POLITIK
11/07/2018 19:44 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 12:26 CEST

Plant Erdogan Eroberung? Karte im türkischen TV sorgt für Wirbel

Es war ein brisanter Moment im türkischen Staatsfernsehen.

  • Im türkischen Staatsfernsehen spricht ein syrischer Rebell vor einer Karte des Osmanischen Reichs. 
  • Aus mehreren Gründen ist diese wohl bewusste Inszenierung ein heikles Signal. 
  • Im Video oben erfahrt ihr, warum es nach dem Erdogan-Sieg bei der Wahl in der Türkei keine Proteste gab.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ein Mann mit großen Plänen.

Bereits in seinen frühen Jahren als Ministerpräsident versprach Erdogan, die Türkei zur Wirtschaftsmacht zu machen, trieb dazu die Annäherung an Europa voran, baute später den Staat um.

Seit seiner Wiederwahl als Präsident im Juni ist Erdogan so mächtig wie kein türkischer Staatschef vor ihm. Und auch außenpolitisch werden dem AKP-Chef seit Jahren große – teils beunruhigende – Ambitionen nachgesagt.

Mit seiner militärischen Intervention in Syrien eröffnete Erdogan im Jahre 2016 ein neues Kapitel in der auswärtigen Politik Ankaras.

► Viele Beobachter fürchten seither: Erdogan treibt nicht nur das türkische Sicherheitsinteresse, sondern auch ein Expansionswille.

Eine Karte, die offenbar im Hintergrund eines Interviews des türkischen Staatssenders TRT zu sehen war, nährt nun diesen Verdacht – und sorgt in den sozialen Medien für Diskussionen.

Die Türkei in osmanischen Dimensionen

Was das Bild zeigt: Ein Soldat der Freien Syrischen Armee gibt einem TRT-Haber-Reporter ein Interview in der von türkischen Soldaten mitkontrollierten syrischen Stadt Dscharabulus.

► Im Hintergrund hängt eine Karte: Sie zeigt nicht das reale türkische Staatsgebiet, sondern ein um ein Vielfaches größeres Staatsgebiet, das dem Osmanischen Reich im 18. Jahrhundert ähnelt. 

Screenshot
Ein Soldat der Freien Syrischen Armee im türkischen Staatsfernsehen.

► So ist zu erkennen, dass auf der Karte etwa Syrien, Israel, der Libanon und fast ganz Nordafrika zum Gebiet der “Türkei” gehören, sogar Teile Marokkos, die nie Teil des Osmanischen Reichs waren.

“Wir werden keine Gefangenen sein”

Das Bild ist deshalb brisant, da die Freie Syrische Armee in Syrien in enger Abstimmung mit dem türkischen Militär agiert. Offenbar treibt einige Kämpfer dort die Vision einer “Großtürkei”.

Auch der türkische Präsident hat in der Vergangenheit recht unverblümt ausgesprochen, dass er eine territoriale Expansion begrüßen würde.

 ► “Wir werden nicht Gefangene auf 780.000 Quadratkilometern sein”, sagte Erdogan so am Todestag von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk vor zwei Jahren.

In türkischen Medien werden seither regelmäßig Karten verbreitet, die eine größere Ausdehnung der Türkei zeigen. In Richtung Griechenland spielt die türkische Regierung immer wieder mit den Muskeln und riskiert einen militärischen Konflikt um die Kontrolle einiger Inseln.

“Macht euch bereit für eine aggressivere Türkei”

Aber wie sieht Erdogans Außenpolitik in der Realität aus?

Im Norden Syriens stehen große Gebiete von Dscharabulus über Afrin unter Kontrolle türkischer Truppen. Ob die Türkei diese wieder abgeben will, darüber gibt es Diskussionen. Ankara beteuert, genau das passiere bereits.

In Afrin ziehen gehisste türkische Flaggen das allerdings in Zweifel.

Der Experte Sinan Ulgen vom Istanbuler Thinktank Edam warnte im US-Magazin “Foreign Policy” zuletzt vor einer “aggressiveren Türkei”. Dafür sei vor allem die erstarkende nationalistische Partei MHP in der Regierungskoalition mit Erdogans AKP verantwortlich.

► “Eine MHP-beeinflusste türkische Außenpolitik wird wohl noch konfrontativer – auch gegenüber den USA, die in Syrien kurdische Gruppen unterstützen”, schreibt Ulgen.

Erdogan: Noch unerschrockener!

Schon länger lässt sich ein Wandel in der Außenpolitik Ankaras erkennen.

Während Erdogan noch vor zwei Jahren versuchte, mit verschiedenen nahöstlichen Staaten, darunter auch Israel und die Golfstaaten, ein Bündnis als Alternative zur EU-Partnerschaft aufzubauen, liegen viele der damals anvisierten Partnerschaften heute auf Eis.

Stattdessen versucht der türkische Präsident sich immer aktiver als Beschützer der Sunniten in der Region zu inszenieren. Wenn nötig auch durch den Auslandseinsatz des Militärs, wie eben in Syrien und dem Irak.

In seiner Neujahrsansprache sagte Erdogan:  “Wir werden im neuen Jahr eine noch aktivere und unerschrockenere Außenpolitik betreiben.”

(jkl)