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21/04/2018 07:55 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 22:44 CEST

"Promis auf Hartz IV": RTL II betreibt ekelhaften Armutstourismus

Urlaub im Hartz.

RTL II Promis auf Hartz IV / Bearbeitet

RTL II hat mal wieder ein tolles, neues Doku-Soap-Format entwickelt: “Promis auf Hartz IV”.

In dem “spannenden Sozialexperiment”, wie die Sendung beworben wird, verzichten Fürst und Fürstin von Seyn-Wittgenstein vier Wochen lang auf Luxus, um stattdessen in einer kleinen Kölner Wohnungein Dasein nach Hartz-IV-Regelsatz zu fristen.

Während Normalerverdiener-Familien das ganze Jahr über sparen, um sich den Familienurlaub in Malle leisten zu können, drehen der Fürst und die Fürstin den Spieß um und probieren sich mal im simplen Leben aus.

Minimalistischer Lifestyle ist ja auch in, Low-Budget-Urlaub sowieso. Und dann auch noch im exotischen Rheinland, wie abgefahren.

Penny-Nudeln statt Quinoa

Also dürfen wir bald das adlige Pärchen dabei beobachten, wie sie von nur 736 Euro im Monat klarkommen, eine fast leerstehende Wohnung einrichten und zur Abwechslung mal sparen müssen.

Vorbei ist das Leben in der 1000-Quadratmeter großen Villa Colani auf Mallorca, vorbei die alltäglichen Dienstleistungen, und nicht mal das Dienstmädchen darf ins Hartz-IV-Domizil mit einziehen.

Dafür staunen bald Millionen von Zuschauern darüber, dass Familie von Seyn-Wittgenstein nun Quinoa gegen Penny-Nudeln eintauschen darf und sich überlegen muss, wie man denn möglichst kostengünstig an einen Kühlschrank kommt.

Mehr zum Thema: Kein Internet, kein Kühlschrank und ein Budget von 30 Euro: Was es bedeutet, arm in einer reichen Stadt zu sein

Welcome to the Hunger Games – heute mal Hartz-IV-Style

Damit hat RTL II eine Idee aufgriffen, die gerade Trend zu sein scheint: Nach Jens Spahns umstrittener Aussage, Hartz IV sei keine Armut, forderten über 100.000 Menschen, der CDU-Politiker solle einen Monat lang vom Regelsatz leben.

Der Grund, solch eine Petition aufzusetzen, ist nachvollziehbar, der symbolische Wert dahinter wichtig – die Umsetzung könnte jedoch schnell nach hinten losgehen.

Denn wenn ein gut situierter, wohlhabender und in feste Strukturen eingebundener Mensch eine begrenzte Zeit lang von den Mitteln leben soll, die andere teils jahrelang als Existenzsicherung zur Verfügung stehen, wird das echte Hartz-IV-Erlebnis ausbleiben:

Der Jobverlust und finanzielle Abstieg.

Die soziale Isolation.

Das Gefühl, von Ämtern kontrolliert zu werden.

Die Perspektivlosigkeit.

Ich spreche aus eigener Erfahrung - denn ich bin in einer Hartz-IV-Familie groß geworden. Meine Mutter lebt auch heute noch von Arbeitslosengeld II und hat mir ihren fast 63 Jahren keine Aussicht mehr darauf, noch einen Vollzeit-Job zu finden.

Hartz IV ist kein Event. Menschen leben wirklich davon – und zwar nicht nur einen Monat lang.

Hartz IV ist auch keine Einrichtungsshow, in der man die von einem Fernsehteam gestellte Challenge erfüllen soll, die kleine Wohnung möglichst muckelig einzurichten.

Hartz IV ist auch keine Kochshow, bei der Leute gegeneinander antreten: Wer kann mit möglichst wenig Geld das geilste Drei-Gänge-Menü zaubern?

Diese “Shows” sind Realität für 4,2 Millionen Menschen in Deutschland. Warum zur Hölle sollte ich mir also anschauen, wie zwei Adlige einen Monat lang Unterschicht spielen?

Muss ich Menschen das Existenzminimum wünschen, damit ich mich unterhalten fühle?

Was ist der Wert von solchen Sendungen wie “Promis auf Hartz IV”?

Soll ich zu Hause auf dem Sofa sitzen und mich freuen: Haha, endlich müssen die Bonzen ohne Luxus zurechtkommen? Soll ich da schadenfroh sein? Muss ich Menschen wirklich wünschen, vom Existenzminimum zu leben, damit ich mich unterhalten fühle?

Oder ist es die Genugtuung, zu sehen, dass der Fürst und die Fürstin (vorausgesetzt, das Experiment wird korrekt umgesetzt und die beiden leben wirklich einen Monat lang konsequent in prekären Verhältnissen) tatsächlich von unter 800 Euro überleben können?

Dann kann ich endlich sagen: Schaut mal, Hartz IV ist doch gar nicht so schlimm. RTL II hat in seiner ausgeklügelten Doku bewiesen, dass Langzeitarbeitslose gut versorgt sind.

Die sollen mal nicht so jammern und sich gefälligst Arbeit suchen – oder es so machen wie Fürst und Fürstin von Seyn-Wittgenstein, die während ihrer Unterschichts-Auszeit auch noch weiter ihren wohltätigen Aufgaben nachgehen wollen.

Mehr zum Thema: Warum der Hass gegen Hartz-IV-Empfänger uns allen schadet

Und selbst wenn wir Fürst und Fürstin von Seyn-Wittgenstein in ihrem Hartz-IV-Leben beobachten dürfen: Was nicht gezeigt wird, sind die psychischen und physischen Langzeitkonsequenzen, denen viele Hartz-IV-Empfänger unterliegen.

So leben Langzeitarbeitslose im Schnitt elf Jahre kürzer als arbeitende Menschen. Was zum Einen an der oft ungesünderen Ernährung liegt, andererseits an ihrem sozialen Status. Wer einsam und isoliert ist, lebt kürzer.

Auch passiert Hartz IV nicht plötzlich und sieht kein Ende voraus.

Wer bei Hartz IV landet, hat meist schon über ein Jahr erfolglose Job-Suche hinter sich oder ist in prekären Verhältnissen aufgewachsen.Der Situation zu entfliehen schaffen gerade einmal 16 von 1.000 Langzeitarbeitslosen.

Hartz IV ist doch nicht so schlimm - der Fürst und die Fürstin schaffen’s bestimmt auch

Hier sehe ich das größte Problem: Solche Sendungen verharmlosen den realen Zustand vieler Langzeitarbeitsloser.

Die meisten werden eben nicht von einem Team von Kameraleuten, Maskenbildnern und Moderatoren begleitet, sondern von Sachbearbeitern der Jobcenter. Klingt gleich nach weniger Glamour, oder

► Hartz IV bedeutet schließlich nicht nur, weniger Geld zur Verfügung zu haben – sondern außerdem in der Pflicht zu leben, Ämtern alle Details des Alltags offenzulegen.

► Unter Umständen auch zu vereinsamen, weil sämtliche Arbeitskontakte wegfallen und das soziale Umfeld sich entfernt.

► Nicht zu vergessen die Stigmatisierung.

Allein schon der Titel und das Sendekonzept von “Promis auf Hartz IV“ strahlt doch aus: die da ganz oben versuchen mal, so zu sein, wie die da ganz unten.

Die da unten sind eben die Hartzer.

Als wären Langzeitarbeitslose eine homogene Gruppe, deren Lebensstil man eins zu eins nachspielen kann.

“Promis auf Hartz IV”ist kein “spannendes Sozialexperiment”

“Promis auf Hartz IV” ist kein “spannendes Sozialexperiment”, sondern ein voyeuristisches Sendeformat, dass ein reales Problem diskreditiert.

Im Gegensatz zum richtigen Leben erwartet den Zuschauer von “Promis auf Hartz IV” immerhin ein Happy End. Nach dem furchtbaren, furchtbaren Unterschichtsleben dürfen Herr Fürst und Frau Fürstin wieder in den Luxus zurückkehren – bestimmt bereichert um eine Menge Erfahrungen und Blabla.

Wenn man im richtigen Leben nur auch so einfach umschalten könnte.

(sk)