatsbürgern verheiratet sind oder weil ihre Kinder hier zu Schule gehen.

Und trotzdem haben einige ihrer weitläufigeren Verwandten für den Brexit gestimmt”, erklärt Lamont. “Daraus sind dann alle möglichen Probleme entstanden.”

Aber auch vor Beziehungen macht der Brexit-Frust nicht Halt, erzählt Sarah Niblock vom UK Council for Psychotherapy. “Es ist bereits vorgekommen, dass Beziehungen und Familien am Ausgang des Referendums zerbrochen sind”, erklärt sie.

“Es gibt tatsächlich Paare, die sich getrennt haben, weil sie unterschiedlich abgestimmt hatten. Und es gibt auch Zerwürfnisse zwischen den Generationen. Unter anderem zwischen Großeltern und Enkelkindern, die sich früher einmal sehr nahegestanden und geliebt hatten.”

Doch selbst bei Paaren, die auf die gleiche Weise abgestimmt haben, kann die ungewisse Lage aufgrund des Brexits zu Problemen führen.

► Bei dem 55-jährigen Paul* aus Kent wurden im Jahr 2015 Depressionen diagnostiziert. Er sagt, dass seine psychische Verfassung sich seitdem verschlechtert habe.

“Der Brexit hat bei uns zuhause ziemlich viele Spannungen erzeugt”, berichtet Paul. “Meine Frau will nicht über die Nachrichten sprechen. Und meine Kinder finden, dass ich viel zu viel über den Brexit nachdenke und spreche und mich deshalb zu wenig um die Familie kümmere.”

Christopher Furlong via Getty Images
Diskussionsrunde von Brexit-Befürwortern. Mit dabei: Abgeordnete der Labour-Partei und der Konservativen und der Rechtsaußen-Politiker Nigel Farage.

Darüber hinaus macht Paul sich permanent Gedanken darüber, wie sicher sein Arbeitsplatz ist. Er leitet eine Firma, die Waren importiert. Seit der Abstimmung sind seine Einnahmen um die Hälfte gesunken.

“Manchmal ist es echt erdrückend. Vor allem, wenn Kunden ihr Budget herunterfahren und die Arbeit wegen des Brexits einstellen”, erklärt er.

“Ich mache mir Sorgen um meine Firma. Ich kämpfe, so sehr ich kann. Doch im Moment muss ich für die Hälfte des Geldes gleich viermal so hart arbeiten. Und das bedeutet, dass ich oft auch Spät- und Wochenendschichten einlegen muss.”

“Meine Geschichte ist definitiv kein Einzelfall”

► Der 60-jährige Peter Cook aus Kent berichtet, dass er aufgrund des Brexits leichte Symptome einer Depression entwickelt hat: “Ich bin deshalb zu meiner Ärztin gegangen. Ich war sehr erstaunt darüber, dass meine Beschwerden sie nicht sonderlich überrascht haben – meine Geschichte scheint also definitiv kein Einzelfall zu sein.”

► Gemma (die ihren Familiennamen nicht nennen möchte) sagt, sie habe nach der Abstimmung mindestens ein Jahr lang unter einer “Art Depression” gelitten. Die 41-jährige Britin lebt seit 15 Jahren zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Deutschland.

Sie machte sich Sorgen darüber, welche Rechte ihre Kinder in Zukunft haben werden und wie es mit ihren Eltern weitergehen werde, die noch im Vereinigten Königreich leben: “Ich wollte kaum mehr das Haus verlassen – was mit drei Kindern eine echte Herausforderung ist. Außerdem habe ich oft ohne wirklichen Grund zu weinen angefangen.”

Alle diese Fälle zeigen: Der Brexit schlägt vielen Briten und Großbritannien und außerhalb aufs Gemüt.

Aber was können die Menschen angesichts der verfahrenen Lage tun?

► Rachel Boyd arbeitet als Informationsmanagerin bei der britischen Wohltätigkeitsorganisation Mind. Sie empfiehlt Menschen, denen alles zuviel wird, sich eine digitale Auszeit zu nehmen. Sie sollten dafür alle Benachrichtigungen auf ihren technischen Geräten ausschalten und sich eine Zeit lang auch nicht mehr mit Sozialen Medien beschäftigen.

“Diese Pause muss nicht für immer sein. Doch manchmal hilft einem bereits eine kurze Auszeit, um sich erholter zu fühlen und wieder besser zurechtzukommen”, empfiehlt Boyd.

“Stattdessen sollte man sich jeden Tag ein wenig Zeit nehmen, um etwas zu unternehmen, das man gerne tut. Zum Beispiel ein Buch lesen, mit einem neuen Hobby beginnen oder sich sportlich betätigen. Außerdem sollte man nach Möglichkeit viel nach draußen gehen und sich mit anderen Menschen treffen.”

Am Ende, das weiß auch Boyd, werden viele der Betroffenen in den Wartezimmern der Psychologen sitzen. Ein Ende ist aufgrund der verfahrenen politischen Situation nicht in Sicht.

* Einige Namen von Betroffenen wurden auf Wunsch zum Schutz der Privatsphäre geändert.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der britischen HuffPost-Ausgabe und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(ben)