POLITIK
12/06/2018 10:40 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 22:42 CEST

Ein Betroffener hat die ARD-Doku über Pflege in Deutschland angesehen

“Der größte Pflegedienst der Nation sind die pflegenden Angehörigen.”

Florian Gaertner via Getty Images
Ein Pflegeheim in Riedlingen an der Donau zeigt, wie Pflege funktionieren kann – eine ARD-Doku hat es vorgestellt. (Symbolbild)

Die Menschen in Deutschland werden immer älter, die Ressourcen, sich um sie zu kümmern, immer knapper: Das ist die traurige Realität der Pflegesituation hierzulande. Der andauernde Fachkräftemangel sowie fehlende Gelder in der Pflege lassen Bedürftige, Angehörige und Personal an ihre Grenzen kommen – und die Politik scheint wegzuschauen. 

Genau diese Probleme behandelt die Dokumentation “Pflege – Hilft denn keiner?” aus der ARD-Reihe “Was Deutschland bewegt”. Gezeigt werden Bewohnerinnen von Pflegeheimen, die ihr gesamtes Erspartes ausgeben müssen, um sich das Wohnheim leisten zu können, überfordertes Pflegepersonal und pflegende Angehörige, die aufgrund ihrer Lebenssituation keinem Beruf nachgehen können und somit von Armut bedroht sind.

Ein würdiges Leben trotz höchster Pflegestufe

So zum Beispiel Roswitha: Die ehemalige Heilpraktikerin pflegt ihren Mann Kurt, der vor einigen Jahren einen Herzinfarkt erlitten hat und seitdem stark pflegebedürftig ist. Roswithas Alltag dreht sich rund um die Uhr um Kurt, dem sie trotz Pflegestufe fünf, der höchsten also, die erreicht werden kann, ein würdiges Leben bieten will.

ARD
Roswitha pflegt ihren Mann 24 Stunden pro Tag - nur zwei Stunden pro Woche hat sie Zeit für sich, in der Zeit kümmert sich ein Ehrenamtlicher um Kurt.

Ausflüge sind eine Seltenheit, es ist Roswitha nicht möglich, Kurt alleine in seinem Rollstuhl aus dem Haus zu bringen oder mit dem Auto zu transportieren. Meistens sind die beiden also alleine zu Hause. “Das bedeutet für mich natürlich totale Isolation”, sagt Roswitha in der Dokumentation. “Ich hatte vorher zwei Praxen, jetzt habe ich gar nichts mehr.”

Dadurch ist Roswitha von zwei Risiken bedroht: körperlicher Zusammenbruch und Altersarmut. Zwar bekommt Roswitha Pflegegeld, das sind aber gerade einmal 901 Euro im Monat – weniger als die Hälfte des Gehalts eines professionellen Pflegers.

Pflegende Angehörige sind von Armut bedroht

Zwar hätte Kurt Anspruch auf einen Pflegedienst, dieser würde allerdings nur zwei Stunden täglich vorbeikommen. So müsste Roswitha Kurt immer noch 22 Stunden täglich pflegen, zudem würde das Pflegegeld gestrichen werden.

Über die erschwerten Bedingungen, die pflegende Angehörige erleben, hat die HuffPost mit Arnold Schnittger gesprochen: Der Hamburger ist Vater eines 23-jährigen Sohnes, Nico, der seit seiner Geburt geistig und körperlich schwerstbehindert ist. Seinen Sohn pflegt er selbst - und engagiert sich seit Jahren mit verschiedenen Projekten dafür, mehr Solidarität für Pflegebedürftige zu schaffen und die Aufmerksamkeit der Politik auf die oft totgeschwiegene Realität zu lenken. 

Melanie Dreysee
Arnold Schnittger und sein Sohn Nico. © Melanie Dreysse

So hat der 66-Jährige zu Fuß den Rollstuhl seines Sohnes von Hamburg nach Berlin geschoben, um sich dort mit Gesundheitsminister Jens Spahn zu treffen, der allerdings “wahrscheinlich wieder mit Außengrenzen beschäftigt war”, wie Schnittger lachend sagt.

“Der größte Pflegedienst der Nation sind die pflegenden Angehörigen”, sagt Schnittger. Etwa drei Viertel aller Pflegebedürftigen werden ausschließlich zu Hause versorgt – so auch Nico. Einen Pflegedienst zu beauftragen kommt für Arnold Schnittger nicht infrage, denn dann würde auch für ihn das Pflegegeld wegfallen: “Wenn man nur das Pflegegeld als Einkunft hat und dieses dann verliert, hat man gar keine Einkünfte mehr.”

Die finanzielle Belastung ist groß, einige Jahre hat Schnittger sogar Hartz IV beziehen müssen. “Das Pflegegeld ist ein absolut wichtiger Faktor”, sagt Schnittger im Gespräch mit der HuffPost. “Aber das Geld deckt nicht alle notwendigen Kosten: Ich brauche ein Auto, um Nico zu transportieren, dazu kommt noch Schwimmen, Hippotherapie - das sind alles Kosten, die die Krankenkassen nicht decken.” 

Viele pflegende Angehörige fühlen sich im Stich gelassen

Von den Behörden fühlt sich Schnittger, wie so viele andere pflegende Angehörige auch, im Stich gelassen: “Man muss ständig alles offenlegen, nichts passiert auf Augenhöhe.” Die Arroganz der Krankenkassen, Ämter und Politik kritisiert er stark und plädiert für mehr Solidarität der Gemeinschaft: “Die Politik nutzt es schamlos aus, dass man seine Lieben teils unter erbärmlichen Bedingungen zu Hause betreut. Dabei geht Pflege uns alle etwas an.”

Besonders positiv bewertet Schnittger deswegen ein Pflegeheim in Riedlingen an der Donau, das auch in der ARD-Dokumentation vorgestellt wird: Unter der Leitung von Michael Wissussek ist die Seniorengenossenschaft Riedlingen entstanden – ein Pflegeheim mit offenen Türen, durch die selbst Demenzkranke ein und aus gehen können und in dem regelmäßig Feiern gemeinsam mit den anderen Stadtbewohnern organisiert werden. 

ARD
Wenn in der Seniorengenossenschaft in Riedlingen gefeiert wird, ist die ganze Stadt mit dabei.

Schnittger sagt dazu: “Das Pflegeheim in Riedlingen ist beispielhaft, aber eben auch nur ein Beispiel. So ein Projekt funktioniert gut in einer kleineren Gemeinde, in einer Großstadt wie Hamburg könnte das schwierig werden.”

Dazu weiß Schnittger eine Begebenheit zu berichten: Der Sohn einer Freundin hat das Fragile-X-Syndrom und ist autistisch. Die Freundin hat ihrem Sohn über Jahre hinweg beigebracht, alleine öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Eines Tages allerdings wurde an einer Haltestelle eine groß angelegte Fahrgastkontrolle durchgeführt, gegen die der Junge sich wehrte: Die große Menschenmenge und die gestörten Abläufe versetzten ihn in Panik, die Kontrolleure schienen seine wohl offensichtliche Behinderung zu übersehen.

Die Situation eskalierte, eine Kontrolleurin schlug dem Jungen mit der Faust ins Gesicht. Erst die Polizei konnte die Situation aufklären und den Jungen nach Hause bringen - seitdem traut er sich nicht mehr, U-Bahn zu fahren. “Die jahrelange Arbeit, die meine Freundin investiert hat, um ihrem Sohn die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel beizubringen, ist dahin”, sagt Schnittger.

Die Menschen müssen sich mit den Pflegekräften solidarisieren

Schnittger ist der festen Überzeugung: “Die Menschen müssen sich mobilisieren, auf die Straßen gehen. Wenn zum Beispiel die Pflegekräfte aufgrund von unwürdigen Arbeitsbedingungen streiken, ist das auch unsere Sache - denn es liegt doch auch in unserem Interesse, dass unsere Angehörigen gut versorgt werden.”

Ehrenamtliche begleiten Bewohner der Seniorengenossenschaft Riedlingen zu einem Ausflug – das beispielhafte Projekt zeigt, dass gute Pflege möglich ist.

Auch in der Dokumentation werden die teils unmöglichen Arbeitsbedingungen von Pflegekräften aufgegriffen: So ist Franzi Meder, seit einem Jahr Pflegerin, teilweise mit nur einer Kollegin zusammen für bis zu 26 Bedürftige zuständig.

Wenn eine Aufgabe anfällt, die die Aufmerksamkeit zweier Pflegerinnen benötigt, wie zum Beispiel Duschen, müssen 25 Bewohner warten. “Ich mach ja, ich tue, ich renne, aber manchmal geht es eben nicht anders”, sagt Meder in der Dokumentation.

“Herr Spahn zündet nur Nebelkerzen” 

Die Politik reagiert auf diese Missstände nur zögerlich: Derzeit gibt es in Deutschland 17.000 offene Stellen im Pflegebereich – die Bundesregierung plant derzeit ein Gesetz für 8.000 zusätzliche Pflegekräfte. Doch solange die Arbeitsbedingungen nicht stimmen, erreichen die Pflegeheime auch keine qualifizierten Bewerbungen. “Alles, was Herr Spahn gesagt hat, ist Zünden von Nebelkerzen, denn die Pflegestellen sind unbesetzbar”, sagt auch Schnittger der HuffPost.

Eine Lösung ist, die Menschen mehr für die Pflegesituation zu sensibilisieren, meint Schnittger. Aber die Politik darf dabei nicht aus der Pflicht genommen werden. Deswegen plant Schnittger nun eine weitere Aktion in Berlin: Dort will er am 28. Juni um 15 Uhr vor dem Gesindheitsministerium
Briefe von Eltern pflegebedürftiger Kinder vorlesen - in der Hoffnung, diesmal Jens Spahns Aufmerksamkeit zu erregen. 

Obwohl die Missstände in der Pflege hierzulande bekannt sind, steht Deutschland bei der Lösung der Probleme erst am Anfang. Es bleibt zu hoffen, dass Projekte wie die von Arnold Schnittger oder die Seniorengenossenschaft in Riedlingen von Politik und Gesellschaft als beispielhaft wahrgenommen werden und so nicht nur Pflegebedürftige, sondern auch Fachkräfte und Angehörige in Zukunft entlastet werden können.  

Auf seinem Blog “Inwendigwarm” schreibt Arnold Schnittger regelmäßig über das Leben als pflegender Vater. Über seine erste Wanderaktion von Flensburg an den Bodensee, hat er ein Buch geschrieben: “Ich berühr den Himmel”.

Um Eltern von pflegebedürftigen Kindern zu unterstützen, hat Schnittger außerdem ein Projekt ins Leben gerufen: Nicos Farm – eine besondere Wohnform, in der Erwachsene, die ein pflegebedürftiges Kind haben, zusammen mit ihren Kindern in einer Gemeinschaft leben können. Dafür sucht er noch Investoren, die ihn bei der Umsetzung der ersten Häuser unterstützen.

(jds)