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19/02/2018 19:02 CET | Aktualisiert 19/02/2018 19:02 CET

Prise statt Krise: Warum Journalismus die „Zutat“ Unternehmertum braucht

Zum Ende des Jahres 2017 hat der SWR das samstägliche Wissenschafts- und Bildungsmagazin „Campus“ eingestellt. Seit diesem Jahr läuft auf dem halbstündigen Sendeplatz das „Musikstück der Woche“. Damit ist wieder ein Stück Qualitätswissenschaftsjournalismus verloren gegangen. Aber warum steckt er in einer Krise, wenn es doch an guten Ideen nicht mangelt? Warum können viele innovative Projekte im Journalismus nicht umgesetzt werden? Diesen Fragen widmete sich Ende 2017 eine Gruppe von Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten sowie Startup-Gründern im Bereich Journalismus. Ziel des von der "WPK - Die Wissenschaftsjournalisten", dem Journalistenbüro Schnittstelle und dem Bosch Alumni Network unterstützten Workshops "Innovative Strategien im Journalismus" war es, Erkenntnisse über neue Finanzierungsformen und Märkte zusammenzutragen, Erfahrungen über Erfolge und Misserfolge auszutauschen, mögliche gemeinsame Projekte zu diskutieren sowie Empfehlungen zu erarbeiten. Die hier verfügbare Dokumentation fasst die Ergebnisse zusammen. Um neue Projekte nachhaltig am Markt zu etablieren, reicht es nicht, gute Geschichten schreiben zu können und auf Storytelling zu setzen – vielmehr brauchen Innovationen auch im Journalismus eine „gute Prise Unternehmertum“. Darauf setzen auch die RiffReporter, eine neue, von Wissenschaftsjournalisten gegründete Genossenschaft für freien Journalismus, die mit einem einheitlichen Bezahlsystem für unabhängige journalistische Projekte und einem neuen Design in seine nächste Entwicklungsphase gegangen ist. Die Gewinner des #Netzwende-Preises von Vocer, ZEIT-, Augstein und Schwingenstein-Stiftung wollen mit ihrem Projekt freien Journalismus kooperativer und journalistisches Gründen einfacher machen.

Das „journalistische Korallenriff“ soll aus vielen eigenständigen Projekten auf der gemeinsamen Plattform wachsen. Einzelne oder mehrere Journalisten gründen thematische “Korallen” (wie schon “Flugbegleiter”, “Debatte Museum”, "Die Weltraumreporter”, "Verfassungsnews", "Wunderding” und “BildungsForscher”). Das sind wichtige Anfänge. Weitere Autoren und Journalistenteams bereiten derzeit viele neue Projekte vor. Die neue Infrastruktur für freien Journalismus soll maßgeblich von sogenannten “RiffSupportern” (Privatpersonen und gemeinwohlorientierten Institutionen, die das Projekt als investierende Mitglieder oder durch Förderzahlungen stärken wollen) getragen werden. Das “Medium Magazin” kürt die RiffReporter-Gründer Tanja Krämer und Christian Schwägerl zu den “Wissenschaftsjournalisten des Jahres 2017”. Unter die Top10 der „Entrepreneure 2017“ haben es zwei wissenschaftsjournalistische Projekte geschafft.

Wenn die Prise Unternehmertum in den Journalismus dringen soll, ist auch „ein bisschen Sein, ein bisschen Schein und ein bisschen Schwein“ wichtig. Das sagt Dr. Henning Schulte-Noelle, der zwölf Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Allianz (1991–2003) und neun Jahre lang Aufsichtsratsvorsitzender der Allianz (2003–2012) war, im Buch „Junge Überflieger“ von Jonathan Sierck, das von und für die Generation Y geschrieben wurde – aber auch für alle Lebensunternehmer von Interesse ist. Die drei S spielen dabei eine wesentliche Rolle: „Man muss schon genug draufhaben und Leistung bringen“, damit man für andere sichtbar wird (Sein). Gefährlich ist es zu denken, dass es einfach nur reicht, gut zu sein und andere dies schon erkennen werden. „Man muss sich natürlich auch ein bisschen verkaufen können. Das heißt, wie man sich bewegt, wie man sich gibt und präsentiert, wie man vorträgt – das alles muss auch zu der Leistung passen, die man bringt.“ (Schein) Kommunikation und soziale Fähigkeiten sind Erfolgsfaktoren, die zusammengehören. Aber auch Glück und Zufall gehören dazu (Schwein). Journalisten haben einen besonderen Blick auf die Dinge. Um das Unternehmerische nicht zu vernachlässigen, ist es wichtig, ihre innere Freiheit und die Distanz zu sich selbst zu nutzen, um den eigenen Chancenblick zu schärfen. Wer ihn zu nutzen weiß, ist auch Chancenermöglicher für andere.