POLITIK
22/11/2018 08:52 CET | Aktualisiert 22/11/2018 12:27 CET

Pfleger über Begegnung mit Merkel: "Das hat mich beeindruckt"

Ferdi Cebi konnte der Kanzlerin das Versprechen abringen, ihn in seiner Einrichtung zu besuchen. Heute glaubt er: Der Besuch hat Wirkung gezeigt.

Reuters
Ferdi Cebi (l.) mit einer Pflegebedürftigen und Angela Merkel (r.).

Ferdi Cebi, genannt Idref: Rapper, Vater, Altenpfleger. Und irgendwie auch all das zusammen. 

Der 37-Jährige aus dem ostwestfälischen Paderborn hat sich mit Songs wie “Alt und Krank“ und “Für die Pflege“ zur jungen Stimme der Pfleger-Community gemausert. Er kämpft dafür, dass der so problembehaftete Beruf endlich mehr Anerkennung erfährt. 

Seinen bislang wohl größten Auftritt hatte Cebi aber in einem anderen Umfeld. In einer ZDF-Wahlkampfshow konfrontierte er Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Missständen in der Pflege – und konnte der CDU-Chefin das Versprechen abringen, ihn einmal im St. Johannisstift in Paderborn zu besuchen.

Und Merkel kam. Im Juli besuchte die Bundeskanzlerin mit zahlreichen Journalisten im Schlepptau die Einrichtung des rappenden Pflegers. Wie sich die Kanzlerin gab, als die Kameras aus waren, was er “Unbezahlbares“ von alten Menschen gelernt hat und wie er die Arbeit von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einschätzt, erklärt Cebi nun im HuffPost-Interview. 

HuffPost: Du hast der Bundeskanzlerin im Wahlkampf das Versprechen abgerungen, dich in deiner Einrichtung zu besuchen. Ganz ehrlich: Hast du damals wirklich erwartet, dass Angela Merkel nach Paderborn kommen würde? 

Cebi: Wenn ich ehrlich bin: nein. Nach der Sendung hat sie mir dann aber noch einmal zurückgespielt, dass sie wirklich Interesse daran hat. Dann im März kam der Anruf, das war schon eine riesige Überraschung.

Und im Juli war sie dann da ...

Und sie hat sich wirklich offen und einfühlsam gezeigt. Natürlich war das auch ein Pressetermin für Frau Merkel. Aber sie hat alles mit sehr viel Ruhe gemacht und sich wirklich Zeit gelassen.

Erzähl mal.

Da gab es zum Beispiel eine Begegnung: Da waren wir bei einer älteren Dame und mussten dann eigentlich schon schnell weiter, weil die Termine so eng getaktet waren. Dadurch wurde die ältere Dame unruhig. Ich habe dann gesagt: Nein, wir können jetzt nicht einfach gehen. Dann hat die Kanzlerin alle Reporter weggeschickt und meinte, wir müssen uns jetzt kurz kümmern. Das hat mich beeindruckt.

FRISO GENTSCH via Getty Images

Glaubst du, der Besuch hat auch bei Frau Merkel einen bleibenden Eindruck hinterlassen?

Ich hoffe es doch. Aber ich muss sagen: Es tut sich gerade wirklich etwas in der Pflege. Gerade wurde das Pflegepersonalstärkungsgesetz verabschiedet, das war dringend notwendig. Dazu wird es schon einmal 13.000 neue Stellen in der Altenpflege geben. Vielleicht hat der Besuch also wirklich Wirkung gezeigt.

Das ist auch ein Lob für Gesundheitsminister Jens Spahn.

Ja, ich muss sagen: Natürlich reden diese Politiker viel und auch gut. Aber ich habe schon das Gefühl: Der macht wirklich etwas. Viele der drängenden Probleme werden endlich angepackt. Wir werden sehen, ob es reicht.

Welche Probleme empfindest du als besonders drängend?

Das Ding ist: Persönlich habe ich großes Glück. Ich werde nach Tarif bezahlt, das ist wirklich top. Aber ich kenne viele Leute, die den gleichen harten Job machen wie ich und 400 Euro weniger kriegen. Das kann nicht sein, das muss sich dringend ändern.

Gleichzeitig dürfen wir nicht zulassen, dass alle glauben, dass der Pflegeberuf der totale Horror wäre. Es ist so ein spannender Job, viel mehr als nur Ärsche abwischen. Aber in den Medien kommt das derzeit nicht rüber. 

Weil immer nur die Schattenseiten gezeigt werden?

Ja. Und das ist ja auch wichtig. Denn viele Einrichtungen setzen Sparmaßnahmen an, Pflege ist ein Geschäft geworden. Viele Pfleger arbeiten für einen Hungerlohn aus Angst, ihren Job zu verlieren und keinen besseren zu finden. Auch für die alten Menschen ist das zum Kotzen.

Viele von ihnen waren im Zweiten Weltkrieg, vielen haben Deutschland wieder aufgebaut, wir haben ihnen etwas zu verdanken. Da müssten wir uns auch besser um sie kümmern, wenn sie Hilfe brauchen. Und ja: Pflege kann auch den Pflegenden ganz viel geben.

Zum Beispiel?

Diese alten Menschen können einem so viel Lebenserfahrung geben. Was ich von ihnen gelernt habe, ist unbezahlbar. Ich habe mit 22 Jahren mit dem Job angefangen. Nach nur ein bis zwei Jahren hatte ich so viel von den Menschen gelernt, dass ich schon viel reifer war.

Damals hatte ich zum Beispiel einmal Stress mit meiner Freundin. Wir haben uns dann auch getrennt. Ich war jung, sie war so etwas wie meine erste große Liebe. Das habe ich dann einer älteren Dame erzählt. Sie hat mich voll aufgebaut und mir wichtige Tipps gegeben. Sie meinte: Melde dich erst einmal eine Weile nicht bei ihr, sie wird schon merken, dass sie dich vermisst. Das habe ich gemacht – und wir haben wieder zueinander gefunden. (Lacht.)

(jg)