POLITIK
26/02/2018 17:07 CET | Aktualisiert 06/04/2018 19:37 CEST

Wer Angehörige pfleg,t bekommt etwas vom Staat – doch der sagt es keinem

Die Regierung wollte die Pflege zu Hause fördern, doch an den Betroffenen geht das vorbei.

Maskot via Getty Images
Mit einem Entlastungsbetrag will die Regierung pflegende Angehörige unterstützen. Doch die wenigsten Betroffenen wissen davon.
  • Die große Pflegereform von letztem Jahr sollte auch Angehörige entlasten
  • Doch niemand sagt ihnen, welche Leistungen sie bekommen

Laut Pflegestatistik der Bundesregierung werden 73 Prozent aller Pflegebedürftigen Zuhause betreut, ein großer Teil davon durch Angehörige.

Schätzungen der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zufolge sind zwischen vier und fünf Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich mit der Pflege ihrer Verwandten beschäftigt.  

Oft haben sie unter den Folgen zu leiden: Neben gesundheitlichen Problemen, welche die psychisch und körperlich auszehrende Arbeit mit sich bringt, müssen sie finanzielle Probleme durch Verdienstausfall hinnehmen.

Die große Pflegereform von letztem Jahr sollte deshalb vor allem auch den pflegenden Verwandten helfen. Doch was die Regierung als großen Erfolg feiert, geht offenbar an den Betroffenen völlig vorbei.

Entlastungsbetrag für pflegende Angehörige

Mit Ersetzung der 3 Pflegestufen durch 5 Pflegegrade sollte es künftig möglich sein, besser auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Bei der Einstufung in die Pflegegrade sollte es mehr darauf ankommen, wie selbstbestimmt betroffene Antragsteller ihren Alltag noch bewältigen können. 

In vielen Fällen sind ältere Menschen nicht vollkommen pflegebedürftig. Sie sind körperlich noch fit genug, um alleine zu leben, brauchen aber punktuell Unterstützung in ihrem Alltag.

Zweck der Reform war es daher unter anderm, genau diesen Pflegebedürftigen möglichst lange ein Leben Zuhause zu ermöglichen und Angehörige dabei zu unterstützen.

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Und genau dafür stehen ihnen daher nun mehr Mittel zur Verfügung: Monatlich 125 Euro können abgerufen werden für Leistungen, die ihnen eine größtmögliche Unabhängigkeit gewährleisten:

in der Regel handelt es sich dabei um Dienste im Haushalt, sowie für Besorgungen, Vorlesestunden oder eine Begleitung fürs Spazierengehen oder auch bei Konzert- und Theaterbesuchen.

Unzureichende Informationen durch die Pflegeversicherung

Doch von diesem sogenannten “Entlastungsbetrag” wissen offenbar nur wenige.

Wie der Berliner “Tagesspiegel” berichtet, nehmen 70 Prozent der Berechtigten die neuen Leistungen nicht in Anspruch. Die Zeitung bezieht sich dabei auf aktuelle Zahlen aus einer Studie des “Zentrums für Qualität in der Pflege” (ZQP).

Das ZQP hatte dafür im Dezember 900 Pflegende befragt. Dabei kam heraus, dass sich offenbar jeder zweite von der Pflegeversicherung schlicht nicht ausreichend informiert fühlt und nicht weiß, was der betreuten Person an Leistungen zusteht.

Ein Drittel der Pflegenden hingegen weiß nicht, was ihnen selbst für Mittel garantiert werden. 

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Auch vom Anspruch auf kostenlose Pflegeberatung, wie sie beispielsweise das Rote Kreuz anbietet, machen laut “Tagesspiegel” nur wenige Gebrach. Nur 42 Prozent haben diese Leistung in Anspruch genommen.

Beim Besuch eines kostenlosen Pflegekurses, der ihnen und ihren pflegebedürftigen Angehörigen helfen würde, sieht es scheinbar noch schlechter aus: Lediglich acht Prozent haben einen solchen Kurs 2017 besucht.

Wirkung der Pflegereform verpufft

Für Ralf Suhr, den Vorstandsvorsitzenden des ZQP sind die Zahlen ernüchternd. Wie er dem “Tagesspiegel” sagte, sei gerade eine gute Beratung ein Schlüssel zu guter Qualität in der Pflege: 

“Denn nur wer wer weiß, welche Leistungen man bekommen kann und sie dann gezielt nutzt, kann die Pflege bestmöglich organisieren.“

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Noch im September hatte sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe für die Reform selbst gelobt

“Pflegende Angehörige leisten einen unschätzbar wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft (...) Deshalb haben wir mit der Pflegereform gerade die Leistungen für die Pflege zu Hause deutlich ausgebaut.”

Dumm nur, wenn die davon nichts mitbekommen. So verpufft die Wirkung der großspurig angekündigten Entlastung. 

(ks)