WIRTSCHAFT
06/07/2018 22:00 CEST | Aktualisiert 16/07/2018 15:44 CEST

Pfleger: "Angehörige denken, wir hätten 'alles getan' – aber das stimmt nie"

“Viele Patienten liegen stundenlang in ihrer eigenen Scheiße!”

Im Video oben: Dieser Pfleger attackierte Angela Merkel vor laufender Kamera - und erntete Applaus. 

“Wir wissen ja, Sie haben alles getan.”

Es ist ein Satz, der oft in Krankenhäusern fällt. Angehörige sagen ihn zu Ärzten und Pflegern, wenn wieder jemand gestorben ist. Jemand, den sie geliebt haben, aber für dessen Tod sie niemanden verantwortlich machen wollen. Es ist nicht nur ein Dank, sondern auch eine Art Vergewisserung der Angehörigen, dass der Tod unvermeidlich war, dass alles getan wurde. Aber das stimmt nicht immer. 

“Die Wahrheit ist: Es wird nie alles getan”, sagt Aaron Dachmann. Seine Stimme klingt verbittert. Der 36-Jährige ist Pfleger in einer deutschen Klinik. Gleichzeitig arbeitet er als Rettungssanitäter, weil das Pflege-Gehalt für ihn und seine Familie nicht reicht. Seinen echten Namen will Aaron nicht verraten. Denn für das, was er erzählt, würde er seinen Job verlieren. 

“Wir Pfleger haben keine Zeit mehr für die Patienten. Wir hatten in diesem Jahr bestimmt schon fünf Patienten, die gestorben sind, weil niemand da war, der im Ernstfall schnell genug reagieren konnte”, sagt er. Einer der Patienten ist verstorben, weil ein Medikament nicht rechtzeitig nachgefüllt wurde. Keiner der Pfleger war schnell genug zur Stelle. 

Geschichten wie diese verfolgen Aaron lange. Der Frust über seinen Job staute sich bei ihm so sehr an, dass er ein Ventil brauchte – und begann, über seine Arbeit zu twittern. Auf seinem Twitter-Account “desflurator” teilt er schmerzliche Gedanken, die ihn beschäftigen, aber auch Anekdoten seiner Patienten.

Mittlerweile folgen dem Krankenpfleger auf der Plattform 2.200 Menschen. 

“Das hat mich wirklich verwundert. Dass es so viele Menschen interessiert, was ich da erzähle”, sagt er am Telefon, immer noch ganz verblüfft.

Das Interesse der Twitter-Nutzer zeigt, wie viele Menschen der Notstand in der Pflege bewegt. Jeder kann davon später selbst betroffen sein. 

Bis 2030 fehlen 300.000 Pflegekräfte 

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Die Bundesregierung geht davon aus, dass im Jahr 2050 rund 5,3 Millionen Menschen in Deutschland Pflegefälle sein werden. Das wären sieben Prozent der Bevölkerung, doppelt so viele wie heute.

70.000 Fachkräfte fehlen laut der Gewerkschaft Verdi bereits jetzt bundesweit in der Krankenpflege.  

300.000 Pflegekräfte werden laut Prognosen des Deutschen Pflegerats bis 2030 fehlen, davon allein 200.000 in der Altenpflege. Woher die Zehntausenden neuen Kranken- und Altenpfleger kommen sollen, weiß niemand.

Patienten sterben, weil die Pfleger keine Zeit haben, sich um sie zu kümmern – und weil Fehler passieren. 

“Ich will gar nicht wissen, wie viele Fehler mir schon passiert sind”, sagt Aaron. Oft wird er nachlässig, weil er sich nach stundenlanger, fordernder Arbeit nicht mehr konzentrieren kann. “Das Problem im Vergleich zu anderen Jobs ist: Wenn ich einen Fehler mache, stirbt jemand.”

Doch Überlastung als Entschuldigung für einen Fehler lassen die Ärzte Aaron nicht durchgehen.  

Ich traue mich nicht, mich krankzumelden. Ich muss immer 100 Prozent geben. Aaron Dachmann, Krankenpfleger

“Meine Leistung muss immer 100 Prozent sein”, sagt der 36-Jährige. “Wenn ich krank bin, komme ich trotzdem zur Arbeit. Mich krankzumelden, traue ich mich nicht. Dann würde ich ja den Rest des ohnehin schon unterbesetzten Teams im Stich lassen.” 

Auf eine Station kommen in der Klinik, in der Aaron arbeitet, nur zwei Pfleger auf 40 bis 45 Patienten. Im Intensivbereich muss Aaron sich gleichzeitig um vier bis fünf Patienten kümmern. Obwohl eigentlich nur zwei Intensivpatienten pro Pfleger die Regel sein sollten.

Ein Pfleger dürfte einen hochkritischen Patienten auf der Intensivstation eigentlich gar nicht alleine lassen, sagt Aaron. Doch in der Realität ist das nicht machbar. Es herrscht Personalmangel und Leistungsdruck. Entsprechend rau ist der Tonfall. 

Viele Patienten liegen stundenlang in ihrer eigenen Scheiße. Aaron Dachmann, Krankenpfleger

“Oberärzte beschimpfen mich”, sagt Aaron. “Dem Krankenhaus geht es nur ums Geld. Das ist ein Wirtschaftsunternehmen. Am Pflegepersonal können sie am einfachsten sparen, also tun sie das.”

Laut Vertrag arbeitet Aaron 39,5 Stunden. Die Realität sieht anders aus. In einer Woche Dienst kommt er regelmäßig auf 54 und mehr Stunden. Wenn Nachtdienste dabei sind, werden es sogar 70 Stunden. Oft arbeitet er 10 bis 12 Tage am Stück und hat im Anschluss maximal drei bis vier Tage frei – und das alles für einen Lohn von 46.000 Euro brutto mit drei Kindern, die versorgt werden müssen.

Mehr zum Thema: An meine Mutter: Ich habe Angst, dass ich nicht da sein kann, wenn du mich am meisten brauchst 

Die Folgen der Überlastung spüren nicht nur die Pfleger, sondern auch die Patienten am eigenen Leib. 

“Viele Patienten liegen stundenlang in ihrer eigenen Scheiße”, sagt Aaron. Oft sind sie so schwer, dass Aaron sie gar nicht alleine hochheben kann und deshalb noch eine zweite Pflegekraft zur Hilfe braucht – die ebenfalls keine Zeit hat. 

Dass sich etwas ändern muss, steht fest. Nur wie? 

“Mit Geld kriegt man uns nicht”

Gesundheitsminister Jens Spahn will den Pflegeberuf attraktiver machen und dafür sorgen, dass Pflegekräfte besser bezahlt werden. “Die Bezahlung hat maßgeblich Einfluss darauf, wie attraktiv ein Beruf ist”, sagte er auf dem Deutschen Pflegetag in Berlin.

Aaron hingegen sagt: “Mit Geld kriegt man uns nicht. Ich kenne wenige Pflegekräfte, die das für Geld machen. Deshalb sucht man sich diesen Beruf nicht aus. Wir wünschen uns eine Entlastung und geregelte Arbeitszeiten.”

Er selbst hätte gerne einfach mal Zeit für seine Patienten. Zeit, mit ihnen zu sprechen, wenn es ihnen schlecht geht. Zeit, sich neben sie ans Bett zu setzen. Aber dafür ist nie Zeit. Nicht einmal, wenn sie im Sterben liegen.

Ich würde mich gerne neben Patienten setzen, während sie sterben. Aber dafür habe ich keine Zeit. Aaron Dachmann, Krankenpfleger

Manchmal müssen die Pfleger einzelne Patienten sogar festbinden, damit sie nicht aus dem Bett fallen. Denn Zeit, sie im Auge zu behalten, gibt es nicht. Oft passiere es auch, dass jemand ausrastet, mit Dingen um sich wirft – und die Pfleger trifft. 

Vielen der Patienten würde es laut Aaron gut tun, mal an die frische Luft zu kommen. In diesem Hinblick sei auch das Denken der meisten Angehörigen falsch.

“Aus dem Fernsehen kennen sie das Bild von einem Patienten, der im Bett liegt. Deshalb gehen sie davon aus, dass ein kranker Mensch im Bett liegen muss. Aber das ist falsch. Kranke Menschen müssten viel mehr raus, an die frische Luft”, erklärt er. “Sie dürften nicht nur liegen, sondern müssten auch sitzen, laufen, fernsehen. Die Muskeln bauen so schnell ab. Eigentlich bräuchten sie jeden Tag Bewegung. Im Bett wird man nicht gesund.”

Wir machen im Krankenhaus ganz viele Operationen, weil sie Geld bringen. Aber das heißt ja nicht, dass wir Ahnung haben. Aaron Dachmann, Krankenpfleger

Oft würden sich die Ärzte außerdem überschätzen. Was zähle, sei Geld. Sonst nichts. Manche Dinge könnten sie nicht einmal. Ein Luftröhrenschnitt zum Beispiel werde sehr selten gemacht.

“Einmal habe ich es erlebt, dass ein Patient mitten in der Nacht dringend einen solchen Schnitt gebraucht hätte. Doch weil keiner der Ärzte in der Lage war, ihn durchzuführen, ist der Patient wegen mangelnder Versorgung gestorben”, erzählt Aaron. 

Gerade den vielen jungen Ärzten und Pflegern fehle die Erfahrung. Trotzdem würden Ärzte viele Operationen durchführen, wenn sie viel Geld einbringen. Sogar dann, wenn ein Patient ohnehin bald sterbe und die Operation deshalb eigentlich überflüssig sei.

“Ich bin jetzt soweit, dass ich mich frage, ob das wirklich der richtige Beruf für mich ist. Ich mache mir Sorgen, ob ich das weitermachen möchte, aber noch viel mehr, ob ich es weitermachen kann.”

In anderen Kliniken sei es auch nicht besser. Als Aaron in einer anderen Klinik zum Probearbeiten war, klagte ein Patient über Herzbeschwerden. Für eine sofortige Behandlung hatte niemand Zeit. Also wurde er erst mal in einen Raum geschoben.

“Als Arzt und Pfleger endlich Zeit hatten, sich um ihn zu kümmern, war er tot. Wäre er gleich an einen Überwachungsmonitor angeschlossen worden, könnte er jetzt noch leben. Denn der Monitor hätte den Herzstillstand gemeldet. Wir hätten reagieren können.” 

“Was wir bräuchten, ist Wertschätzung”

Die Politik diskutiert seit Jahren über den Pflegenotstand in Deutschland. Aaron meint: “Man sollte erst einmal die Arbeitsbedingungen verbessern, bevor man woanders anfängt.”

Der psychische Druck ist hoch. Die Gedanken an seine Patienten verfolgen Aaron bis in den Schlaf.

“Was wir bräuchten, ist vor allem Wertschätzung”, sagt er. “Ich bin einfach nur Personal. Bald bin ich in der letzten Gehaltsstufe angekommen. Das heißt, mein Gehalt wird sich bis ich 67 Jahre alt bin, nie wieder ändern.” 

“Meine Brüder sind Kaufmänner, die bekommen 5.000 bis 6.000 Euro für Weiterbildungen. In meinem Beruf gibt es gar keine Weiterbildungen. Ich fühle mich wie ein Sklave.”

Aaron ist glücklich, zumindest ein Ventil für seinen Stress gefunden zu haben: Twitter. 

“Es ist unglaublich, wie viele Leute mir folgen, wie viele Menschen in unserer Gesellschaft dieses Problem interessiert”, sagt er.  “Das ist wie eine seelische Befreiung.”

(mf)