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08/05/2018 13:20 CEST | Aktualisiert 08/05/2018 16:24 CEST

"Promis auf Hartz IV": Eine Szene zeigt, wie sehr RTL II arme Menschen verachtet

Hartz IV spielen ist nicht dasselbe wie Hartz IV leben.

  • Mit “Promis auf Hartz IV” hat sich der Sender RTL II in Punkto Schamlosigkeit selbst überboten.
  • Für das Sozialexperiment soll ein Fürstenehepaar einen Monat lang auf Hartz-IV-Niveau leben.
  • Oben im Video seht ihr, wie Hartz-IV-Empfänger in Deutschland wohnen.

Eine Dusche aus purem Gold, ein Pool auf der Dachterrasse und Fabergé-Eier als Deko-Objekte: Das Fürstenpaar Heinz und Andrea von Sayn-Wittgenstein ist “finanziell gut situiert”.

So bevorzugt es die Fürstin auszudrücken, wie sie gleich zu Beginn der ersten Folge erklärt:

Ich mag das Wort ‘reich’ nicht.”

Doch genau das sind die von Sayn-Wittgensteins. Und genau deshalb hat der Sender RTL II sie für ein neues Sozialexperiment ausgewählt: Fürst und Fürstin sollen einen Monat lang von einem Hartz-IV-Regelsatz leben. 

Screenshot RTL II
Wollen einen Monat lang von einem Hartz-IV-Budget leben: Fürstenehepaar Heinz und Andrea von Sayn-Wittgenstein

Hartz IV spielen ist nicht dasselbe wie Hartz IV leben

Fürst Heinz, der nach eigener Aussage jeden Monat an die 180.000 Euro ausgibt, wird für die Dauer der Sendung nur rund 700 Euro zur Verfügung haben.

Mehr zum ThemaWas es bedeutet, arm in einer reichen Stadt zu sein

Um sich nervlich gegen diesen Stress zu wappnen, hat der Adlige vor dem Experiment seinen Hofarzt einbestellt, um sich eine Vitaminspritze verpassen zu lassen. Denn wie uns der Erzähler der Sendung wissen lässt: “Vitamin B soll gut für die Nerven sein und gute Nerven braucht der Millionär in den nächsten vier Wochen mit Sicherheit.”

Was für Asien-Backpacker die Hepatitis-Impfung ist, ist für den Armutstouristen Heinz von Sayn-Wittgenstein also die Vitaminspritze. 

Spätestens bei dieser Szene wird klar, wie menschenverachtend das Sozialexperiment “Promis auf Hartz IV” ist. 

Armut ist keine Challenge, sondern Lebensrealität

Denn für die 4 Millionen Hartz-IV-Empfänger in Deutschland ist das Leben in Armut kein Abenteuerurlaub. 

In den meisten Fällen bedeutet es gnadenlosen Verzicht: Keine großen Einkäufe im Supermarkt, keine Geburtstagsfeier für die 10-jährige Tochter, keine Kleidung, die passt oder ohne Löcher ist. 

Wie schmerzlich ein entbehrungsreiches Leben ist, bekommen die Wittgensteins während ihres Hartz-Urlaubs vielleicht zu sehen – etwa, als ihnen bewusst wird, dass die Wohnung, die ihnen zugewiesen wurde, nicht mal so groß ist, wie das Wohnzimmer im fürstlichen Feriendomizil auf Mallorca. 

Aber Hartz IV spielen und Hartz IV leben sind zwei grundliegend unterschiedliche Dinge, wie schon HuffPost-Autorin Agatha Kremplewski, die selbst in einer Hartz-IV-Familie aufwuchs, kürzlich in einem Kommentar festhielt

Im Gegensatz zu den 850.000 Langzeitarbeitslosen in Deutschland, können Fürst und Fürstin nach vier Wochen der Armut nämlich den Rücken kehren und in ihre 1000 Quadratmeter große Luxusvilla zurückkehren. 

Mehr zum Thema: Doku “Ungleichland”: Eine Szene zeigt, wie realitätsfern das Leben der Reichen ist

Was ihnen außerdem während ihrer Armuts-Challenge erspart bleibt:

► Der Jobverlust und finanzielle Abstieg.

► Die soziale Isolation.

► Das Gefühl, von Ämtern kontrolliert zu werden.

► Die Perspektivlosigkeit.

Das wahre “Hartz-IV-Erlebnis” bleibt also aus. 

Screenshot RTL II
Meet the Locals: Heinz und Andrea stellen Kontakt zu einer Kiosk-Besitzerin her

“Promis auf Hartz IV” ist menschenverachtend

Auch lässt das Format jegliche Reflexion oder kritische Auseinandersetzung mit dem sozialen Graben zwischen Arm und Reich vermissen.

Und auch wenn die Reichtümer der Wittgensteins groß sein mögen, scheint es ihnen an einer Sache zu mangeln: an Empathie für die Menschen, deren Leben das Fürstenpaar nachspielt.

In einem “Bild”-Interview ließ Heinz von Sayn-Wittgenstein kürzlich anmuten, dass die meisten Hartz-IV-Empfänger Sozialschmarotzer seien.

“65 bis 70 Prozent sagen dir ganz klar, dass sie blöd wären, auf Hartz IV zu verzichten”, behauptete der Experiment-Hartzer nach Ende der Dreharbeiten. 

Ob “Frauentausch”, “Armes Deutschland”, oder “Hartz und Herzlich”: seit Jahren schlachtet RTL II die Lebensumstände von mittellosen Menschen zu Unterhaltungszwecken aus. Mit “Promis auf Hartz IV” hat sich der Sender in Punkto Schamlosigkeit jedoch selbst überboten.

(tb)