LIFE
24/10/2018 18:26 CEST | Aktualisiert 25/10/2018 08:35 CEST

Ein Plastikverbot hat keine Chance, wenn wir unsere Ernährung nicht ändern

Auf den Punkt gebracht.

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Plastikteller, dünne Plastiktüten, Strohhalme und andere Kunststoff-Wegwerfprodukte – all das soll in der Europäischen Union verboten werden. Am Mittwoch stimmten die Abgeordneten des Europaparlaments mit großer Mehrheit für einen entsprechenden Richtlinienentwurf. 

Auch fordern sie, dass die EU-Länder den Verbrauch bestimmter Einweg-Produkte – wie beispielsweise Plastikbecher – bis zum Jahr 2025 um ein Viertel senken müssen. Gelingen soll das über Preiserhöhungen und gezieltes Werben für Alternativen.

Grundsätzlich klingt das Vorhaben der EU gut. Es ist ein wichtiger und längst überfälliger Schritt. Doch was können solche Verbote tatsächlich bewirken? Der Kampf gegen den Plastikmüll – auf den Punkt gebracht.

Warum wir den Plastik-Verbrauch massiv reduzieren müssen:

► 18 Millionen Tonnen. So viel Verpackungsmüll produziert Deutschland jedes Jahr. Kein anderes Land in der EU produziert so viel wie wir.

► Pro Kopf sind es jedes Jahr 220 Kilogramm, 130 Kilogramm davon sind Plastik.

► Und einiges davon landet im Meer. 75 bis 80 Prozent des gesamten Mülls in den Weltmeeren ist Plastik.

► Klar ist daher: Wenn sich unser Konsumverhalten nicht bald drastisch ändert, werden die Ozeane zu tödlichen Müllfallen. Bereits jetzt sind die Folgen für Tiere im Wasser verheerend. Jährlich sterben eine Million Vögel und 100.000 Meeressäugetiere am Plastikmüll in unseren Meeren.

► Zugleich bergen Plastik und Mikroplastik auch Gesundheitsgefahren für uns Menschen. Viele Plastik-Produkte, Verpackungen und Kosmetikartikel und Putzmittel enthalten Weichmacher und Bisphenol A.

► Das Bundesinstitut für Risikobewertung vermutet, dass von Bisphenol A Gefahren für die Fortpflanzung, den Stoffwechsel und das Immunsystem ausgehen. Weichmacher stehen zudem im Verdacht, Asthma, Krebs und Allergien zu fördern und die Funktionsweise unseres Gehirns beeinträchtigen können.

► Gefährlich ist dabei nicht nur das sichtbare Plastik, sondern auch Mikroplastik. Die winzigen Kunststoffteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind, stehen im Verdacht, Giftstoffe gerade zu wie ein Schwamm aufzusaugen.

► Fest steht: Wir vermüllen unsere Ozeane unaufhaltsam und schaden damit nicht nur Meerestieren – sondern auch uns selbst.

Deshalb haben Regierungen, Hersteller, Restaurants und Cafés erste Schritte eingeleitet, um gegen den übermäßigen Plastikverbrauch vorzugehen. 

Was Politik und Handel bislang tun:

► Einige Länder haben bereits Plastikstrohhalme verboten, viele auch Plastiktüten – allen voran Länder wie Costa Rica, Kenia, Ruanda. Auch in Italien sind seit 2011 keine Plastiktüten mehr erlaubt, sondern nur noch Säcke aus biologisch abbaubaren Materialien.

► Insgesamt kämpfen weltweit bereits rund 50 Länder mit Gesetzen gegen mehr Plastikmüll.

► Die EU-Kommission hat im Januar 2018 ein Maßnahmenpaket in die Wege geleitet, das die Verwendung von Mikroplastik in Putzmitteln und Kosmetika verbieten soll.

Doch all das genügt Umweltschutzverbänden und Experten noch lange nicht. Die Deutsche Umwelthilfe fordert beispielsweise ein verbindliches Abfallvermeidungsziel, das dafür sorgt, dass sich der Abfall pro Kopf bis 2030 um 50 Prozent halbiert.

Außerdem fordern sie die Einführung eine Ressourcen- oder Plastiksteuer, damit diejenigen, die besonders viele Verpackungen herstellen, auch viel bezahlen müssen. 

Aber Verbote und Gesetze werden nicht ausreichen, wenn wir nicht grundlegend unser Verhalten – und vor allem unsere Ernährung – ändern.

Warum Verbote nichts bringen:

Ein Blick auf die Zahlen offenbart schnell, warum: 

► “Seit 2009 hat sich der Kunststoffverbrauch der Deutschen um ein Drittel erhöht. Seit 1997 ist das jährliche Gesamtaufkommen an Verpackungsmüll von 13,7 Millionen Tonnen um über 30 Prozent auf 18,2 Millionen Tonnen im Jahr 2016 angewachsen”, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe der HuffPost.

► Pro Jahr werden in Deutschland laut der Deutschen Umwelthilfe 16 Milliarden Einweg-Plastikflaschen für Getränke, 2,8 Milliarden plastikbeschichtete Coffee-to-go-Becher und 2,4 Milliarden Plastiktüten für den Einkauf im Supermarkt verbraucht.

Und dieser Verbrauch wird weiterhin unaufhaltsam wachsen – außer jeder Einzelne von uns ändert sein Verhalten. Denn es sind unser Lifestyle und unsere Ernährungsgewohnheiten, die dafür sorgen, dass wir immer mehr Plastikmüll produzieren.

Auf dem Weg zur Arbeit holen wir uns beim Bäcker einen Kaffee im Einwegbecher mit Plastikhaube. In der Mittagspause kaufen wir Essen, das in Tüten oder Plastik verpackt ist.

Wir kaufen uns kleingeschnittenes Obst in Plastikbechern, Salat und Pasta bei kleinen Restaurants und Ketten, die uns Plastikverpackungen mitgeben.

Und wir wollen zu jeder Jahreszeit alles an Obst und Gemüse im Supermarkt kaufen können. Was dafür sorgt, dass Lebensmittel über weite Strecken transportiert und deshalb auch entsprechend verpackt werden müssen.

Und dank Lieferdiensten – vor allem in großen Städten – bestellen wir uns Abendessen nach Feierabend oder am Wochenende bequem auf die Couch – meist in Plastikschalen oder Kartons verpackt. 

Nicht einmal mehr in jedem vierten Haushalt in Deutschland wird täglich selbst und vor allem frisch gekocht. Einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie von 2017 zufolge bezeichnen sich 26 Prozent als Gelegenheits- oder Wochenendköche – und nur 23 Prozent als Alltagsköche. Das sind 6 Prozent weniger als noch 2013.

Es ist unser Verhalten, das für einen Großteil des Mülls sorgt. Und erst, wenn wir unser Verhalten und unsere Gewohnheiten ändern, können wir den vermeidbaren Müll verringern. 

Auf den Punkt gebracht:

Dass die Politik länder- und EU-weit Gesetze erlässt, um den Plastikkonsum einzudämmen und den Handel zum Umdenken zwingt, ist unerlässlich.

Aber auch wir selbst, die Konsumenten, müssen umdenken. Erst wenn wir unseren Lebensstil und unsere Ernährung verändern, ist eine Welt mit deutlich weniger Müll möglich. 

Deshalb hier einige Ratschläge:

► Nutzt Mehrweg-Becher – in zahlreichen Bäckereien und Cafés gibt es dafür sogar Rabatte.

► Nehmt auf die Arbeit oder in die Uni Metalldosen mit, in die ihr unterwegs euer Essen packt.

► Nutzt Stoffsäckchen statt Plastiktüten im Supermarkt. 

► Nehmt euch einfach mal wieder die Zeit, selbst zu kochen oder im Restaurant zu essen, statt schnell schnell unterwegs oder mit der Plastikverpackung auf dem Sofa zu essen. 

► Auch Kosmetik-, Wasch- und Putzmittel könnt ihr frei von Mikroplastik kaufen. Dabei hilft zum Beispiel die Liste des Bund für Naturschutz Deutschland.

Wir sind alle Teil des Plastikwahnsinns – und können helfen, etwas dagegen zu tun!

(ll)