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25/04/2018 17:03 CEST | Aktualisiert 25/04/2018 17:03 CEST

Ich habe einen Tag Tipps von Pickup-Artists befolgt – so haben Menschen reagiert

Im Internet geben die Menschen Ratschläge, wie man Frauen ins Bett bekommt.

nd3000 via Getty Images
Die Pickup-Community hat ihre ganz eigene Sprache entwickelt, in der sie untereinander kommuniziert.

Es soll sie ja geben, diese Männer, die nur ein großes Ziel in ihrem Leben haben: so viele Frauen wie möglich zu verführen. Auch wenn dieses Casanova-Image pauschal sicher ein durch Hollywood-Filme und Rap-Videos generiertes Klischee ist, gibt es durchaus Männer, die ihm entsprechen. 

Und wiederum andere Männer, die so sein wollen wie sie. Die meisten dieser Exemplare tummeln sich in der sogenannten Pickup-Community.  

Der Begriff Pickup Community bezeichnet meist aus Männern bestehende Gruppen, die sich durch gezielte Anwendung verschiedener Methoden bessere Chancen bei der sexuellen Verführung fremder Menschen versprechen. Diese Methoden kommen meistens aus der Psychologie.

Ich habe einen Tag lang die Tricks der sogenannten Pickup Artists ausprobiert, sowohl auf Dating-Plattformen wie auch im echten Leben – und dabei einiges über Männer und Frauen gelernt.

Die eigene Sprache der Pickup-Artists

In Deutschland zählt Marko Polo zu den Größen der Pickup-Community. Wie die meisten Männer, die der Szene angehören, ist auch er unter Pseudonym unterwegs. Er selbst bezeichnet sich als Flirtcoach. Vermutlich, weil das harmloser klingt als Pickup-Artist (PUA) oder auch – wie es früher einmal hieß - Aufreißer.

Auf seinem Youtube-Kanal gibt er Tipps, wie man möglichst viele “Lays” erzielt – also möglichst viele Frauen auf dem schnellsten Weg ins Bett bekommt, ohne sich langfristig an sie zu binden.

Die Pickup-Community hat ihre ganz eigene Sprache entwickelt, in der sie untereinander kommuniziert. Der ganze Ablauf wird als “Game“ bezeichnet, womit eigentlich schon ziemlich deutlich wird, um was es den Angehörigen der Szene eigentlich geht. Nämlich nicht darum, wie nach außen hin gerne erklärt wird, schüchternen Männern zu mehr Selbstvertrauen zu verhelfen, sondern einzig und alleine darum, Frauen zu jagen und im besten Falle auch noch flachzulegen.  

Meine Erfahrungen auf Tinder

Für mein Experiment habe ich auf Tinder zuerst vollkommen wahllos Männer und Frauen geliked – ich binbisexuell – und allen den von Marko Polo empfohlenen “Opener“ geschickt. Der Opener ist der erste Satz, den man zu seinem Objekt der Begierde sagen sollte.

Nadine Kroll
Nadine Kroll

Keine einzige Frau hat auf meine Standard-Anmache reagiert, wohingegen die meisten Männer sofort Feuer und Flamme waren. Bei ein paar eher skeptischen Exemplaren musste ich zwar etwas Überzeugungsarbeit leisten, dass es sich nicht um ein Fake-Profil handelt. Aber nachdem das abgehakt war, wären auch die mit mir ins Bett gestiegen.

Der Anzahl der Matches und Nachrichten nach zu urteilen, hätte ich mir den Opener allerdings auch sparen und stattdessen direkt nachfragen können, ob mein Gegenüber Lust zu ficken hat. Ich wäre mit großer Wahrscheinlichkeit genauso erfolgreich gewesen wie mit dem Trick des Pickup-Artisten. Allerdings bin ich auch eine Frau.

Meine Erfahrungen im echten Leben 

Auch hier griff ich auf die sogenannten “Opener“ zurück, die Marko Polo in seinen Youtube-Videos empfiehlt. Ich finde sie insgesamt so unspektakulär wie langweilig, dass ich mich wundere, wieso es überhaupt ein Video braucht, in dem ein Mann anderen Männern erklärt, dass sie zu Frauen einfach nur mit besonders tiefer Stimme “Hallo!“ sagen sollen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Wieder sprach ich vollkommen wahllos Frauen und Männer an, die mir über den Weg liefen. Auf offener Straße, im Supermarkt, in der Schlange bei Starbucks und abends in zwei verschiedenen Bars.

Zunächst probierte ich es mit “Hey, weißt du an wen du mich erinnerst?“ als erstem Satz aus. Zwar fragten sowohl alle Männer als auch alle Frauen, die ich ansprach, tatsächlich “An wen denn?“, was ja das erste Teilziel der ganzen Sache war.

Nachdem ich mir eine Antwort aus den Fingern gesaugt hatte, war das Gespräch allerdings schon wieder vorbei. Die “Transition“, die im nächsten Schritt hätte kommen sollen, ist mir nicht gelungen. Vielleicht war ich einfach nicht überzeugend genug, oder die Typen dachten, ich wolle sie verarschen, als ich ihnen erzählte, dass sie mich irgendwie an Ryan Gosling oder Tom Hardy erinnerten. Jedenfalls konnte ich mit dieser Anmache keinen einzigen potenziellen Lay erzielen. Oder auch nur einen Dialog, der über drei Sätze hinausging.

Als nächstes versuchte ich mich an “Wer bist du?“, wobei ich darauf achtete, einen genauso bescheuerten Gesichtsausdruck aufzusetzen, wie Marko Polo es in seinem Video zu den zehn besten Openern vormacht.

Meine Gegenüber sahen mich allesamt einfach nur verwirrt an, drehten sich von mir weg oder gingen weiter. Ich kann es ihnen allerdings nicht verübeln, denn wenn mich jemand mit “Wer bist DU denn?“ ansprechen würde, würde ich auch ganz schnell das Weite suchen. Etwas weiter kam ich vor allem bei den Frauen mit “Du bist mir gerade aufgefallen, du hast echt einen überragenden Style!“. Wobei die meisten von ihnen das vermutlich nicht als Anmachversuch erkannt haben, sondern einfach nur dachten, ich wolle ihnen ein Kompliment machen.

Die Gespräche waren durch, nachdem sie mir kurz erklärt hatten, wo sie shoppen gingen und wo ich ähnliche Teile ergattern könnte. Potenzielle Lays? Fehlanzeige.

Mit den anderen Openern, die Marko Polo mir vorgeschlagen hatte, lief es leider auch nicht viel besser. Bei dem bereits oben zitierten “Hallo!“ grüßten zwar alle freundlich zurück, mehr kam dann aber nicht.

Natürlich kann es sein, dass die Frauen, die ich angesprochen hatte, nicht auf Frauen standen. Und dass mindestens die Hälfte der Typen, an denen ich meine neu erworbenen Flirtfähigkeiten ausprobiert hatte, schwul war und deshalb nicht auf mich ansprang. Insgesamt war das Ergebnis allerdings wirklich ernüchternd, obwohl ich mich an alle PUA-Regeln gehalten und sie gewissenhaft befolgt hatte.

Mein Fazit nach einem Tag als PUA

Weibliche PUAs, die sich dem Aufreißen von Männern verschrieben haben, sind innerhalb der Community extrem selten. Warum, darüber lässt sich nur mutmaßen. Ich jedenfalls hatte nach einem einzigen Tag schon keine Lust mehr, mein “Game“ zu verbessern und zu schauen, wie viele “Lays“ ich erzielen kann.

Geschweige denn, sie tatsächlich auch durchzuführen, also mit meinen potenziellen Sexualpartnern dann auch wirklich zu schlafen. Ich finde, es gibt bessere Hobbys als das Aufreißen von wildfremden Menschen, nur um das eigene Selbstbewusstsein etwas zu polieren. 

Und mit Sicherheit auch einfachere Wege, jemanden ins Bett zu kriegen. Bei mir jedenfalls hat ein offenes und ehrliches “Hey, willst du ficken?“ oft genug schon ausgereicht, um tatsächlich “gelayed“ zu werden. Wer es aber dennoch gerne selbst versuchen möchte, dem sei in erster Linie zum Internet geraten.

Auf Tinder ist es eben doch leichter, jemanden aufzureißen, als im echten Leben. Erstes natürlich, weil die Personen, die sich dort tummeln, auch wirklich flirten wollen – und zweitens natürlich, weil sich die eigene Unsicherheit hinter dem PC besser verstecken lässt als im direkten Kontakt von Angesicht zu Angesicht.