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19/11/2018 15:47 CET | Aktualisiert 19/11/2018 17:12 CET

Wenn Männer ungefragt Penis-Fotos schicken: "Fühlte mich sexuell missbraucht"

"Was gibt Männern das Recht dazu? Es ist ekelhaft."

Riccardo Botta / EyeEm via Getty Images

Isabella Smith studierte erst wenige Wochen an der Universität in Birmingham, als sie auf einmal Fotos von Penissen auf ihrem iPhone hatte. Es geschah am 19. Oktober. Die 20-jährige Erstsemesterin saß mit ihren Kommilitonen in einer Business-Vorlesung, als jemand die sexuell anstößigen Fotos per AirDrop mit ihr teilen wollte.

Bei aktiviertem WLAN und Bluetooth ermöglicht dieser Dienst die schnelle Datenübertragung zwischen allen Apple-Geräten im Umkreis von neun Metern. Smith wusste also, dass sich der Absender sehr wahrscheinlich in ihrem Hörsaal befand.

“Mir wurde richtig schlecht, das war so unangenehm”, erzählt sie HuffPost UK. Nachdem sie die Annahme der Foto-Dateien abgelehnt hatte, wurde ihr klar, dass sie wenig unternehmen konnte, um den Schuldigen zu finden.

“Ich hatte davon gehört, dass es das gibt. Aber ich hätte nie gedacht, dass mir das in einem Hörsaal passiert. Das hier soll doch ein sicherer Ort sein.”

Perverse Fotos per Apple AirDrop

Jess Shepherd (28) passierte es in einer Bar im Stadtteil Northern Quarter in Manchester. Es war im April, gegen 14 Uhr. Sie saß mit Arbeitskollegen draußen auf der Terrasse. Wie Isabella Smith erhielt sie eine Benachrichtigung mit der Bitte, intime Bilder zu empfangen – sie öffnete sie nicht.

“Ich hatte noch nie von AirDrop gehört”, sagt sie. “Als ich das Vorschaubild sah, geriet ich in Panik. Ich fühlte mich sexuell missbraucht. Ich fühlte mich schutzlos, weil mir jemand am helllichten Tag ohne Vorwarnung so etwas schicken konnte.”

Jess Shepherd
Jess Shepherd

Shepherd fühlte sich insbesondere in ihrer Privatsphäre verletzt, weil die Fotos auf ihrem Handy erschienen. “Unser Telefon ist wirklich ein sehr persönlicher und intimer Gegenstand – die meisten Menschen schlafen sogar an seiner Seite ein”, sagt sie. “Es war, als sei mein Telefon infiziert.”

Im Mai 2018 fuhr die PR-Beraterin Chloe Matthbury aus Leeds wie immer mit dem Zug nach Hause. Die 28-Jährige saß inmitten von Hunderten von Pendlern in einem bis auf den letzten Platz besetzen Waggon, als sie per AirDrop ein Foto erhielt.

Es zeigte sie selbst im Zug, mit einem handgezeichneten Kreis um sie herum, wie um sie von anderen Passagieren abzugrenzen. Dem Foto folgten sofort weitere.

Cyber-Flashing: Frauen fühlen sich körperlich bedroht

“Ich fühlte während der restlichen Fahrt ausgeliefert”, sagt Matthbury. “Es war unheimlich, weil ich nicht wusste, wer mir das geschickt hatte, aber wusste, dass dieser Mensch mich wahrscheinlich beobachtete und mir aus dem Zug folgen könnte.”

Frauen haben tatsächlich allen Grund, sich körperlich bedroht zu fühlen, wenn ihnen solche Bilder geschickt werden, sagt Professor Clare McGlynn von der Durham University.

Durham sagte als Zeugin vor dem Sonderausschuss Frauen und Gleichstellung im britischen Parlament aus und ist Co-Autorindes im Oktober veröffentlichten Berichts zur sexuellen Belästigung von Mädchen und Frauen an öffentlichen Orten.

McGlynn sagte der HuffPost vor der Veröffentlichung: “Es ist unvermeidlich, dass einige dieser Leute später körperlich übergriffig werden und Sexualstraftaten begehen. Zum derzeitigen Zeitpunkt lässt sich aber nicht sagen, wie hoch der Prozentsatz ist.“

Die Geschichten dieser Frauen sind nicht ungewöhnlich. Anfang dieses Jahres ergab eine Umfrage des britischen Meinungsforschungsinstituts YouGov, dass 41 Prozent der Frauen schon unaufgefordert sexuell anstößige Fotos erhalten haben.

46 Prozent dieser Frauen sagten, sie seien minderjährig gewesen, als dies zum ersten Mal passierte. Die Umfrage gilt unter Fachleuten als die erste groß angelegte Studie zum sogenannten Cyberflashing, dem unerwünschten Senden obszöner Bilder.

Viele Opfer zeigen die Täter nicht an

Wie in den drei geschilderten Fällen sind sich die Opfer oft nicht bewusst, dass dies auch anderen Frauen passiert. Viele entscheiden sich dagegen, die Tat anzuzeigen. Deshalb ist es immer noch schwierig, Daten zum wahren Ausmaß des Problems zu erheben. 

Sophie Gallagher
Sophie Gallagher

Es ist nicht das erste Mal, dass HuffPost über obszöne Fotos berichtet, die per AirDrop verschickt werden:Eine Reporterin wurde 2017 Opfer von Cyber-Flashing und bekam in der Londoner U-Bahn 120 sexuell anstößige Bilder zugeschickt. Bald meldeten sich daraufhin weitere Frauen, um von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten.

Penisbilder in der U-Bahn: Sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum

Rehema Figueiredo (25) wurde an der Londoner U-Bahn-Station Stockwell über AirDrop mit 129 Fotos bombardiert. Sie sagte der HuffPost damals: “Ich fand es unheimlich und hatte deshalb am Bahnsteig und im Zug ein mulmiges Gefühl. Ich versuchte herauszufinden, wer es war, aber alle hingen an ihrem Telefon.

Die für den Schienenverkehr zuständige Polizei BTP schaltete Figueiredo jedoch nicht ein. “Ich dachte, dass es weder etwas bringt, es der Polizei zu melden, noch, dass sie es ernst nehmen würde“, erklärt sie. “Ich habe schon schlimmere Sachen angezeigt, und nie ist dabei etwas herausgekommen.”

Individuelle Lebensentscheidungen und Privatsphäre sind in Gefahr. Professor Clare Mc Glynn

Gail Watt (37) berichtet ebenfalls, dass sie bei Fahrten in der Hauptstadt zwei Mal unerwünschte Bilder zugeschickt bekommen habe. Die Polizei habe sie nicht informiert, obwohl sie der Meinung war, dass die Situation “wie Exhibitionismus war und entsprechend geahndet werden sollte“.

Die sexuelle Belästigung passiert nicht nur über AirDrop und nicht nur im öffentlichen Raum. Frauen berichteten HuffPost, dass sie solche Bilder auch im privaten Kreis, über Whatsapp, E-Mail und verschiedene Soziale Medien geschickt bekommen.

Mollie Davies (21) aus Cardiff und Natalie* (26)  aus Leeds, sagen, dass sexuelle anzügliche Fotos am häufigsten über Snapchat erhielten. Nur weil sie ihnen über einen privaten Instant-Messenging-Kanal geschickt wurden (und nicht über offenes Bluetooth wie bei den AirDrop-Fällen), bedeute das nicht, dass sie dies den Absendern erlaubt hätten.

Mollie Davies
Mollie Davies

Natalie erzählt HuffPost UK, dass sie mindestens 40 sexuell anstößige Fotos erhalten hat. Einmal saß sie mit ihrem Freund auf dem Sofa, als ihr ein Mann, den sie vor Jahren kennengelernt, aber nie gesprochen hatte, ein Foto von seinem Penis und ein Video schickte.

“Ich habe mein Handy buchstäblich durch das Zimmer geworfen”, sagt sie. “Heute benutze die Plattform kaum noch und habe alle Männer gelöscht, die nicht mein Freund oder ein vertrauenswürdiger Freund sind.”

Penisbilder tragen zu sexueller Ungleichheit bei

Davies sagt, dass sie auch von Männern Bilder erhielt, mit denen sie noch nie gesprochen hat, geschweige denn in einer Beziehung war, was eine Erklärung für ein solches Verhalten liefern könnte.

Laura Thompson von der Londoner City University ist eine führende Forscherin auf diesem Gebiet . Sie ist der Ansicht, dass die Gesellschaft nicht nur den Schaden anerkennen muss, welchen die Fotos für die einzelne Frau mit sich bringen. Wichtig sei allgemein anzuerkennen, wie dieses Verhalten zur Geschlechter- und sexuellen Ungleichheit beiträgt, indem es das Vertrauen und die Sicherheit der Frauen im öffentlichen Raum einschränkt.

Was gibt Männern das Recht dazu? Es ist ekelhaft. Frauen schicken Männern schließlich auch keine Bilder von ihrer Vulva und Klitoris. Lindsay Coldrick

Die 37-jährige Therapeutin Lindsay Coldrick aus York berichtet, dass sie sexuell anstößige Fotos zugeschickt bekam, als sie auf Wohnungssuche war. Coldrick hatte auf dem Anzeigenportal Gumtree nach Immobilien gesucht und kontaktierte einen Vermieter per Telefon.

Nach etwa 20 Minuten entschied sie, dass sie nicht an der Immobilie interessiert war. Am nächsten Morgen wachte sie auf und sah, dass der Mann ihr ein Foto von seinem Penis über Whatsapp geschickt hatte.

“Was gibt Männern das Recht dazu? Das ist ekelhaft“, sagt Coldrick. “Frauen schicken Männern schließlich auch keine Bilder von ihrer Vulva und Klitoris. Sie denken, dass sie das zu einem Mann macht, aber da irren sie sich gewaltig.“

Lindsay Coldrick.
Lindsay Coldrick

Andere Frauen gerieten während ihrer Arbeit ins Visier. Die Komikerin Suzy Bennett (41) aus Devon bekam mehrfach Penis-Fotos zugeschickt.

2017 sprach sie mit einem Firmenmanager über eine Zusammenarbeit bei einer Veranstaltung, als dieser ihr Fotos von sich beim Masturbieren schickte und einen Link zu einem ähnlichen Video, das er auf einer Pornoseite hochgeladen hatte. “Er war verheiratet und seine Frau zu der Zeit schwanger“, sagt Bennett. “Ich habe ihn blockiert.“

Sie meldete den Vorfall nicht der Polizei. “Ich hatte nicht das Gefühl, dass es sich lohnt, das weiter zu verfolgen, oder dass es ernst genommen werden würde.”

Umfrage: Beide Geschlechter finden Penis-Fotos erschreckend

Bennett sagt, dass sie als Jugendliche von Angesicht zu Angesicht Opfer eines Exhibitionisten wurde und das nie anzeigte. “Ich hätte es wirklich tun sollen, aber ich war verängstigt, beschämt, verwirrt und verdrängte es. Erst jetzt begreife ich, dass das nicht in Ordnung ist und hoffe einfach, dass der Mann nicht noch Anderen Leid zugefügt hat.

Rosalie Falla.
Rosalie Falla

Rosalie Falla (22), Journalistin von den Kanalinseln, bekam ebenfalls bei der Arbeit Penis-Fotos zugeschickt. Während ihrer Ausbildung an der Londoner City University suchte sie über Twitter Bewohner des Londoner Stadtteils Islington, die den Stromanbieter gewechselt hatten. Ein Mann antwortete und bat sie, ihm eine Direktnachricht auf Twitter zu senden, um miteinander zu sprechen.

“Das schien ziemlich unverfänglich und kam von einem Anwohner, also dachte ich mir nichts dabei“, sagt sie. “Ich fragte: ‘Hey, hast du zu einem neuen Stromanbieter gewechselt?’ Er antwortete: ‘Nope’, was im Nachhinein urkomisch ist”, berichtet Falla. “Dann schickte er mir hintereinander von sich drei verschiedene Videos beim Masturbieren und Ejakulieren.“

Anfangs habe sie das noch lustig gefunden, weil sie in dem Moment von ihren Freunden umgeben war. Doch später, als sie alleine zu ihrer Wohnung ging, die sich ebenfalls im Stadtteil Islington befindet, merkte sie, dass sie sich unsicher fühlte. “Mir wurde bewusst, dass dieser Mann in meiner Gegend lebte.“

Forscherin Thompson betont, dass Männer laut der YouGov-Umfrage weitgehend begreifen, dass Frauen diese Bilder erschreckend finden. Tatsächlich waren die Zahlen für beide Geschlechter ähnlich – etwa 20 Prozent fanden Penis-Fotos erschreckend und 17 Prozent empfanden sie als Bedrohung.

“Für mich bedeutet das, dass Männer wie Frauen Penis-Fotos als etwas begreifen, mit dem man Andere sexuell belästigen kann“, sagt Thompson. Das widerspreche der Annahme, “dass das nur junge Leute erleben, die das lustig und albern finden”.

Was die Ergebnisse der Untersuchung angeht, ist Thompson “vorsichtig optimistisch”. Sie glaubt, dass die Ergebnisse “ins Schwarze treffen“, vermutet aber, dass es dieses Problem seit Langem gibt, es jedoch bislang keine Beachtung fand. “Das passiert nicht erst seit ein, zwei Jahren, sondern wahrscheinlich, seitdem es das Internet gibt.“

Dieser Beitrag ist zuerst in der der HuffPost UK erschienen und wurde von Katharina Wojczenko aus dem Englischen übersetzt. 

(vl)