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04/03/2018 15:03 CET | Aktualisiert 04/03/2018 15:25 CET

Prostituierte packt aus: Diese 10 Mythen über uns sind falsch

Prostituierte werden in Filmen und Meiden komplett falsch dargestellt.

Von Jolene DuBois

Es gibt viele Irrtümer darüber wie es ist, eine Prostituierte zu sein. Obwohl Menschen von uns fasziniert sind, sind die wenigsten daran interessiert, uns wirklich zu verstehen.

Im Video oben: Wovon Prostituierte auf dem Straßenstrich wirklich träumen

Porträts von Prostituierten in den Medien und in Filmen sind meistens kompletter Unsinn, was die falsche Wahrnehmung des ältesten Gewerbes der Welt weiter fördert.

Ich muss zugeben, dass ich schreckliche Angst hatte, als ich mit dem Job angefangen habe – weil er in der Gesellschaft immer falsch dargestellt wird.

Anstatt uns und unsere Arbeit zu verurteilen, solltet ihr diese 10 Mythen über Sex-Arbeiter lesen:

1. Wir sind da, um Männer abzuschleppen, die es nicht mit traditionellen Methoden schaffen, Sex zu haben

Der typische Escort-Kunde ist verheiratet und in seinen 40ern oder 50ern. Die große Mehrheit ist sogar glücklich verheiratet. Ja, jede Frau denkt sich “nicht mein Mann” oder “nicht mein Vater” – aber zu einer Prostituierten zu gehen, ist weit verbreitet unter normalen, angepassten verheirateten Männern.

Menschen wollen sich nicht vorstellen, dass die normalen Männer in ihrem Leben zu Prostituierten gehen – und deshalb nehmen sie an, dass wir den von der Gesellschaft nicht gewollten Müll abschleppen: mental instabile Männer, die gewalttätig und sadistisch sind, Männer die furchtbar hässlich oder übergewichtig sind und Männer, die niemals verheiratet sein werden.

Die meisten von uns haben sich nicht auf diese Männer spezialisiert oder haben nur einmal alle paar Jahre wirklich mit solchen Typen zu tun.

Wenn wir das öfter machen müssten, dann würden wir schauen, dass wir so schnell wie möglich einen anderen Job finden, bevor er uns mental und physisch zerstört.

2. Wir sind alle Gewaltopfer 

Ich haben noch nie in meinem Leben Gewalt von einem Mann erfahren – weder von einem Freier noch einem anderen Mann.

Außerdem bin ich nicht als Kind missbraucht worden. Ich habe einfach nur mehr Spaß an Sex als andere und mag Lifestyle-orientierte Service-Arbeit.

Kurzum: Wir sind nicht alle zerstörte Menschen.

3. Wir sind alle süchtig und brauchen Alkohol und Drogen, um unseren Job zu machen

Ich werde jetzt nicht so tun, als gäbe es keinen Zusammenhang zwischen Drogenmissbrauch und Sex-Arbeit.

Aber ich mache den Job, weil ich die flexiblen Arbeitszeiten mag und keinen Chef habe – und nicht, weil meine Arbeit so traumatisierend ist, dass ich sie einfach nicht tun könnte, bevor ich meine Sinne und Gefühle nicht betäubt hätte.

► Es ist am besten, komplett bei Sinnen zu sein, wenn man ein Date hat. Und ich bin eine von zahlreichen Escorts, die clean und nüchtern sind, was viele Kunden auch sind.

4. Es fehlt uns an besseren Karriere-Optionen

Kluge Escorts nutzen den Job als Sprungbrett – auf die gleiche Art, wie Studenten kellnern, während sie an ihrem Abschluss arbeiten. Den Job als Escort kann man nur für eine kurze Zeit machen.

Also hat die große Mehrheit von uns eine Exit-Strategie, die Bildung und eine Karriere oder ja, einen reichen Mann heiraten, beinhaltet. Niemand von uns will für immer in dem Business bleiben.

Die schlechteste Exit-Strategie wäre es, eine Puffmutter zu werden.

 5. Wir kommen alle aus prekären Verhältnissen

Das Internet hat ein anderes Kaliber an Escorts möglich gemacht als früher. Der Job ist nicht einfach nur ein Weg, wie benachteiligte Menschen Geld verdienen können – so wie Männer mit schlechtem Background Zuhälter werden oder Drogendealer.

Das hat sich total verändert. Escorts sind gebildeter als je zuvor.

Ein vornehmer Mann kann viele von uns zum Essen ausführen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass wir etwas ungehobeltes sagen oder dass es unangenehme Pretty Women Momente gibt, in denen wir in edlen Restaurants nicht wissen, welche Gabel wir benutzen sollen.

► Escorting ist heutzutage so viel mehr als nur Sex. In erster Linie weil Kunden viel über uns und unsere Persönlichkeiten auf unseren Webseiten, Anzeigen oder in den sozialen Netzwerken erfahren.

6. Wir sind ahnungslos und unverantwortlich, wenn es um Geld geht

Zuerst einmal: Ein Drittel unserer Kunden sind Buchhalter, ein anderes Drittel sind Anwälte – also bekommen wir rechtlichen und finanziellen Rat gratis.

Wir wissen Bescheid über Kreditwürdigkeit, sparen für die Rente, vermeiden Prestigekäufe und die meisten von uns zahlen sogar ihre Steuern. Wir engagieren meistens professionelle Buchhalter, um die Quelle unseres Einkommens normal aussehen zu lassen.

Eine kleine Minderheit von Escorts lebt in prekären Verhältnissen, hebt ihr Geld in einer Schuhschachtel auf und lebt, ohne einen Beweis für das Einkommen zu haben.

Aber die meisten von uns wissen, dass wir unseren Gehaltsnachweis für fast alles brauchen. Wir wissen auch, dass es nicht ausreicht, nur zwischen 22 und 32 einen sechsstelligen Betrag zu verdienen, also planen wir und sparen dementsprechend.

7. Wir machen alle möglichen verrückten Sachen im Bett, nach denen dich dein Ehemann nie gefragt hat

Klar, manche Escorts machen gerne verrückte Sachen, aber viele sind sehr normal, wenn es um den sexuellen Akt an sich geht. Ich wurde nur einmal dazu gedrängt, Analsex zu machen und sonst habe ich eigentlich noch nichts wirklich verrücktes gemacht.

Die meisten Kunden sind auf der Suche nach einer “Freundin-Erfahrung” – also: gute Konversation, küssen, kuscheln und schönen 08/15-Sex, keine Porno-Nachspielung.

Wenn ich verletzend ehrlich sein soll, dann wollen die meisten Männer eine jüngere Version der Frau, die sie geheiratet haben – jemanden, der sein Interesse am eigenen Aussehen oder an Sex noch nicht verloren hat.

8. Wir haben kein Leben außerhalb unseres Jobs  

Glaubt mir, man braucht dringend ein Leben außerhalb dieses Jobs. Die Isolation würde dich sonst verrückt machen. Du brauchst andere Sachen die passieren, ob das ein Studium ist, ein Tagesjob oder eine andere Karriere oder kreative Ziele. Es hilft sogar, sich in einen Russischkurs an der Volkshochschule zu setzen.

► Die Fähigkeit, das Escorting von dem Rest deines Lebens abzuschotten ist der Schlüssel.

Escorting ist nur ein Aspekt eines Lebens und weil es so stigmatisiert ist, lassen wir aus diesem Leben nichts in unsere anderen Rollen als Familienmitglieder, Studenten oder Büromitarbeiter kommen.

Escorts werden immer wütend, wenn ein Kunde in letzter Minute buchen will. Warum? Weil wir unsere Tage nicht damit verbringen, uns eitel die Fingernägel machen zu lassen, unser Haar föhnen zu lassen oder die perfekte Frisur und das perfekte Outfit zu finden, weil uns ja immer jemand spontan buchen könnte. Weil, noch einmal: Wir haben ein Leben. Wir sind nicht dazu bereit, alles liegen und stehen zu lassen für dich.

9. Wir sehen alle hinreißend aus 

Viele von uns sehen eigentlich ganz normal aus. Ich sehe sogar Anzeigen von Escorts, die sehr heimelig aussehen. Dein Ehemann geht nicht nur zu einer Prostituierten, weil sie so toll aussieht. Er geht zu ihr, weil es nicht so mühsam ist, wie in Bars Frauen anzusprechen oder eine längere Affäre aufrecht zu erhalten.

Bevor ich in der Sexindustrie als Stripperin angefangen habe, dachte ich, mein Körper müsse straff und ich groß sein, wie der einer Statue und mein Haar müsste makellos sein. Das war mein Eindruck, den ich in Filmen gewonnen hatte.

In manchen Strippclubs mag es sein, dass man so aussehen muss, und manche Kunden, die sehr viel zahlen, haben hohe Erwartungen an dein Aussehen. Aber im Schnitt, sind Escorts meistens ganz normale Frauen.

10. Für Sex bezahlt zu werden ist undenkbar und unmoralisch 

Ich hasse es, euch das sagen zu müssen aber wir leben in einer Zeit, in der junge Frauen bereits von ihren Tinder-Dates ermordet worden sind.

In weniger extremen Fällen verschwenden sie nur viel Zeit, weil sie die wahre Liebe mit Apps und Dating-Websites suchen, um dann herauszufinden, dass ihr Date denkt, wenn er ein paar Drinks bezahle, berechtigt ihn das für Sex.

► Die Dating-Szene sieht gerade düster aus und ich bevorzuge es, große Summen an Geld nach einem Date mitzunehmen und nicht den “Walk of Shame” antreten zu müssen, weil irgend so ein Vollidiot mir nicht mal Geld fürs Taxi gegeben hat.

Wer Sex und Kommerz vermischt, wird anderen immer einen Grund geben, sich als etwas besseres zu fühlen.

Aber je mehr die heutige Dating-Kultur vorherrscht, desto scheinheiliger wird das. In den meisten Fällen wollen Männer nicht nur Quickies sondern wirklich eine Begleitung und eine schöne Zeit mit einer gutaussehenden, sympathischen Frau – und dafür zahlen sie eben Geld.

Die Autorin arbeitet als Escort in den USA. Sie schreibt aus ihrer Perspektive und spricht nicht für alle Prostituierten. 

Dieser Artikel erschien zuerst bei Your Tango und wurde von Katharina Schneider aus dem Englischen übersetzt.

(mf)