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12/09/2018 12:07 CEST | Aktualisiert 12/09/2018 19:15 CEST

Politologe Patzelt wirft mir Verleumdung vor – warum eigentlich?

Hier antwortet HuffPost-Redakteur Lennart Pfahler auf die Vorwürfe von Werner Patzelt.

Der Politologe Werner Patzelt zweifelt das Urteil an, zu dem viele Medien und die Bundeskanzlerin Angela Merkel nach den Ereignissen von Chemnitz gekommen sind.

“Hetzjagden” und “Zusammenrottungen” habe er nicht erkannt, schreibt Patzelt.

Deshalb hat er einen Aufruf an die Bundesregierung gerichtet.

“Regierungssprecher und Kanzlerin sollten dazu beitragen, die Widersprüche zwischen ihren Aussagen zu den Chemnitzer Ereignissen sowie den Aussagen der für Chemnitz zuständigen Polizei, Staatsanwaltschaft und Regionalzeitung aufzuklären.”

Anfangs über dem Aufruf zu sehen: Eine Grafik, die eine vermeintliche “Lügenspirale” erklärt. Bebildert mit dem NS-Propagandaminister Josef Goebbels. Schnell regte sich Kritik an dieser – wohl unzweifelhaft – völlig missratenen Darstellung.

Ich habe darüber berichtet – und dem Politologen dabei großen Raum für eigene Erklärungen eingeräumt, die ich wörtlich zitierte.

Er wirft mir seither Verleumdung und eine Verdrehung der Tatsachen vor.

Nun hat Patzelt geantwortet – mit einem Beitrag (den wir hier veröffentlichten), der selbst verleumderisch ist und es mit den Tatsachen nicht so eng sieht.

Patzelt versteht die Kritik nicht 

Denn statt auf den Text einzugehen, den er beanstandet, paraphrasiert Patzelt meine Aussagen nach eigener Lust und Laune. Er legt mir Dinge in den Mund, die ich nie geschrieben habe und nie schreiben würde.

Ich hätte über ihn folgendes verbreitet, meint sich der Wissenschaftler zu erinnern:

  • Patzelt bezweifelt die Existenz schlimmer Chemnitzer Vorgänge, verlangt deshalb von der Kanzlerin dreist Beweise für angeblich bloße “Behauptungen” zu Hetzjagden, und bezichtigte die Regierungschefin letztlich der Lüge.
  • Beweis dafür: die Verwendung einer Theoriegrafik zur sogenannten “Lügenspirale”, hinterlegt auch noch mit einem Bild des Nazi-Großlügners Goebbels. Eben das wäre ein “Vergleichen” der Kanzlerin mit Goebbels, was in der Alltagssprache eben auch “Gleichsetzen” heißt. Gleichsetzungen heutiger Politiker mit Nazi-Verbrechern gehen aber wirklich nicht.

Dabei schrieb ich lediglich:

  • Patzelt ist als Mit-Initiator einer Petition aufgefallen, die Kanzlerin Angela Merkel dazu auffordert ihre “Behauptungen”, es habe eine “Hetzjagd” in Chemnitz gegeben, zu belegen. Rund 34.000 Menschen haben bereits unterzeichnet.
  • Was derweil für Diskussionen sorgt: Über der Petition ist ein Schaubild zu sehen, in dessen Hintergrund NS-Propagandaminister Joseph Goebbels zu sehen ist. Dazu eine Erklärung der “Lügenspirale” (Hinweis der Redaktion: Das Schaubild wurde mittlerweile aus der Petition entfernt).
 

Das Wort “Behauptungen”, das ich Patzelt hier frech in den Mund legte, ist übrigens Teil der Überschrift seines Aufrufes:

“Frau Bundeskanzler, bitte belegen Sie Ihre Behauptungen!“

Von einem “dreisten Verlangen” nach Beweisen war weder explizit noch implizit die Rede. Auch dass Patzelt Merkel der Lüge bezichtigt hätte, ist nicht Teil meines Textes.

 

“Hetzjagd” im schwachen und starken Wortsinn

Ich hätte den Sinn seines Aufrufes falsch wiedergegeben, schreibt Patzelt weiter.

Pfahler tut nämlich so, als bezweifelte ich den Wahrheitsgehalt von Berichten, es sei bei den Chemnitzer Protestdemonstrationen zu empörende Szenen gekommen, darunter “Hetzjagden” und “Zusammenrottungen” im derzeit bevorzugten “schwachen” Sinn dieser Worte. 

Richtig sei:

(...) dass ich in den vorliegenden Videos keine “Hetzjagden” und “Zusammenrottungen” im bislang – auch von Polizei, Staatsanwaltschaft und Chemnitzer Journalisten – verwendeten “starken” Wortsinn erkannte.

Tatsächlich schrieb Patzelt auf seinem Blog nach Auswertung aller Videos, die er zugespielt bekam:

Jene “Hetzjagden“, bei denen sich – so der anfangs letzter Woche allenthalben verbreitete Eindruck – sehr viele von denen, die in Chemnitz demonstrierten, auch noch ans Fangen und Verprügeln von Migranten machen wollten, hat es so nicht gegeben.

Genau diese Einschätzung bat ich Patzelt noch einmal genauer zu erläutern und zitierte ihn im Wortlaut – in ungewöhnlicher Länge, um seine Meinung zu den Videos nicht zu verfälschen:

“Der Punkt ist der, dass ich mir unter ‘Zusammenrottungen’ bislang keine Protestdemonstration mit aggressivem, durchaus auch unflätigem Verhalten vorgestellt habe, sondern eine Menschenmenge, die sich zum Zweck der Begehung von Straftaten zusammenfindet; und dass ich mir unter ‘Hetzjagd’ bislang Szenen vorgestellt habe, wo Leute Dutzende von Metern weit in einer als lebensbedrohlich zu empfindenden Weise vor den Verfolgern hergetrieben werden.”

“So geht Verleumdung!”

Trotzdem ist der Politikwissenschaftler offenbar wütend.

“So geht Verleumdung”, schreibt er.

Und: “Vom kleinen Grünen Kasek bis zum großen Dichter Böhmermann animierte Pfahlers Text zum Verbreiten falscher Behauptungen.” Auch das ist unwahr. 

Keiner der genannten reagierte in den sozialen Medien auf meinen Artikel. Erst als Patzelt auf seinem Blog eine furiose Antwortschrift verfasste, bekam der Artikel überhaupt eine größere Aufmerksamkeit.

Kasek etwa teilte stattdessen einen Tweet des “Bento”-Journalisten Jan Petter, der die erste Welle der Kritik an Patzelt weit vor meinem Artikel losgetreten hatte.

Dazu einen Tweet von Dietrich Herrmann, der über die Geschichte von kruden NS-Gleichsetzungen des Politologen hinwies. 

Es geht nicht um Hetzjagd oder nicht

Nur zu einem bezog Patzelt keine Stellung.

Denn abseits der Wortklauberei um “Behauptungen”, “Jagdszenen” und “Hetzjagden” im starken und schwachen “Wortsinn” fußt die Kritik an seiner Person doch vor allem auf einem: Auf der aktivistisch anmutenden Zusammenarbeit seiner Person (einem Wissenschaftler) mit dem rechten Verschwörungsblog “Science Files”.

In meinem Text schrieb ich:

  • Auf der Webseite (“Science Files”) ist die Zeitschrift “eigentümlich frei” als Partner angegeben. Seit Jahren gilt die Monatsschrift als einflussreiches neurechtes Organ.
  • “Science Files”-Betreiber Klein diffamiert “Gender Studies” als “Gefahr für die Meinungsfreiheit” und bezeichnet Merkel als “sozialistisch”.

Wenn das das Umfeld ist, in dem Patzelt als seriöser Wissenschaftler agieren will, dann verkrafte ich, dass er in mir keinen seriösen Journalisten erkennt.

(ben)