POLITIK
25/02/2018 10:47 CET | Aktualisiert 25/02/2018 11:05 CET

Politologe erklärt: Deshalb sind die Osteuropäer so wütend auf Merkel

"Es gibt eine Art demografische Panik."

Anadolu Agency via Getty Images
Der EU-Gipfel in Brüssel.
  • Europa-Experte Ivan Krastev erklärt, warum der Osten Europas zunehmend EU-skeptisch ist
  • Er glaubt: Die Flüchtlingspolitik ist nur ein Teil des Problems

Der Riss, der sich durch Europa schlängelt, ist an manchen Stellen breiter als an anderen. An der Grenze zwischen Deutschland und Polen etwa, zwischen dem Zentrum der Europäischen Union und den osteuropäischen Staaten.

Beim EU-Sondergipfel in Brüssel am Freitag zeigte sich einmal mehr, wie weit sich die Vorstellungen der Bundesregierung für Europa von den Ideen Osteuropas entfernt haben.

► Streit gab es vor allem bei der alten Frage nach der Flüchtlingsverteilung. 

In einem Interview mit der “Welt am Sonntag“ hat der bulgarische Politologe und Osteuropakenner Ivan Krastev nun erklärt, wie groß die Gräben wirklich sind, die sich derzeit zwischen Angela Merkel und dem Osten auftun – und welche Ängste die Politik östlich der Oder bestimmen.

Mehr zum Thema: Das waren die 3 größten Konflikte beim EU-Gipfel in Brüssel 

► Der Politologe geht vor allem von einer mentalen Spaltung aus. “Jetzt fühlen sich die Osteuropäer als die größten Loser“, sagt Krastev. Nach der Osterweiterung der EU sei das genau andersherum gewesen. Damals hätte der Westen den Verlust von Arbeitsplätzen gefürchtet.

Dieser psychologische Wandel habe zeitgleich mit der Flüchtlingskrise begonnen, aber nicht alleine wegen ihr.

“Menschlich war das eine Katastrophe”

Krastev gibt zu: “Die Flüchtlingskrise sorgt für einen massiven Streit zwischen West- und Osteuropa.”

Er findet, die Quotenregelung des Westens sei ebenso falsch wie die Blockade des Ostens. “Man bat uns eine relativ kleine Zahl (von Flüchtlingen, Anm. d. Red.) aufzunehmen und solidarisch zu sein, nachdem wir selbst Solidarität erfahren hatten.” 

Auf einer menschlichen Ebene sei die Blockade der osteuropäischen Staaten eine Katastrophe gewesen. “Man kann nicht behaupten, dass man nicht die Kapazitäten hat, ein paar hundert Menschen aufzunehmen.”

► Der Effekt sei eine Spaltung gewesen, die sich nun erst langsam auflösen würde – durch “den Aufschwung des westeuropäischen Konservatismus”.

Wut auf Merkel – trotz Verständnis für Politik

In Osteuropa reiben sich die Menschen vor allem an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie steht für das Europa, das für viele Menschen zum Feindbild geworden ist.

Krastev erklärt, dass es dabei weniger um die Politik der deutschen Kanzlerin gehe, als um ihre Art, ihr Vorgehen in der Flüchtlingskrise zu kommunizieren.

“Deutschland hatte in der Euro-Krise alle dazu verpflichtet, dass man die Regeln einhalten muss, wenn man Europa bewahren will. Nun änderte es auf einmal die Regeln”, sagt der Politologe.

Merkel habe den Kurs geändert und mit niemandem darüber geredet.

“Ich habe persönlich gar Sympathien für das, was Merkel gemacht hat”, sagt Krastov, der glaubt, ohne die Grenzöffnung wären Italien und Griechenland “schlicht erledigt” gewesen.

► Doch der Effekt, den die Politik gehabt habe, sei ein Konflikt mit Ländern, die ohnehin ein gespaltenes Verhältnis zu Deutschland hätten.

Wovor haben die Osteuropäer Angst?

Umfragen zeigen, wie ablehnend die Gesellschaften in Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn der Flüchtlingsfrage gegenüber stehen.

Im vergangenen Jahr antworteten 70 Prozent und mehr auf die Frage nach dem international verbrieften Recht auf Asyl: “Nein, mein Land soll keine Flüchtlinge aufnehmen.”

Krastev erklärt: “Es gibt eine Art demografische Panik.” Neben einer drohenden Flüchtlingszuwanderung gäbe es nämlich auch eine zunehmende Abwanderung der Bevölkerung.

Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion hätten viele auf eine bessere Zukunft gehofft, die Ungeduldigen seien Richtung Westen gegangen.

Es stelle sich doch die Frage: “Warum soll ich ein Leben lang darauf warten, dass Bulgarien wie Deutschland wird, wenn ich auch nach Deutschland gehen kann?”

Die Krise hat auch eine gute Seite

► Der Konflikt zwischen Ost und West könnte laut dem Experten aber auch einen positiven Effekt für das Projekt Europa haben.

Zum ersten Mal haben die europäischen Gesellschaften begonnen, sich für ihre Unterschiede zu interessieren”, sagt Krastev.

Die Deutschen wüssten nun mehr denn je über die griechische Wirtschaft, die Polen mehr über die deutsche Einstellung zur Einwanderung. Das schaffe eine Schicksalsgemeinschaft. 

(ujo)