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16/12/2017 15:37 CET | Aktualisiert 17/12/2017 17:39 CET

Polizistin: "Ich soll Weihnachtsmärkte schützen, aber bezweifle, dass ich es kann"

Sind wir in der Lage, Anschläge zu verhindern? Ich weiß es nicht.

CLEMENS BILAN via Getty Images
Seit 2016 sind vermehrt Polizisten auf deutschen Weihnachtsmärkten im Einsatz (Symbolbild)

Sind wir in der Lage, Anschläge zu verhindern? Ich muss ganz ehrlich sagen, wir tun sehr viel dafür, aber wir wissen nie, auf welche verrückten Ideen Terroristen oder andere Kriminelle kommen. Ich bin Polizistin* und versuche jeden Tag aufs Neue, Weihnachtsmärkte vor Terroranschlägen zu schützen. 

Normalerweise haben wir nur eine Dienstpistole bei uns. Aber jetzt, im Dezember auf den Weihnachtsmärkten, tragen wir auch eine Maschinenpistole um den Hals.

Da ist ziemlich untypisch und sieht sehr martialisch aus. Das macht den Leuten Angst. Vielen sehe ich regelrecht an, dass sie es sich zwei Mal überlegen, ob sie uns ansprechen. Oft machen sie einen regelrechten Bogen um mich und meine Kollegen.

Aber einige sind trotzdem neugierig und machen sich Sorgen, dass wir nur da sind, weil vielleicht schon etwas passiert ist, jemand gedroht hat. Sie werden misstrauisch. Wenn sie dann erfahren, dass wir Streife laufen, um einen vermeintlichen Anschlag zu verhindern, sind sie beruhigt.

Die Gefahr lauert überall

Aber können wir das wirklich? Ich zweifle daran.

Um ehrlich zu sein haben wir auch kein System, nach dem wir vorgehen können. Wir laufen durch die Gegend, mal schneller, mal langsamer. Achten darauf, ob uns Dinge auffallen, sich Personen ungewöhnlich verhalten, sich daneben benehmen, zu viel trinken oder unentspannt wirken.

Doch reicht das?

Einmal hat ein älterer Mann mich und meinen Kollegen angesprochen und uns auf einen Stand hingewiesen, an dem große Messer verkauft werden. “Schön und gut, dass ihr hier Streife lauft und Betonpoller aufstellt. Aber wenn ich hier einen Anschlag verüben wollte, müsste ich doch einfach nur eines dieser Messer schnappen?!”

Und in gewisser Weise hat er recht.

Die Gefahr lauert überall. Natürlich achten wir auf viel mehr Dinge, als dem Normalbürger vielleicht bewusst sind. Wir versuchen, ein Auge darauf zu haben, was auf einen Weihnachtsmarkt gehört und was nicht.

Aber jedes Mal genau inspizieren, wer was in den Mülleimer wirft? Das tun wir nicht und können wir nicht.

Einen Anschlag verhindern? Das ist irgendwie Glückssache

Es ist nicht immer der gleiche Typ Mensch, der auffällig ist. Selbst bei einem Fußballspiel können wir nicht sagen, dass wir nach einem bestimmten Typen suchen.

Bei einer Paketbombe wie beispielsweise vor kurzem in der Apotheke in Potsdam können wir nicht viel tun. Klar, wir könnten den Weihnachtsmarkt einzäunen und jeden durchsuchen. Aber das wäre nur komplette Panikmache.

Ich glaube, alles werden wir nie verhindern können. Es ist wichtig und gut, viele Einsatzkräfte bei großen Veranstaltungen vor Ort zu haben. Das gibt den Menschen zumindest das Gefühl von Sicherheit. Und so können wir dafür sorgen, dass wir Dinge frühstmöglich erkennen und dann natürlich schnell handeln.

Aber verhindern? Das ist irgendwie auch eine Glückssache. Es war ja auch Glück, dass dem Apotheker das Paket in Potsdam komisch vorgekommen ist.

Ich hoffe, dass ich nie eine reale Gefahr bannen muss

Und selbst wenn etwas passiert, weiß ich als normale Polizistin nicht gleich über alles Bescheid. Viel verbreitet sich schnell unter Kollegen und über Funk. Aber bis wir über genaue Details unterrichtet werden, dauert es.

Manchmal stehe ich auch nur zufällig neben einem unserer Pressesprecher und erfahre gleichzeitig mit den Journalisten, was passiert ist.

Auch ich als Polizistin denke noch immer, ein Terroranschlag ist ganz weit weg. Im Kopf schützt man sich davor, dass es passiert, dass es einen trifft, versucht nicht darüber nachzudenken.

Und insgeheim hoffe ich, dass ich nicht diejenige bin, die eine reale Gefahr bannen muss.

Der Text wurde von der HuffPost-Redaktion aufgezeichnet.

*Name geändert, echter Name ist der Redaktion bekannt.