LIFE
21/10/2018 17:59 CEST | Aktualisiert 22/10/2018 08:40 CEST

Bei immer mehr Menschen werden psychische Krankheiten diagnostiziert – das bedeutet es

Sind wir wirklich alle "irre" geworden?

tuaindeed via Getty Images
Immer mehr Menschen werden mit psychischen Krankheiten diagnostiziert (Symbolbild).

Manchmal keinen Appetit, dauernd müde und immer wieder gereizt. Ist das jetzt einfach ein schlechter Monat, der stressige neue Job, irgendein Vitamin-Mangel – oder ist das schon ein Hinweis auf etwas Ernstes?

Vielleicht kennst du solche Sorgen von dir selbst. Denn genau, wie wir bei Kopfschmerzen oder Husten nach Ursachen und Zusammenhängen suchen, versuchen wir auch zu begreifen, was hinter Veränderungen in unserer Gefühlswelt steckt.

Wer dafür lange genug im Internet recherchiert, stößt auf die unterschiedlichsten Diagnosekriterien für psychische Erkrankungen – und findet manche Sorgen bestätigt. So scheint es fast, als sei mittlerweile jeder auf irgendeine Art psychisch krank.

Kann das sein? Und wenn ja: Was ist dann überhaupt noch “normal”?

Depression statt Trauer?

Tatsächlich werden seit einigen Jahren bei immer mehr Menschen psychische Krankheiten diagnostiziert. 

Spätestens seit dem Jahr 2013, als der Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen (DSM-5) zuletzt geändert wurde, mehrte sich auch die Kritik an der wachsenden Zahl der Diagnosen und an den immer breiter werdenden Kriterien für psychische Krankheiten.

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Ein gutes Beispiel sind die veränderten Kriterien für eine depressive Episode, die einen gravierenden Unterschied machen:

► Früher: Eine Person, die bis zu zwei Monate vor Beginn der Symptome eine nahestehende Person verloren hat, galt als trauernd.

► Heute: Ein zeitnaher Trauerfall gilt im DSM-5 nicht mehr als Ausschlusskriterium für Depression.

Dabei leuchtet es den meisten Menschen intuitiv ein, dass das “Trauerjahr” eine völlig gesunde Reaktion ist.

Hinzu kommen neue, eher fremd klingende Diagnosen – von der Körperdysmorphen Störung bis zur Binge-Essstörung. Das kann von außen den Eindruck erwecken, dass immer mehr Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken als “krank” gelten.

Drücken wir also normalen Gefühlszuständen und Lebensphasen vorschnell den Stempel “krank” auf?

Mitchell Griest CC0
"Ist das noch traurig oder schon depressiv?"

Einer der prominentesten Kritiker der Veränderung der Diagnosesysteme ist der US-amerikanische Psychiater Allen Frances, der selbst an früheren Weiterentwicklungen des DSM beteiligt war.

Er hat seine Sorge in seinem Buch “Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen” zum Ausdruck gebracht. Andere Psychiater haben eine “Besorgniserklärung” veröffentlicht. Sie alle befürchten, dass Diagnosen künstlich kreiert und aufgebläht werden.

► Ihr Credo: Jede Falschdiagnose führe dazu, dass Ressourcen des Gesundheitssystems an falscher Stelle verpuffen. Aber warum sollte daran jemand ein Interesse haben?

Psychiater zwischen Hilfe und Pharmaindustrie

Ein möglicher Verdächtiger ist laut den Kritikern die Pharmaindustrie, die mit Psychopharmaka ein Milliardengeschäft macht. Schließlich verdiene die an mehr Kranken, die mehr Medikamente benötigen.

Tatsächlich haben mindestens 20 der 29 Task-Force-Mitglieder des DSM-5 Verbindungen zur Pharmaindustrie.

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In den einzelnen Ausschüssen für verschiedene Störungsgruppen sind es teilweise sogar mehr: Zum Beispiel waren alle Experten für Schlafstörungen und 83 Prozent der Experten für psychotische Störungen mit Pharmaunternehmen verbandelt. 

Die Kritik und Sorge der Psychiater ist also berechtigt, bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass der heutige diagnostische Leitfaden völlig wertlos ist, es generell keine psychischen Krankheiten gibt – oder die Gesellschaft “irre gemacht” wird, wie etwa der “SPIEGEL” attestierte.

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Das Ärzteblatt sowie Psychologen bemühten sich auf der anderen Seite um eine Versachlichung der öffentlichen Debatte.

Sie betonen, dass die Kritik sich eher gegen die Stigmatisierung psychischer Probleme und Erkrankungen im Allgemeinen richten sollte.

rawpixel CC0
69 Prozent der Task-Force-Mitglieder des DSM-5 waren mit der Pharmaindustrie verbandelt. 

Beim Blick ins DSM-5 wird deutlich:

► Alles relativ? Manche Diagnosekriterien wurden gelockert (depressive Episode) – andere dagegen verschärft (ADHS).

► Hilfe zur Differenzierung: Im Anhang findet jeder Behandler eine ausführliche “Kommentierung und Anleitungen zur sachgerechten Nutzung”: Zum Beispiel sollen hier Anmerkungen bei der Unterscheidung zwischen einer depressiven Störung und einem gesunden Trauerprozess helfen.

► Weniger Diagnosen: Die Gesamtzahl spezifischer Diagnosen wurde von 172 (DSM-IV) auf 157 (DSM-5) reduziert. Dabei wurden Diagnosen auch zusammengelegt oder neu zugeordnet: Zum Beispiel wird nicht mehr zwischen “Abhängigkeit” und “Missbrauch” von Substanzen unterschieden, stattdessen gehört beides zu “Substanzgebrauchsstörungen” und ein Schweregrad wird angegeben.

Keine Willkür: Neue Diagnosen entstehen nicht aus dem Nichts – so gehörte die Binge-Essstörung schon beim DSM-IV zum Katalog der Forschungskriterien.

Diese Veränderungen zeigen vor allem eines: Verlässliche Diagnosen für psychische Krankheiten zu entwickeln und dabei der Komplexität der menschlichen Psyche gerecht zu werden, ist eine große Herausforderung.

Die können wir nicht von heute auf morgen lösen, sondern müssen gemeinsam mit Therapeuten, Wissenschaftlern und Patienten weiter daran arbeiten. Und dabei hilft ein Standardwerk wie das DSM, das als gemeinsame Grundlage dient.

Diagnosen für alle als Prävention?

Manche Psychologen und Psychiater argumentieren, dass breitere Diagnosen und die Angabe von Schweregraden helfen können, Menschen vor Schlimmerem zu bewahren und eine frühzeitige Behandlung anzustoßen: Etwa, wenn jemand von langer Trauer in eine Depression zu rutschen droht.

Hier verschwimmt die Grenze zwischen Prävention und Behandlung. Um einen Umgang damit zu finden, müssen wir uns fragen: Worum geht es eigentlich?

Alles ganz normal

Auch ich versuche schon lang, eine Antwort darauf zu finden, ob zu viele Menschen als “psychisch krank” diagnostiziert werden.

Ich frage mich: Ist unsere Gesellschaft so versessen auf Normalität, auf Funktionieren und Erfolg, dass jede Abweichung kategorisiert und ärztlich legitimiert werden muss? 

Menschen sind nicht entweder "angstgestört" oder "angstfrei".

Und impliziert eine Diagnose nicht auch, dass es eine schnelle Lösung gibt, eine eindeutige Therapie oder ein Medikament? Führt die Erwartung eines “quick fix” dazu, dass wir negativen Gefühlen, Unsicherheit und Ängsten noch weniger (gesunden) Raum geben?

Böse gefragt: Dürfen wir nur traurig, grantig und leistungsschwach sein, wenn wir auch einen “Seelenklempner” haben?

Eine Antwort auf diese Fragen habe ich bisher nicht gefunden. Nur eines ist klar: Diagnosen sollen Menschen helfen. Und viele Ärzte und Psychologen wissen das genau und beziehen bei ihrer Diagnose mehr als nur ein Standardwerk mit ein:

► Du bist nicht entweder “irre” oder nicht! Menschen sind nicht entweder “angstgestört” oder “angstfrei”. Es gibt zahlreiche Abstufungen dazwischen. Das Ziel von Ärzten ist es deshalb nicht, unangenehme Gefühle wegzutherapieren, sondern Menschen aufzufangen, die ohne Unterstützung nicht mehr weiterwissen.

► Nur wer leidet, ist auch krank! Erst wenn mich zum Beispiel meine Angst vor Kontakt mit fremden Menschen einschränkt und meine Lebensqualität beeinträchtigt, bekommt sie Krankheitswert. Das ist in den meisten Diagnosen ein fest verankertes Kriterium. Psychologen sprechen hier vom “individuellen Leidensdruck”.

► Wie messe ich eine psychische Störung? Gar nicht. So wie Ärzte auch nicht die Grippe an sich, sondern das Fieber messen und andere Symptome “abhaken”, müssen wir uns übergeordneten Störungen mit einzelnen Symptomkombinationen annähern.

Das alles zeigt: Diagnosen sind keine in Stein gemeißelten, absoluten Wahrheiten. Im Gegenteil – sie werden durch Forschung und die Erfahrungen von Ärztinnen und Psychologen permanent angepasst.

Diagnose – und dann?!

Dass immer mehr Menschen als psychisch krank gelten, kann aber auch anders interpretiert werden: Viele Psychologen sehen in dieser Entwicklung eher eine erhöhte Sensibilisierung und Offenheit gegenüber einem Thema, das in unserer Gesellschaft zu lange ein Tabu war: psychische Gesundheit.

Fehldiagnosen und “Scheinpatienten” sind ein Risiko jedes Diagnosesystems. Ein mindestens genauso großes Problem ist jedoch, dass zahlreichen Menschen (lange) keine Diagnose und so keine Behandlung erhalten, obwohl sie Hilfe benötigen.

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Dabei bedeutet eine Diagnose für viele Patienten eine große Erleichterung. Durch sie wird aus Sorge eine Gewissheit und es kann ein Fahrplan erarbeitet werden, wie es weitergeht.

Betroffene bekommen Worte an die Hand, um über ihren Zustand zu sprechen. Sie können sich weniger alleine fühlen – denn ein Befund bedeutet zugleich: Es gibt andere Menschen, die ähnliche Beschwerden haben.

Grace Ho CC0
Mit oder ohne Diagnose: Wie geht es weiter, wenn es mir schlecht geht?

Im Idealfall folgen auf eine Diagnose auch nicht automatisch Psychopharmaka. Psychotherapie ist oft genauso wirksam und langfristig sogar überlegen

Auch Menschen, die noch nicht an einer ausgeprägten Störung leiden, sich aber schon belastet fühlen, können von psychologischer Beratung oder Therapie profitieren.

Vielleicht würden sich weniger Menschen an Diagnosen stören, wenn der Arzt bei psychischen Beschwerden, Überlastung und Stress standardmäßig keine Medikamente verschreibt und wir gleichzeitig Heilung und Gesundheit eher als einen ganzheitlichen Prozess sehen.

Den (potenzielle) Patienten und Behandler dann zusammen gestalten. Der Wissens- und Erfahrungsschatz von Forschern und Behandlern verrät schon, was dazugehören kann:

► Bewegung: Viele Studien legen nahe, dass Sport nicht nur für den Körper gesund ist – Aktivität hat auch einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit. Warum sollten Ärzte also nicht einfach Bewegung verschreiben?

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► Naturerfahrung: In Japan ist Waldbaden als »grünes Wundermittel« schon selbstverständlich. Dort gehört Zeit im Grünen zur Gesundheitsvorsorge.

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► Den Placebo-Effekt nutzen: Bei Placebos wirkt ein Zusammenspiel aus Zeit, Aufmerksamkeit und Vertrauen. Das Wissen über diese Faktoren können Ärzte systematisch nutzen. Grundvoraussetzung dafür ist natürlich, dass diese mehr Zeit für den einzelnen Patienten haben – und lernen, erfolgreiche Patientengespräche zu führen.

Mehr dazu: Placebo oder nicht? Die Wirkung eines Wortes

► Gesundheitskompetenz: Ärzte (und Patienten) können lernen, besser miteinander zu kommunizieren. In ihrer Überforderung verschreiben einige Hausärzte vorschnell Psychopharmaka – oder klären Patienten ungenügend auf. Dabei ist Psychoedukation eine Grundvoraussetzung, damit Menschen selbstständig und aktiv ihre Beschwerden angehen.

Mehr dazu: In wessen Händen liegt deine Gesundheit?

► Dankbarkeit: Studien konnten zeigen, dass »praktizierte Dankbarkeit« einen positiven Einfluss auf unsere Gesundheit hat. Wem wir dankbar sind, ist dabei eher zweitrangig:

Mehr dazu: Für diesen Text wirst du dankbar sein

► Körperliche Nähe: Wir sind soziale Wesen – Berührung ist mehr als ein nettes Beziehungsextra, sie ist ähnlich essenziell wie Nahrung und Bewegung.

Mehr dazu: Fasst mich an!

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

(ujo)