POLITIK
16/03/2018 15:01 CET | Aktualisiert 16/03/2018 16:57 CET

"Nicht lukrativ genug": Pflegedienste verweigern Hilfe für krankes Baby

Als Grund für die Ablehnung geben die meisten Dienste eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung an.

AP
Schwer krankes Baby in der Klinik. (Symbolbild)
  • Der 15 Monate alte Xavier Ley ist schwerstbehindert und auf Pflege angewiesen.
  • Trotzdem finden die Eltern keinen Pflegedienst, der den Fall übernehmen möchte.

Gerade einmal 15 Monate alt ist der Sohn von Christian und Patricia Ley und schon schwer pflegebedürftig. Die Eltern sind dabei dringend auf Hilfe angewiesen.

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Doch wie die “Neuss-Grevenbroicher Zeitung” (“NGZ”) berichtet, finden sie keinen Dienst, der sich bereit erklärt, die Pflege zu übernehmen – und das, obwohl die Eltern Anspruch auf Pflegegeld und Sachleistungen haben.

Als Grund für die Ablehnung geben die meisten Dienste nicht etwa Überlastung an, sondern eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung.

Vergebliche Suche nach einem Pflegedienst

Kurz nach seiner Geburt hatte sich ein Gendefekt bemerkbar gemacht, der den Dünndarm um die eigene Achse verdrehte. Es folgten Organversagen, Hirndefekte und mehrere Notoperationen.

Zwar konnten Ärzte das Leben des kleinen Jungen noch retten, doch seitdem ist er auf Betreuung angewiesen. Aus der Intensivstation wurde er mit Pflegegrad 4 entlassen.

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Doch wie Christian Ley den “NGZ” sagte, hatten seine Frau und er die ersten 35 Absagen bereits im Postfach, als sie mit ihrem Sohn das Krankenhaus verließen, danach haben sie alle im Kreis gelisteten Dienste abtelefoniert – ohne Erfolg: 

“Intensiv-Pflegedienste haben uns wissen lassen, der Aufwand sei zu gering und daher nicht lukrativ genug. Normale ambulante Pflegedienste sagten uns, der Aufwand sei zu hoch und sie könnten dies nicht leisten.”

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Andere Dienste hätten sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Absage zu begründen. Ein schlichtes “Leider können wir die Versorgung nicht übernehmen” schien ihnen ausreichend.

Intensive Pflege ist nur zu zweit möglich

Den verzweifelten Eltern bleibt in der Zwischenzeit keine andere Wahl, als die Pflege allein zu stemmen. Abwechseln können sie sich laut “NGZ” dabei kaum, denn für die komplizierten Handgriffe sind immer zwei Helfer nötig.

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Ihr Sohn trage rund um die Uhr einen speziellen Katheter, über den eine Nährstofflösung zugeführt werde. Die Lösung müsse regelmäßig gewechselt werden. Dafür hätten sie zuerst immer für eine sterile Umgebung zu sorgen. Ihr Sohn müsse fixiert werden, damit er nicht an den Katheter geraten könne. 

Zudem brauche er über den ganzen Tag und die ganze Nacht verteilt 10 kleinere Mahlzeiten, und regelmäßig müssten Werte über Essen, Stuhlgang und Gewicht genau protokolliert werden. 

Problem Pflegenotstand

Helfen können weder die Stadt, noch die Krankenkasse: Wie Peter Fischer, Pressesprecher der Stadt Neuss, den “NGZ” sagte, gebe es zwar zwei Sozialdienste, die sich auf Kinderpflege spezialisiert hätten. Doch ausgerechnet diesen fehle das Personal.

Die Krankenkasse IKK Classic ließ unterdes durch ihren Sprecher Michael Lobscheid verlautbaren, bei der betroffenen Familie Ley handele es sich nicht um einen Einzelfall. Krankenkassen könnten keine Pflegedienste verpflichten.

Dennoch wolle die Kasse alles versuchen, um die Eltern zu unterstützen.

Die sind bereits jetzt am Ende ihrer Kräfte angelangt. “Mein Akku ist komplett leer”, sagte Patricia Ley den “NGZ”. Ihr Mann Christian macht die politische Untätigkeit dafür verantwortlich: “Wie kann es sein, dass junge Familien mit so einem Fall bei der Pflege einfach allein gelassen werden?”

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Laut “NGZ” hat der kleine Xavier ab Mai einen Platz in der Kita. Doch ob das den Eltern nutzt, ist noch unklar. Denn dort müsste ein Integrationshelfer den Jungen ständig betreuen – und den müsse man erst einmal finden. 

► Das Thema Pflege war eines der strittigsten in den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD. 

► Im Koalitionsvertrag wurde beschlossen, mit einem Sofortprogramm 8.000 neue Stellen in der Pflege zu schaffen.

► Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat angekündigt, die Pflege zu einem seiner zentralen Themen zu machen.

► Im Rahmen seines Auftritts beim deutschen Pflegetag am Donnerstag kündigte er Verbesserungen bei Personalbemessung und Löhnen an. Er warnte aber zugleich vor zu hohen Erwartungen: Verbesserungen bräuchten Zeit.