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06/12/2018 12:12 CET | Aktualisiert 06/12/2018 12:12 CET

Pflege 4.0 – Digitalisierung für mehr Zeit mit dem Menschen

Keine Branche in Deutschland ist so betroffen vom Fachkräftemangel, wie die Pflege. Die Schätzungen liegen bei zwischen 25.000 und 36.000 unbesetzten Stellen. Der Mangel betrifft hier nicht nur bestimmte Schlüsselaufgaben, sondern schlägt in der vollen Breite zu. Das sind ganz besondere Bedingungen für die digitale Transformation der Branche: Es bleibt keine Zeit für Spielereien – Digitalisierung muss direkt und unkompliziert helfen und den Menschen Arbeit abnehmen.

Pflege 4.0 - was ist das eigentlich?

Pflege 4.0 ist der Begriff, unter dem die Digitalisierung der Pflege in erster Linie zusammengefasst wird. Ziel der Digitalisierung der Pflege ist die maßgebliche Erleichterung der Fachkräfte bei ihrer Arbeit. ”Wir wollen Papierakte gänzlich abschaffen”, erklärt Dr. Michael Stephan, Geschäftsführer der BoS&S GmbH. Das Tech- und Softwareunternehmen ist auf die Pflege spezialisiert und entwickelt Pflegepläne, Dienstpläne und andere Module zur Erleichterung der täglichen Arbeitsabläufe. “Wir möchten nicht, dass Fachkräfte manuell Informationen erfassen, um Arbeitsabläufe zu planen und ihre Arbeit zu dokumentieren – diese Zeit ist im Kontakt mit Klienten viel wertvoller.“ Laut Dr. Michael Stephan ist das nur der erste Schritt: „Wir arbeiten längst mit Unternehmen wie Samsung und Vodafone zusammen, um die vollvernetzte Pflegeeinrichtung zu realisieren. Wir planen, über Schnittstellen und vernetzten Sensoren alle Daten anonymisiert und automatisiert auszuwerten. Das sind Aufgaben, die muss kein Mensch übernehmen.“ Damit steht derzeit die Minimierung des Mehraufwandes im Fokus – gerade in einer unterbesetzten Branche ist jede Neuerung, die Fachkräfte zeitlich entlastet, Gold wert. So sorgt die Digitalisierung der Pflege für mehr Zeit mit dem Menschen.

Es gibt bereits Vorbilder

Während in Deutschland die Arbeitsprozesse erst nach und nach digitalisiert werden, ist in Japan die Pflege 4.0 bereits vollständig angekommen. Es gibt kaum noch Bereiche, die nicht digital abgewickelt oder sogar von einem Roboter unterstützt werden. Besonders im Fokus steht dabei der Roboter Pepper. Er wird bereits in mehr als 500 japanischen Altenheimen eingesetzt und leitet beispielsweise Seniorensportgruppen, kann aber auch erste Gespräche mit den Bewohnern führen. Bei Pepper handelt es sich um einen vielseitigen Roboter, der knapp 1,20 Meter groß ist, 29 Kilogramm leicht ist und ein bisschen an ein Kind erinnert. Pepper hat zwei Arme, zwei Hände mit fünf Fingern und drei Räder. Mit denen kann er, ohne sich drehen zu müssen, in jede Richtung fahren. Zusätzlich hat Pepper auf der Brust ein klassisches Tablet, mit dem man Bilder ansehen, Webseiten aufrufen oder auch Videos abspielen kann. Sein Zweck ist die Interaktion mit Menschen.

Pepper dient allerdings nicht dazu Pflegekräfte früher oder später zu ersetzen, sondern diese zu unterstützen, als zusätzliches technisches Hilfsmittel. Weitere Einsatzmöglichkeiten könnten zum Beispiel sein, dass Pepper bei einem MRT-Termin im Krankenhaus oder der Praxis bereitsteht, die Patienten vorbereitet und ihnen erklärt, was bei der Untersuchung genau passiert. Ein anderer Einsatzort könnte eine Rehaklinik sein, in der Pepper dem Patienten Übungen zeigt. Er könnte zum Beispiel ans Bett fahren und die Arme heben, um den Patienten auf diese Weise zum Mitmachen zu animieren.

Auch das Bedürfnis von Senioren und anderen Pflegebedürftigen nach körperlicher Nähe wird in Japan durch den Einsatz von Robotern gelöst. So kann man mit „Aibo“, einem Roboterhund, jederzeit spielen und sich von ihm unterhalten lassen. „Paro“, eine Roboterrobbe, wird eingesetzt, wenn ein Patient das Bedürfnis hat, mit einem Tier zu kuscheln. Wenn Paro gestreichelt wird, gibt es Geräusche von sich – die Reaktion auf das eigene Handeln löst das Belohnungszentrum im Gehirn des Patienten aus und bringt positive Effekte hervor.

Über 50 Prozent der Deutschen können sich nach einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom Roboter-Unterstützung in der Pflege vorstellen – gerade zum Entlasten bei schweren Aufgaben, etwa durch Roboterarm oder Exoskeletten. Es wundert nicht, dass erste Anbieter in Deutschland zum Beispiel Pepper als Leasing-Modell anbieten.

Pflege 4.0 – der Weg in eine bessere Pflege?

Fraglich ist, ob die Pflege 4.0 den Weg in eine bessere Pflege ebnet. Während technische Assistenzen, die Digitalisierung und auch Robotik die Pflegefachkräfte extrem entlasten könnten, und somit mehr Zeit für den Patienten schaffen, bleiben immer noch strukturelle Probleme bestehen. In den nächsten Jahren wird es immer mehr Pflegebedürftige geben, da die Bevölkerung generell älter wird. Zeitgleich geht das Interesse der jungen Leute an Ausbildungsberufen massiv zurück, vor allem in der Pflege. Ungünstige Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung und ein stressiges Berufsumfeld machen die Branche nicht gerade attraktiv. Ein weiteres Problem ergibt sich auch im Bereich der Immobilien. Thomas Zethin, Geschäftsführer der DSR GmbH erklärt, dass in den kommenden Jahren, „die Anzahl der Neubauten auf den drängenden Bedarf an Plätzen zu wenig sei.“ Und dass „es wieder mehr Doppelzimmer geben werde.“

Im Endeffekt gibt es in der Pflegebranche mehrere große Probleme und nicht alle davon lassen sich mithilfe moderner Pflegetechnik lösen. Wenn man das beste Ergebnis für Fachkräfte und Patienten erreichen möchte, muss man die Pflegebranche an sich wieder attraktiver gestalten. Ein Teil davon ist sicherlich eine bessere Organisation der Pflegeverwaltung und Unterstützung bei körperlich anspruchsvollen Aufgaben, sowie eine Entlastung der Pflegekräfte, Dinge die Pflege 4.0 bieten kann. Zeitgleich muss die Pflegebranche wieder attraktiv für junge Leute werden, und auch für Patienten und deren Vormunde.

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