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30/08/2018 18:04 CEST | Aktualisiert 31/08/2018 10:49 CEST

Penny warnte mit PR-Aktion vor Bienensterben – doch was macht der Discounter dagegen?

Wir haben nachgefragt – und wurden eingeladen, uns selbst ein Bild zu machen.

HuffPost / Uschi Jonas
Die Obst- und Gemüsetheke im Penny in Meckenheim.

Kein einziger Apfel, keine einzige Gurke, kein Tetra Pak Orangensaft, keine Salami- und auch keine Ananas-Pizza, kein Kaffee, kein Senf – die Regale des Supermarkts sind leer geräumt.

Man könnte meinen, es seien Bilder aus Miami, wo sich Menschen mit Panik-Einkäufen auf einen Hurrikan vorbereiten. Aber kein Wirbelsturm ist der Grund für den kargen Anblick, sondern eine andere Umweltkatastrophe: das Insektensterben.

Mit einer spektakulären PR-Aktion hat der Discounter Penny in einer Filiale in Hannover seine Kunden kürzlich auf das Bienensterben aufmerksam gemacht und alle Produkte aus den Regalen geräumt, die es ohne Bienen nicht mehr geben würde.

Das Medienecho war groß, die Aktion alarmierte Verbraucher, begeisterte die sozialen Medien – und sorgte bei einigen Journalisten und Umwelt-Aktivisten für Skepsis.

Ein Discounter spielt Lehrmeister in Sachen Naturschutz, Artenvielfalt und Nachhaltigkeit?

Fleisch aus Massentierhaltung, zu viel Verpackungsmüll, zu niedrige Preise – das sind die Schlagwörter, die sonst mit Discountern verbunden sind.

Wie passt das zusammen?

Was macht Penny wirklich selbst für den Artenschutz?

Wir haben nachgefragt – und wurden eingeladen, uns ein Bild zu machen. Mit Penny-Pressesprecher Andreas Krämer fahren wir durch das Rheinland, vorbei an endlosen Obstplantagen und Feldern.

Die Landwirtschaft sei Schuld am Insektensterben, das sagen Forscher, Umweltschützer und Politiker. Doch gleichermaßen ist der Handel ein Problem.

Supermärkte versuchen die Preise zu drücken, der Kampf um die Gewinne ist hart, Discounter sind hier besonders aggressiv. Bauern suchen daher oft nicht die ökologischste, sondern den günstigsten Weg, ihre Waren zu produzieren. 

Und das bedeutet: konventionelle statt ökologische Landwirtschaft. 

Siegel sollen dem Kunden helfen, nachhaltig einzukaufen

Deshalb, so berichtet es Penny, hat das Unternehmen 2016 das Pro-Planet-Label eingeführt. Das blau-weiße Siegel kennzeichnet eine nachhaltige Produktion und soll dem Kunden helfen, umwelt- und sozialverträglich einzukaufen.

Branchenweit anerkannt ist das Label nicht, sondern ein Kennzeichen, dass der Discounter selbst entwickelt hat – und selbst überprüft und nachhält.

Wer wissen will, inwiefern ein Produkt für Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit steht, kann das anhand einer Kennziffer auf einer Website nachverfolgen. Bei Äpfeln beispielsweise bedeutet das Siegel, dass beim Anbau die biologische Artenvielfalt gefördert wird.

Aber was heißt das konkret? Wir fahren nach Meckenheim südlich von Bonn.

Obstbauer Manfred Felten beliefert Penny. Er ist gerade im Stress, als wir ihn treffen. Die Apfel- und Pflaumenernte steht an. 

Der Kunde weiß nicht, von welchem Landwirt sein Apfel kommt – aber ob er nachhaltig und bio ist

Felten trägt ein rotes Bayer-Leverkusen-Shirt, verblasst ist auf der Brust noch die Unterschrift von Rainer Calmund zu erkennen. Den braunen, angetrockneten Flecken auf seiner dunkelblauen Jeans sieht man an, dass der Obstbauer selber auf seinen Feldern und in seinen Obstplantagen anpackt.

In seinen Hofladen kommen Menschen aus der Nähe, kaufen Äpfel, Süßkirschen, Birnen und Pflaumen. Er ist kein Großbauer, trotzdem beliefert er Penny.

Konventionelle Großbetriebe, Kleinbetriebe, Biobetriebe – Penny arbeitet mit tausenden verschiedenen Erzeugern zusammen. Das soll sich auch nicht ändern, heißt es von Discounter-Seite.

Bio-Siegel, Pro-Planet-Siegel und Kennzeichen für regionale Produkte sollen den Kunden im Markt leiten. “Das Wichtigste aus meiner Sicht: ein Höchstmaß an Transparenz. Der Kunde muss genau wissen, was er kauft”, sagt Pressesprecher Krämer.

Das Problem: Das tut er wohl nur selten.

Denn der Kunde erkennt beim Einkauf nicht, von welchem Betrieb genau die Ware kommt. Und: Ob ihm die bunten Siegel auf der Verpackung wirklich weiterhelfen, ist zumindest fraglich. 

Der Käufer soll am Regal entscheiden, ob er die Welt retten will – oder eben nicht

Blick in einen Penny-Laden in Meckenheim: Der Kunde greift einen 1,5- Kilogramm-Plastiksack Äpfel. Darauf ein Symbol in der Optik eines Holzschildes: “Aus dem alten Land/Niederelbe”. 

Dazu ein Herz in Deutschlandfarben, unten rechts das blau-weiße Pro-Planet-Siegel, darunter steht “Artenvielfalt schützend”. In dem Sack könnten auch die Äpfel von Felten sein.

HuffPost / Uschi Jonas
Das blaue-weiße Pro-Planet-Siegel auf einer Packung Äpfel bei Penny in Meckenheim.

Lasse van Aken, Experte für Nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace, sagt der HuffPost: “Mit einem eigenen Label machen es sich Discounter wie Penny natürlich sehr einfach.”

Außerdem sei die Siegelflut im Einzelhandel undurchsichtig und eher verwirrend für den Käufer. “Letzten Endes weiß niemand genau, was dahinter steckt, wenn ein Unternehmen selbst ein Label einführt”, sagt van Aken. 

Für die Käufer erschließe sich nicht, was ein Siegel tatsächlich bewirkt. “Da müssten sie recherchieren und das kann nicht vom Käufer erwartet werden.”

Der Verbraucher soll am Regal entscheiden, ob er die Welt retten will oder eben nicht. Und geholfen wird ihm dabei in der Realität kaum.

Genau das ist es, was Umwelt- und Verbraucherschützer seit Jahren kritisieren – und dafür treten sie Discountern wie Penny nicht selten auf die Füße.

Penny arbeitet mit NABU gemeinsam am Schutz der Artenvielfalt

Krämer stört das wenig. Er findet es sogar gut und wichtig – sagt er – und sieht darin eine Chance für die Zukunft: “Die NGOs haben eine wichtige Position. Und wir stellen fest, dass ein konstruktiver Austausch beiden hilft.”

Für das Pro-Planet-Label hat Penny deshalb nun sogar den Naturschutzbund Deutschland (NABU) ins Boot geholt.

Ein Projekt zwischen einem deutschen Discounter und einer Umweltschutzorganisation – vor ein paar Jahren wäre das wohl undenkbar gewesen.

“Es geht um den konventionellen Obst- und Gemüseanbau. Rewe war der Ideen- und Geldgeber, wir beraten Penny und die Landwirte. Große Betriebe, kleine Betriebe, alles ist dabei”, sagt Monika Hachtel, Biologin von NABU. 300 Obstbauern in ganz Deutschland machen bislang mit.

Penny bezahlt Samen und Nistkästen für die Landwirte – NABU übernimmt die Beratung

Felten ist einer von ihnen – seit dieser Saison. 

Direkt neben der Hofeinfahrt liegt ein großes Erdbeerfeld. Rundherum sind Blühstreifen. Zwei oder drei Reihen hat er dafür geopfert. Verluste bringt ihm das kaum ein.

Aber ob es gegen das Insektensterben hilft? “Ich denke schon. Wenn man da reinläuft, ist da richtig Leben drin, überall summt es”, sagt der Landwirt.

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In den Blühstreifen von Obstbauer Felten wachsen viele verschiedene Pflanzen.

Die Samen für seinen Blühstreifen hat er vom NABU. Neben Felten steht an diesem Tag die NABU-Biologin Hachtel  und hält eine Box mit 50 verschiedenen Samen in der Hand. Daraus stellt NABU für alle Landwirte, die mitmachen wollen, eine passende, möglichst diverse Mischung, für Blütenstreifen an ihren Feldern zusammen.

“Je mehr verschiedene Pflanzen und Blüten wachsen, desto mehr Wildbienenarten und andere Insekten werden angelockt”, erklärt Hachtel.

Die Kosten dafür trägt Penny.

Doch das ist auch schon alles, was für die Landwirte finanziell dabei rausspringt, wenn sie sich bereit erklären, bei Pro Planet mitzumachen.

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Monika Hachtel von NABU zeigt die verschiedenen Samen für Blühstreifen.

Obstbauer Felten stört das nicht allzu sehr. “Irgendwie ist es ja auch ein bisschen Werbung für mich, wenn die Leute sehen, ‘ah der macht was’”, sagt er und zeigt auf zwei Hinweisschilder.

Die stehen am Rand des Erdbeerfeldes und erklären Spaziergängern, was es mit dem Blühstreifen auf sich hat. Die Natur habe ihn schon fasziniert, als er noch ein kleiner Junge war. Deshalb hat Felten neben dem Blühstreifen auch Nistkästen für Vögel auf seinem Hof aufgehängt, ein großer Wildbienennistkasten steht am Rand seiner Apfelplantage – finanziert von Penny.

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Schilder am Feldrand erklären Spaziergänger, wie ein Blühstreifen Insekten schützt.

Obstbauer Felten hilft das, Insekten bestäuben seine Pflanzen, Wildbienen fressen schädliche Läuse. Zerknirscht ist er trotzdem.

“Immer wird der Landwirtschaft die Schuld in die Schuhe geschoben.”

Die ganze Gesellschaft trage Mitschuld am Artensterben.

Wer in seinen Garten mit Steine und Golfrasen pflastert, anstatt Blumen blühen zu lassen, trage genauso Schuld.

“Aber auch Penny, Rewe und co. Wir kleinen Betriebe leiden sehr unter der Preispolitik”, sagt Felten, während er mit einem Grashalm spielt. Ob so ein paar Alibi-Blühstreifen das wirklich wieder gut machen kann, ist er sich nicht sicher.

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Penny-Pressesprecher Andreas Krämer, Obstbauer Manfred Felten und Monika Hachtel vom NABU stehen vor einem Wildbienennistkasten.

Das sehen Umweltschutzverbände genauso.

Grundsätzlich sei es natürlich schön, wenn Penny auf Bienensterben aufmerksam mache. “Aber am Ende zählt bei einem Discounter nur der Preis. Das geht natürlich zu Lasten der Bauern und dadurch auch zu Lasten der Umwelt und der Artenvielfalt”, sagt van Aken von Greenpeace.

Das zu ändern sei nicht damit getan, ein paar Nistkästen aufzustellen. Nachhaltiger wäre es, Bauern finanziell dabei zu unterstützen, weniger Pestizide einzusetzen. Davon würde die Artenvielfalt am meisten profitieren, sagt Greenpeace.

Auch Penny-Pressepsrecher Krämer weiß, dass es vorrangig immer ums Geld geht. Penny wolle das Thema Nachhaltigkeit dennoch vorantreiben. Auch wenn das nicht immer leicht sei. Oft gebe es keine einfachen Lösungen.

Haben Kunden die meiste Macht, etwas zu verändern?

“Es ist aber auch gar nicht unser Anspruch, mit einer Initiative sofort alle Probleme zu lösen. Das ist ein erster Schritt und es müssen weitere folgen. Man kann auch nicht überall gleichzeitig aktiv sein”, rechtfertigt der Pressesprecher das Vorgehen des Discounters.

Doch am meisten Macht, etwas zu verändern, hätten weder Supermärkte noch Erzeuger, ist Krämer sicher. “Am Ende ist der Kunde die Stellschraube für alles. Jeden Tag findet bei uns in den Märkten eine Art Volksabstimmung statt.”

Sechs Millionen Kunden hat der Discounter nach eigenen Angaben jede Woche. “Wir machen das Angebot immer entsprechend der Nachfrage der Kunden.” Wenn die Mehrheit davon sage, sie wollen dieses oder jenes Produkt nicht mehr kaufen, dann verändere sich das Sortiment.

“Am Ende geht es immer nur mit dem Kunden. Weil, das ist eine banale Feststellung, aber wir sind ein Wirtschaftsunternehmen und können natürlich auch nur begrenzt sagen, wir nehmen uns jetzt bei einem Produkt aus dem Markt. Und die anderen machen den Umsatz”, sagt Krämer.

Greenpeace sieht die Hauptverantwortung bei der Politik 

Schuld am Angebot ist für Penny also auch der Kunde.

Das hören Umwelt- und Verbraucherschützer nicht gern.

Die Verbraucher spielen eine wichtige Rolle, das sei klar, sagt van Aken. ”Aber in diesem Siegel-Dschungel können Verbraucher gar nicht wissen, welche Produkte tatsächlich dabei helfen, Arten zu schützen.”

Im besten Fall sollte der Kunde gar nicht erst vor die Wahl gestellt werden, ob er mit dem Kauf eines Produkts Umweltverschmutzung, Tierquälerei oder die Ausbeutung von Arbeitern in Billiglohnländern unterstütze oder nicht, argumentieren NGOs.

“Gefordert ist da vor allem die Politik. Die Agrarsubventionen der EU müssten stärker an Bedingungen geknüpft sein, die Nachhaltigkeit und Artenvielfalt fördern”, sagt van Aken.

Denn sonst, produziert jeder Landwirt nur das, was sich für ihn am meisten rentiert. Im Preiskampf sind hochwertige Produkt wie Bio-Obst kaum konkurrenzfähig.

Patricia Brunn, die bei Penny für den Obst- und Gemüse-Einkauf zuständig ist, kennt das Problem.

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Patricia Brunn zeigt Bio-Zitronen. Neben dem Pro-Planet-Siegel bietet Penny Bio-Produkte an, die in Form, Farbe und Größe nicht der Norm entsprechen, die sogenannten Bio-Helden.

“Wir hatten zum Beispiel Bio-Zwetschgen ausprobiert. Da ist der Preisunterschied zu der konventionellen Ware so hoch, dass wir Schwierigkeiten hatten, das zu verkaufen”, sagt Brunn.

Auch Discounter-Kunden würden inzwischen gerne Bio kaufen, sagt Brunn. Aber auch das bleibt eben abhängig vom Geld.

Es gibt noch viel zu tun. Das weiß auch Krämer. Er wünscht sich, dass es keine PR-Aktionen mit leer geräumten Penny-Regalen mehr braucht, um etwas zu verändern. Er will Branchen-Lösungen, die Nachhaltigkeit vom Wettbewerb entkoppeln:

“Wenn zum Beispiel der Preis für ein Kilogramm Schweinefleisch überall in der Branche um ein paar Cent nach oben geht, dann tut das den meisten Deutschen nicht weh.”

Bis dahin werden die Pro-Planet-Äpfel weiter neben dem 19-Cent- Mineralwasser in der Einweg-Plastikflasche und den Eiern aus der Lege-Batterie auf den Discounter-Kassenbändern liegen.

Getty / HuffPost

Um besser zu verstehen, welche Konsequenzen das Insekten- und Bienensterben mit sich bringt, was das für die Zukunft bedeutet und vor allem, wie wir etwas dagegen unternehmen können, hat die HuffPost mit Bundesagrarministerin Julia Klöckner, Wissenschaftlern, Imkern, Umweltschützern und Landwirten gesprochen.

Was sie prognostizieren und welche Lösungsvorschläge sie haben, lest ihr die ganze Woche im Rahmen eines Themenschwerpunkts zum Kampf gegen das Bienensterben auf www.huffpost.de

(lp)