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29/01/2018 14:30 CET | Aktualisiert 01/02/2018 11:49 CET

Ich habe meine Kinder in eine Pflegefamilie gegeben

Die Telefonate mit meinem Sohn waren herzzerreißend.

Das erste, was ich gemacht habe, als ich nach Hause kam, nachdem ich meine Kinder in die Pflegefamilie gebracht hatte, war: Aufräumen!

Ich räume gerne auf, ganz besonders, wenn es mir schlecht geht. Wenn in mir schon alles im Chaos versinkt, dann soll wenigstens außen Ordnung herrschen.

Beim Aufräumen fand ich auf dem Boden Ida und Ole. Ida und Ole sind die zwei kleinsten Stapelbecher, die eigentlich zu den anderen vier Stapelbechern meines kleinen acht Monate alten Sohnes gehörten.

Endlich konnte ich wieder schlafen

Meine Söhne waren weg, die übrigen Stapelbecher waren auch weg, aber Ida und Ole waren da und das hat mich sehr berührt. Es war wie eine Verheißung, dass meine Kinder wieder zu mir zurückkommen und ich es irgendwie schaffen kann.

Das Beste an den drei Wochen, die meine Kinder nicht bei mir waren, war, dass ich endlich wieder einmal schlafen konnte und nicht wie eine Irre im Hamsterrad gerannt bin.

Ich hatte viele Ängste, viele Diskussionen mit Vätern, die sich nicht oder nur sporadisch gekümmert hatten und ergebnislose Gespräche mit dem Jugendamt.

Ich habe viel nach Hilfe gefragt und wenig Hilfe bekommen, habe Kontakt mit der Redaktion der Zeitschrift “Brigitte” aufgenommen, mich in einer psychosomatischen Klinik vorgestellt, weiterhin Hilfe in der Beratungsstelle angenommen, viel geweint, gehadert – und, vielleicht war das das Wichtigste,  ich bin weitergegangen auf meinem ungewissen Weg.

Es schmerzt mich bis heute

Die Telefonate mit meinem großen Sohn, der von seinem Vater aus der Pflegefamilie umgehend abgeholt wurde, nachdem er sich ein ganzes Jahr lang nicht um seinen Sohn gekümmert hatte, waren herzzerreißend.

Mehr zum Thema: Wie meine Tochter in die Fänge der Pflegemafia geriet

Die Besuche bei meinem kleinen acht Monate alten Sohn in der Pflegefamilie waren schmerzlich. Diesen kleinen Menschen so schutzlos weggegeben zu haben, war unheimlich schwer auszuhalten. Das ist es bis heute.

Auch zwei Jahre nachdem ich meine Kinder weg gegeben habe, ist es schmerzhaft, über alles nachzudenken. Zwischen den Sätzen hänge ich viel meinen Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen nach.

Meine Kinder waren drei Wochen weg und kamen dann wieder in ihr zu Hause. Mir hat das so viel Angst gemacht, dass ich eine Panikattacke bekam.

Also nichts mit “wir sind jetzt wieder alle zusammen und alles ist gut“. In solchen Situationen gibt es keine Hilfen.

Es gibt keine Unterstützung für die täglichen Dinge des Lebens, die man als alleinerziehende Mutter oder Vater mit zwei Kindern bewältigen muss.

Ich hatte keine Kraft mehr

Ich hatte sogar das Gefühl, dass das Jugendamt mit meinem Fall eher überfordert war, denn meine Kinder waren weder entwicklungsverzögert, noch verwahrlost, noch sonst irgendwie auffällig.

Ich habe ja alles gemacht für meine Kinder, nur hatte ich keine Kraft mehr. Dass Eltern keine Kraft mehr haben, ist jedoch in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen und daher schreibe ich nun diesen Blog.

Zu unserer Geschichte erschien im Janaur 2016 ein Artikel in der Frauenzeitschrift “Brigitte”. Die Kommentare zu diesem Beitrag konnte ich erst anderthalb Jahre später lesen, ich hatte zu viel Angst vor schlimmen Beiträgen.

Mehr zum Thema: “Wir haben den Kampf verloren”: Der bewegende Brief einer Pflegemutter

Danke an alle, die in mir die Stärke gesehen haben. Die wenigsten Kommentare sind negativ. Am meisten berührt hat mich der Kommentar einer Nutzerin, sie schrieb, sie sei eine Heldin. Da hatte ich Tränen in den Augen.

Ich arbeite mittlerweile wieder in der Erwachsenenbildung, habe dann also ein Jahr nachdem meine Kinder weg waren wieder Arbeit gefunden – kurz bevor ich in Hartz IV gefallen wäre.

Die Autorin betreibt den Blog Mama streikt.

(kap)