POLITIK
06/04/2018 14:43 CEST | Aktualisiert 06/04/2018 19:36 CEST

Protest gegen Spahn: Vater schiebt Rollstuhl über 300 Kilometer nach Berlin

Arnold Schnittger hat Angst um die Zukunft seines Sohnes.

Arnold Schnittger
Aus Liebe zu seinem behinderten Sohn lief Arnold Schnittger von Hamburg nach Berlin.
  • Ein Hamburger Vater hat den Rollstuhl seines Sohnes von Hamburg nach Berlin geschoben
  • Arnold Schnittger sagt der HuffPost: Damit will er gegen Gesundheitsminister Spahn protestieren

Es war die Liebe zu seinem Sohn, die Arnold Schnittger dazu bewogen hat, zu Fuß von Hamburg nach Berlin zu laufen. Über 300 Kilometer.

Schnittgers Sohn Nico ist seit seiner Geburt körperlich und geistig schwerstbehindert. Er sitzt in einem Rollstuhl und muss 24-Stunden gepflegt werden.

Mit einem ebensolchen Rollstuhl ist Vater Schnittger nun seit 14 Tagen unterwegs. Er schiebt ihn – um ein Zeichen zu setzen. “Ich sorge mich um Nicos Zukunft”, sagt Schnittger im Gespräch mit HuffPost. “Ich glaube nicht, dass sie bei Herrn Spahn in guten Händen ist.”

Es ist ein Protestmarsch mit Rollstuhl – gegen den neuen Gesundheitsminister der Bundesrepublik.

Schnittger: “Spahn ist extrem empathielos”

Schnittger erklärt: Fast alle Eltern von pflegebedürftigen Kindern würden sich die Frage stellen, was aus diesen wird, wenn sie selbst nicht mehr als Betreuer zur Verfügung stehen können. Schnittger ist 66, sein Sohn Nico 23.

Die Aussicht, dass das eigene Kind später im Pflegeheim endet, weil es keine anderen Möglichkeiten gebe, sei für viele Angehörige quälend, schrieb Schnittger bereits zuletzt in einem Blog für die HuffPost.

► Umso quälender, da die Situation in Pflegeheimen zunehmend kritischer wird.

Er sei entsetzt über die “extreme Empathielosigkeit” des neuen Gesundheitsministers, sagt Schnittger nun der HuffPost. Nicht zuletzt wegen dessen Aussage, Hartz IV bedeute nicht Armut.

Ich sorge mich um Nicos Zukunft. Ich glaube nicht, dass sie bei Herrn Spahn in guten Händen ist.”

Hartz IV ist für pflegende Angehörige oft traurige Realität  

Es mache ihm zu schaffen, dass jemand, der offenbar keine Ahnung davon habe, wie eine solche prekäre Lebensrealität tatsächlich aussieht, für die Zukunft seines Sohnes Nico verantwortlich sei.

Seine Wanderaktion ist deshalb nicht zuletzt auch ein Protest gegen Spahns Ernennung zum Gesundheitsminister.

Kinder und Jugendliche wie Nico gibt es in Deutschland viele – etwa 950.000. Rund 90 Prozent von ihnen leben in ihren Familien und werden von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt.

Mehr zum Thema: An meine Mutter: Ich habe Angst, dass ich nicht da sein kann, wenn du mich am meisten brauchst

“Die meisten Eltern können nebenher keinem normalen Job nachgehen”, sagt Schnittger. Denn die Pflege eines behinderten Kindes sei eine “enorme physische und psychische Belastung, die 24 Stunden am Tag deine volle Aufmerksamkeit benötigt.”

Viele dieser Eltern seien deshalb gezwungen, von Hartz IV zu leben. “Sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern, ist ein Vollzeitjob”, weiß Schnittger, der seinen Sohn Nico im Wechsel mit dessen Mutter umsorgt.

Die Art und Weise wie in Deutschland mit pflegenden Angehörigen umgegangen wird, empfindet er als “beschämend und entwürdigend.”

Kundgebung vor dem Gesundheitsministerium

“Menschen, die ihre Angehörigen zuhause pflegen, gehören nicht in Hartz IV”, findet der 66-Jährige. Schließlich würden sie einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten und noch dazu Staatsgelder sparen, da kein Heimplatz in Anspruch genommen würde.

Wer seine Angehörigen zuhause pflegt, erhält je nach Pflegegrad ein sogenanntes Pflegegeld. Dieses ist jedoch deutlich geringer, als das Gehalt einer professionellen Pflegekraft – und reicht nach Aussage vieler Betroffener oft nicht aus.

Ein unhaltbarer Zustand, findet Arnold Schnittger. Er will ein Zeichen setzen für alle Betroffenen und vor allem für seinen Sohn Nico. Damit seine Botschaft auch im zuständigen Ministerium ankommt.

Menschen, die ihre Angehörigen zuhause pflegen, gehören nicht in Hartz IV."

Bei Jens Spahn, dem Schnittger zuletzt bereits einen Brief schrieb: “Lieber Herr Spahn, Wir sollten reden! Ich komme auf einen Kaffee bei Ihnen vorbei.”  Heute endet Arnold Schnittgers Wanderaktion vor dem Brandenburger Tor – rund einen Kilometer vom neuen Amtssitz von Jens Spahn entfernt.

Mehr zum Thema: Herr Spahn, Sie haben keine Ahnung vom menschenunwürdigen System, in dem wir arbeiten

Am Brandenburger Tor werden den Vater die Initiatoren des Hamburger Volksentscheids gegen den Pflegenotstand und die Linke Bundestagsabgeordnete Zaklin Nastic empfangen. Um 16 Uhr soll es dann eine Kundgebung vor dem Gesundheitsministerium geben.

Dass Jens Spahn sich davon beeindrucken lässt, glaubt Schnittger jedoch nicht.

“Es wird einfach nichts getan”, klagt der Hamburger. “Wessen Interessen Herr Spahn auch vertritt, es sind jedenfalls nicht die der Betroffenen.”

Stattdessen hofft der beherzte Vater, die Gesellschaft mit seiner Aktion auf den Notstand in der Pflege aufmerksam zu machen. “Wir sind alle betroffen”, sagt Schnittger der HuffPost.

► Denn auch, wenn man kein behindertes Kind habe: “Jeder wird sich irgendwann die Frage stellen müssen, wie er für seine Eltern sorgen will, wenn diese alt und pflegebedürftig sind.”

Wer in eine dieser Situationen gerät, kann sich bei einer kostenlosen Pflegeberatung, zum Beispiel beim Roten Kreuz, über seine Möglichkeiten informieren. 

 “Von Herrn Spahn würde ich mir deshalb wünschen, dass er sich weniger auf den Schutz der Außengrenzen konzentriert und mehr auf seinen Job als Gesundheitsminister.”

Oder besser noch, mehr Kapazitäten für das wichtige Thema schafft. “Herr Seehofer ist es ja gelungen, das Innenministerium zum Heimatministerium auszuweiten. Ich würde mich freuen, wenn es zusätzlich zum Gesundheitsministerium irgendwann auch ein Pflegeministerium gebe”, sagt Schnittger.

Da ist er gerade am Rande von Berlin – wenige Kilometer vor seinem Ziel.

 

Um Eltern von pflegebedürftigen Kindern zu unterstützen, hat Arnold Schnittger ein Projekt ins Leben gerufen: Nicos Farm – eine besondere Wohnform, in der Erwachsene, die ein pflegebedürftiges Kind haben, zusammen mit ihren Kindern in einer Gemeinschaft leben können. Dafür sucht er noch Investoren, die ihn bei der Umsetzung der ersten Häuser unterstützen.

Was er auf seiner Wanderung von Hamburg nach Berlin erlebt hat, hat er auf seinem Blog “Inwendigwarm” festgehalten.