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19/02/2018 13:26 CET | Aktualisiert 19/02/2018 13:41 CET

Peinliche Regierungsbildung – Schuld ist die Feigheit dieser Männer

Statt Mut nur Heuchelei, Flucht und lächerliche Phrasen.

Fabrizio Bensch / Reuters
Martin Schulz in der SPD-Parteizentrale in Berlin.

Man kann viele Gründe dafür finden, warum die Koalitionsverhandlungen für eine neue deutsche Regierung so peinlich verlaufen sind.

Ein zentrales Problem dabei: die erneute Kanzlerschaft von Angela Merkel.

Da keiner den Mut hatte, den Rücktritt der Kanzlerin zu fordern, kam es zu dieser quälenden, lustlosen und vor allem visionslosen Regierungsbildung.

Wieder und wieder depotenzieren sich die Männer, die es nicht wagen, aus den politischen Fehlern und Gesetzesbrüchen Konsequenzen zu ziehen und Merkel herauszufordern.

Lieber ziehen sie gegeneinander in den Krieg.

Horst Seehofer mit seine machtrettenden Heucheleien, Martin Schulz mit seinen narzisstisch begründeten Wortbrüchen und Peter Altmaier mit seinen lächerlichen Phrasen.

Und Thomas de Maiziere zieht die Flucht vor der Verheißung “Wir schaffen das!“ vor.

Zur Schwäche der Männer in der deutschen Politik fallen mir zwei Märchen ein:

► “Des Kaisers neue Kleider“: Die Kleider, die dem Kaiser betrügerisch gewebt wurden, können angeblich nur von Personen gesehen werden, die ihres Amtes würdig und nicht dumm sind. 

Der Kaiser selbst kann aus Eitelkeit die Wahrheit seiner Nacktheit nicht erkennen. Auch die Minister und die Menschen, denen die angeblichen Kleider präsentiert werden, wollen nicht dumm wirken und geben Begeisterung über die so schönen Stoffe vor.

Narzissmus macht blind.

Mehr zum Thema: SPD-Politiker fordert Überwachung der AfD: “Viele Amtsträger sind Rechtsradikale”

Der unbedingte Machterhalt verschleiert die Realität. Im Märchen des Kaisers entlarvt ein noch unverdorbenes Kind, das eben keine Kleider sehen kann, die Heuchelei.

Armes Deutschland, was hast du mit deinen Kindern gemacht? Womit sind sie abgefüttert, vergiftet und geängstigt worden, dass der Mut zur Wahrheit verloren gegangen ist?

► Die Situation im Land erinnert mich noch an ein zweites Märchen: Einer, der auszog, das Fürchten zu lernen.

Im Märchen von Tobias Wiemann geht es um Michel, der sich nicht fürchten kann. Die Angst, als eine wichtige Lebensgrundlage, kann er nicht fühlen. Im Film zum Märchen wird ihm ein Rätsel gestellt:

“Der, der es macht, will es nicht.
Der, der es trägt, behält es nicht.
Der, der es kauft, braucht es nicht.
Der, der es hat, weiß es nicht.“

Michel erkennt den “Sarg“ als des Rätsels Antwort. Damit beendet er den Spuk, der ihm das Gruseln lehren soll.

Die SPD-Oberen haben im Macht-Rausch das Fürchten verlernt

Hat der deutsche Michel durch Nationalsozialismus, Sozialismus und Wohlstands-Narzissmus das Gruseln verlernt?

Zuckt er deshalb nicht mehr erschrocken vor den Schreckensbildern von Armut, Umweltzerstörung, Krieg und Migration?

Im Märchen wird der “Sarg“ als des Rätsels Lösung von Michel erkannt.

Was für eine beängstigende Metapher für die deutsche Realpolitik:

Die, die die Groko machen, wollen sie nicht.
Die, die die Ergebnisse verhandeln, tragen die Folgen nicht.
Die, die diese Politik annehmen sollen, brauchen sie nicht.
Und die, die sie annehmen, wissen nicht, was ihnen geschieht.

Die SPD-Oberen haben im Macht-Rausch offenbar das Fürchten verlernt.

Ist die SPD-Basis noch “kindlich“-unverdorben genug, um die “Nacktheit“ am “kaiserlichen Hof“ zu erkennen?

Die Demokratie bietet die einmalige Chance zu einer Stimmzettel-Revolution, von der auch das Schicksal der Kanzlerin abhängt.

Mehr zum Thema: “Maischberger”: Journalist kritisiert Merkel – CDU-Frau ist kurz sprachlos

Sich-Fürchten ist eine basale Überlebensstrategie.

Der Schock deutscher Geschichte macht die Politik blind.

Bis sie erkennt, dass die Mantras von “alternativlos“, “wir schaffen das“ und “weiter so!“  nur  die “Nacktheit“ verbergen und ein heilsames Fürchten verhindern sollen.

Aber wir brauchen den Grusel, um Mut und Kraft für neue Entscheidungen zu finden.