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02/08/2018 19:29 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 19:29 CEST

Herr Spahn, Sie vergessen beim Thema Pflege Menschen wie mich

Von Ihnen ist anscheinend keine Hilfe zu erwarten. Deswegen müssen wir selbst aktiv werden.

Melanie Dreysee
Arnold Schnittger und sein Sohn Nico.

Lieber Herr Spahn, 

vor kurzem erst stand ich wieder vor dem Bundestag und habe das Gespräch mit Ihnen gesucht – auch dieses Mal sind Sie mir entwischt und haben sich offensichtlich, nachdem Sie vom Mittagessen in Ihr Büro zurück wollten, heimlich an mir vorbeigeschlichen. 

Das finde ich sehr schade. Gerne hätte ich nämlich mit Ihnen über Missstände in der Pflege gesprochen. Solche, die zwar nicht vor allem, aber eben auch bei pflegenden Angehörigen vorherrschen. 

Seit seiner Geburt pflege ich meinen Sohn Nico. Er ist mittlerweile 23 Jahre alt, körperlich und geistig schwerstbehindert. Mit verschiedenen Aktionen habe ich schon versucht, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen, Herr Spahn: Zum Beispiel habe ich den Rollstuhl meines Sohnes über 300 Kilometer zu Fuß von Hamburg nach Berlin geschoben, um mit Ihnen zu sprechen. 

Mehr zum Thema: Protest gegen Spahn: Vater schiebt Rollstuhl über 300 Kilometer nach Berlin

Als Gesundheitsminister dürfte es Sie ja interessieren, mit einem Betroffenen zu reden. Freundlicherweise haben Sie mir immerhin Ihren Pressesprecher geschickt, der mir ausrichten ließ: Für pflegende Angehörige sei in der letzten Legislaturperiode ja genügend getan worden. Jetzt seien die anderen dran.

Die Sanktionen werden vor allem die Patienten treffen

Dass Sie nun die Pflegenotstände an Krankenhäusern angehen wollen, finde ich ja prinzipiell gut: Laut neuesten Erhebungen mangelt es deutschlandweit an etwa 80.000 Pflegekräften, um eine gute Patientenversorgung zu gewährleisten. Das muss sich ändern.

Ihre Idee, um gegen die Missstände anzukämpfen: Sie wollen Krankenhäuser per Gesetz dazu zwingen, Vorgaben zu erfüllen, was die Zahl der Pflegekräfte angeht. Wer die Vorgaben nicht erfüllt, wird sanktioniert.

Obwohl ich Ihren Gesetzesentwurf nicht vollkommen verkehrt finde, bin ich skeptisch: Wenn ein Krankenhaus, das sowieso schon aufgrund von Personalmangel keine gute Versorgung gewährleisten kann, auch noch sanktioniert wird, trifft das am Ende vor allem die Patienten. Erst bei ihnen wird der Mangel nämlich spürbar.

Vor allem aber frage ich mich: Wo wollen Sie die zusätzlichen Pflegekräfte denn herbekommen? Aktuell ist doch das Problem, dass Menschen diesen Beruf nicht mehr ergreifen wollen und es an passenden Bewerbern fehlt.

Niemand will mehr Pfleger werden

Im Zuge der Privatisierung des Gesundheitswesens wurde von den Kliniken immer mehr Personal eingespart. Dieses ist schließlich abgewandert. Die Arbeitsbedingungen sind mies, das Gehalt ebenfalls. Der Beruf des Pflegers genießt einfach kein hohes Ansehen. Warum sollte jemand heutzutage noch eine Ausbildung zum Pfleger aufnehmen?

Dass niemand mehr Pfleger werden will, ist natürlich nicht Ihr persönliches Versagen, Herr Spahn. Dennoch ist es wichtig, dem Beruf wieder mehr Ansehen zu verschaffen – ein ansprechendes Gehalt für Pflegepersonal wäre zum Beispiel eine Form der Wertschätzung, die neue Anreize für künftige Auszubildende schaffen könnte.

Pflegende Angehörige beachten Sie nicht

Leider helfen all diese Maßnahmen bei einem anderen Missstand in der Pflege nicht weiter: Die Situation der pflegenden Angehörigen bleibt nach wie vor nahezu unbeachtet. 

Wer in Vollzeit pflegt, so wie ich es bei meinem Sohn Nico tue, erhält gerade einmal maximal 901 Euro Pflegegeld. Ganz richtig hat Ihr Pressesprecher bemerkt, dass der Satz seit 2016 somit um 173 Euro erhöht wurde. 

Was Ihr Pressesprecher allerdings nicht erwähnte: Der Satz für zusätzliche Betreuungsleistungen wurde nahezu halbiert – nämlich von 208 Euro auf lediglich 125 Euro.  Dass Sie das Pflegegeld aufgestockt haben, ist reiner Flickschuster-Aktionismus. 

Pflege betrifft uns alle

Obwohl die Medien überquellen vor Diskussionen über die Zustände in der Pflege: Einen richtigen Shitstorm gibt es nicht, der fehlt uns. Leider reagieren die meisten Menschen erst, wenn sie in irgendeiner Form betroffen sind – und dann ist es eigentlich schon zu spät. 

Pflege betrifft uns alle, früher oder später. Deswegen sollte es im Interesse aller liegen, die Missstände auszumerzen. Ich will den Menschen sagen: Wehrt euch! Geht auf die Straße! Die Betroffenen können es oft selbst nicht.

Mehr zum Thema: Lieber Herr Spahn, ich bringe Ihnen Briefe von Menschen, die am Ende sind

In Deutschland gibt es fast eine Million Kinder mit Behinderung – ihre Eltern sind oft mit der Vollzeitpflege ihrer Töchter und Söhne beschäftigt. Sie schaffen es oft nicht, sich gegen herrschende Missstände aufzulehnen. 

Was ist aber mit den vier Millionen Großeltern der Kinder mit Behinderung? Sie müssen doch sehen, wie ihre nächsten Angehörigen unter der Pflegesituation leiden, wie eingeschränkt sie sind.

Helfen Sie uns, Herr Spahn, bevor der Shitstorm kommt

Was ist mit den ganzen Geschwistern, Tanten, Onkels und Spielkameraden? Ihr alle habt die Zeit und die Möglichkeiten, euch für eine bessere Pflege einzusetzen.

Von Ihnen, Herr Spahn, und den restlichen Politikern ist anscheinend erst einmal keine Hilfe zu erwarten.

Deswegen müsst ihr für uns (und auch für eure Familien und eure Zukunft) aktiv werden, liebe Angehörige, Freunde, Bekannte und Nachbarn. 

Helfen Sie uns, Herr Spahn, bevor der Shitstorm doch noch kommt – und dann vor allem Sie trifft. 

Ihr Arnold Schnittger

Arnold Schnittger hat euch hier seine Meinung präsentiert – wenn ihr Jens Spahn auch etwas zum Pflegenotstand mitzuteilen habt, schreibt uns gerne unter community@huffpost.de.

Über den Autor

Auf seinem Blog “Inwendigwarm” schreibt Arnold Schnittger regelmäßig über das Leben als pflegender Vater. Über seine erste Wanderaktion von Flensburg an den Bodensee, hat er ein Buch geschrieben: “Ich berühr den Himmel”.

Um Eltern von pflegebedürftigen Kindern zu unterstützen, hat Schnittger außerdem ein Projekt ins Leben gerufen: Nicos Farm – eine besondere Wohnform, in der Erwachsene, die ein pflegebedürftiges Kind haben, zusammen mit ihren Kindern in einer Gemeinschaft leben können. Dafür sucht er noch Investoren, die ihn bei der Umsetzung der ersten Häuser unterstützen.