POLITIK
31/03/2018 09:43 CEST | Aktualisiert 31/03/2018 10:19 CEST

Was eine 26-jährige Wienerin lernte, als sie sich Rechtsradikalen anschloss

"Es gab einige Momente, da habe ich mich gefragt, ob ich diesen Job weitermachen soll."

Julia Ebner
Die 26-jährige Terrorismusforscherin Julia Ebner

Julia Ebner sitzt auf einer Parkbank in der englischen Stadt Telford und trinkt Cider. Neben ihr hat ein 50-jähriger Aktivist der rechtsextremen English Defence League Platz genommen und erzählt ihr von “der islamischen Invasion Europas”.

In einer Stunde wird die Demonstration “gegen muslimische Vergewaltiger”, “verlogene Politiker” und “untätige Sicherheitsbehörden” beginnen, wegen der sie nach Telford gekommen sind.

Allerdings: Im Gegensatz zum Rest der Demonstranten ist Julia Ebner keine islamhassende Ultranationalistin.

Sie ist undercover in Telford. Recherche. Denn trotz ihres jungen Alters von 26 Jahren gehört Ebner bereits zu den führenden Terrorismusexperten in Europa. Nach Anschlägen wie dem auf der Londoner Westminster Bridge 2017 erklärt sie für das ZDF oder die BBC die Hintergründe des Terrors.

Im Zuge ihrer Recherchen hat Ebner schnell gelernt, dass es zwischen islamistischen und rechten Extremisten erschreckende Parallelen gibt.

In ihrem Buch “Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen”, das im März auf Deutsch erschien, veranschaulicht sie die Wechselwirkungen der beiden Szenen.

Undercover bei der Identitären Bewegung

Im Oktober 2017 ist Ebner wieder einmal undercover unterwegs. Mit etwa 20 Mitgliedern der Identitären Bewegung (IB) aus ganz Europa trifft sie sich in einer AirBnB-Ferienwohnung in London. Sie will verstehen, wie die Rechtsextremen ticken. Die wiederum glauben, die junge Frau sei eine Unterstützerin.

Dazu noch: eine vielversprechende. Eine hübsche junge Österreicherin, die sich  mit den Werken des umstrittenen deutschen Philosophen Martin Heidegger auskennt, ist genau das, wonach der österreichische IB-Chef Martin Sellner und seine Anhänger suchen.

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Ebner hatte lange versucht, das Vertrauen der IB zu gewinnen. Allen voran das von Vordenker Sellner. 

Sie erstellte falsche Accounts in den sozialen Medien und verbrachte Monate in geschlossenen Chatgruppen, bevor man sie zu Wahlpartys, Strategietreffen und in den Pub einlud. Die Identitären wollten sie als Influencerin und Postergirl gewinnen, als Brücke zwischen der deutschen IB und dem neu gegründeten britischen Ableger.

Die Österreicherin lehnte ab – doch hatte den Fuß bereits in der Tür.

Julia Ebner kennt Extremisten wie kaum ein anderer

Wieder London: Hier hat der Anti-Extremismus-Thinktank Quilliam sein Büro.

Ebner sitzt neben vielen ehemaligen Islamisten. Ihr Chef ist Maajid Nawaz. Früher war er Mitglied der in Deutschland verbotenen islamistischen Gruppe Hizb ut-Tahrir. Heute gilt er dort als Verräter und hilft Aussteigern aus der militanten Szene.

Seine 180-Grad-Wende inspirierte Ebner. Sie sagt über die jungen Menschen, die mit den Extremen sympathisieren: “Wir müssen sie in ihren Ängsten ernst nehmen, denn oft sind die einzigen, die das tun, eben die Extremisten.”

Wir dürfen Sympathisanten von extremen Gruppen nicht automatisch verteufeln.”

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Es geht ums Ausgeschlossensein, um Enttäuschung, oft auch um Ehre. Und um Männlichkeit. “Sowohl die islamistische als auch die rechte Extremistenszene sind sehr männlich dominiert”, sagt Julia Ebner.

Gewissermaßen macht sie sich das zu ihrem Vorteil.

Bei der Identitären Bewegung gelingt ihr, was bislang erst wenigen gelungen ist: Sie bekommt einen ungefilterten Einblick hinter die Kulissen der IB. Mit offenem Antisemitismus würde man heute in Europa nicht mehr weit kommen, sagte IB-Chef Sellner laut Ebner. Ein entlarvender Satz.

Screenshot bereitgestellt von Julia Ebner
Extremismusforscherin Ebner analysiert unter Anderem die Kommunikationsstrategien der Identitären Bewegung im Netz.

Die Identitären brüsten sich damit, Europa und seine Werte gegen Islamisierung und Überfremdung verteidigen zu wollen.

“Ich will Europa auch verteidigen”, sagt Julia Ebner der HuffPost. “Aber das Europa, das ich verteidigen will, steht nicht für Abschottung aller fremden Einflüsse und einen ethnokulturellen Einheitsbrei.”

Sondern für Vielfalt, Solidarität und Offenheit gegenüber fremder Kulturen, die Ebner als Bereicherung für die europäische Gesellschaft sieht.

Niemand ist immun gegen die Faszination des Extremismus

Der politische wie gesellschaftliche Rechtsruck in ihrer Heimat Österreich bricht ihr deshalb das Herz.

“Ich habe Österreich immer mit Gelassenheit assoziiert”, sagt Ebner. “Wir stehen zweifellos vor vielen Herausforderungen, vor allem in Bezug auf Migration und Terrorismus.”

“Aber ich wünschte, Österreich könnte diesen mit der üblichen Gelassenheit, für die ich es so sehr schätze, anstatt mit politischen und gesellschaftlichen Überreaktionen begegnen.”

Dennoch kann auch Ebner nicht leugnen, dass die Extremisten Faszination ausüben. Sellner, seine rechtsradikalen Freunde – und auch die Islamisten, mit denen sie sich ebenfalls intensiv beschäftigt hat.

Auch Ebner sei gegen diese Faszination nicht immun, gibt sie zu.

Einige der Personen, mit denen sie im Zuge ihrer Undercover-Recherche zu tun hatte, seien ihr sogar richtig sympathisch gewesen. Zum Beispiel der 50-jährige Hooligan, mit dem sie sich auf der Parkbank in Telford unterhalten habe.

Ebner: “Man darf Sympathisanten von Extremismus nicht verteufeln”

Das hindert sie nicht daran, weiterzumachen. Im Gegenteil. Dass Sellner jüngst am Londoner Flughafen festgenommen und ausgewiesen wurde, sieht sie mit gemischten Gefühlen.

“Menschenfeindlichen Ideologien mit menschenrechtseinschränkenden Maßnahmen Einhalt zu gebieten, funktioniert selten und kann längerfristig auch kontraproduktiv sein“, sagt sie.

Andererseits sei die Festnahme ein positives Zeichen dafür, dass die britischen Behörden die Gefahr von Rechtsextremismus erkennen und ernst nehmen.

Ein Wahrnehmungswandel, für den leider zuerst ein Mensch sterben musste. “Als die britische Politikerin Jo Cox kurz vor dem Brexit-Referendum von einem Rechtsradikalen ermordet wurde, war ich völlig schockiert”, erinnert sich Ebner.

“Das hat mir gezeigt, wie verletzlich Politiker, Aktivisten und auch Journalisten sind, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzen.” Auch sie selbst.

Ebner bekommt Vergewaltigungs- und Morddrohungen von Mitgliedern der rechtsextremen Szene, als ihre Undercover-Recherche auffliegt. Einige davon werden derzeit polizeilich verfolgt. “Natürlich bekommt man da Angst”, gibt sie zu.

Teilweise habe sie richtige Paranoia gespürt, etwa wenn sie morgens joggen gegangen sei. 

Es gab einige Momente, da habe ich mich gefragt, ob ich diesen Job weitermachen soll. Aber das ist genau das, was die Extremisten erreichen wollen.”

Die Ur-Oma als Vorbild

Und trotzdem: Julia Ebner will weiter gegen Hass und Extremismus kämpfen.

Mittlerweile arbeitet sie für das Londoner Institute for Strategic Dialogue, analysiert für sie die Kommunikationsstrategien sowohl islamistischer als auch rechtsradikaler Extremisten – immer wieder denkt sie dabei auch an ihre Ur-Großmutter.

Die sei nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sudentenland geflohen und habe drei Kinder alleine großziehen müssen. Sie fasste in Österreich Fuß und war eine der ersten weiblichen Gemeinderätinnen in Wien.

Noch im Seniorenalter habe sie beschlossen, ihr Studium nachzuholen. Mit 80 machte Ur-Oma Hilde ihren Abschluss. “Sie hat mir immer vorgelebt, was es heisst, an sich zu glauben und nicht aufzugeben”, sagt Ebner.

Heute ist Ur-Oma Hilde 96. Julia Ebner hat ihr ihr Buch gewidmet.

Julia Ebners Buch “Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen”, erschien am 8. März im Theiss Verlag.

Theiss Verlag

(lp/ks)