POLITIK
26/08/2018 17:56 CEST | Aktualisiert 27/08/2018 09:06 CEST

No-Go-Area Dresden? So aggressiv geht Pegida gegen Journalisten vor

“Wenn wir den Block gezückt haben, wurden wir angepöbelt.”

Screenshot / ZDF
Eine Frau schlägt bei einer Pegida-Demonstration gegen die Kamera eines ZDF-Journalisten.
  • Über den LKA-Mannes, der ein ZDF-Team verbal anging, wird noch immer diskutiert.
  • Was bei dem Vorfall gerade in Dresden auffällt: Regelmäßig kommt es bei Pegida-Demonstrationen zu Übergriffen auf Journalisten.  

Egal ob bei NPD-Protesten, AfD-Kundgebungen oder den fast allwöchigen Pegida-“Abendspasziergängen. “Lügenpresse”-Rufe gehören zum Standardrepertoire rechter Demonstranten. Neben Kanzlerin Angela Merkel und Flüchtlingen sind Medien und insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender das Feindbild der Rechten.

Der Fall des LKA-Angestellten, der bei einer Anti-Merkel-Demonstration in Dresden ein ZDF-Kamerateam erst beschimpfte, dann bei der Polizei mit absurden Vorwürfen anschwärzte und damit einen Skandal auslöste, ist dabei noch vergleichsweise harmlos. Vielfach bleibt es allerdings nicht bei Verbalattacken. 

Wie aggressiv einzelne Demonstranten der rechten und fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung Journalisten gegenübertreten, zeigen die Schilderungen, die die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” zusammengetragen hat und die sich mit den Berichten anderer Medien und Journalisten decken.

Dabei entsteht der Eindruck, dass sich Pegida-Demonstrationen fast zu No-go-Areas für Pressevertreter entwickelt haben. Auch, weil vielfach die Polizei wegschaute oder gar Sympathien für Pegida hegte. 

Kamerateams filmen nur mit Sicherheitsleuten

Der “FAS” bestätigten zahlreiche Journalisten, die öfter in Ostdeutschland arbeiten, dass es in Dresden eine “besondere Situation” gebe. So bezeichnete MDR-Journalistin Julia Cruschwitz die Stadt als “spezielles Pflaster”

► Laut dem Blatt würden manche Reporter nur noch mit einem Wagen ohne den Schriftzugs ihres Mediums nach Dresden fahren.

► TV-Journalisten berichten zudem davon, dass ihr Auto zerkratzt und Übertragungskabel durchgeschnitten wurden.

► Und MDR-Chefredakteur Torsten Peuker sagte der “FAS”, dass er Reporter und Kamerateams nur noch in Begleitung mit Sicherheitsperonal zu Pegida schickt. Er spricht von einer “notwendigen Situation bei den Pegida-Veranstaltungen”. 

Bereits zuvor hatte auch NDR-“Zapp” berichtet, dass “viele Kamerateams nur noch mit Sicherheitsleuten” zu den Demonstrationen von Pegida kommen.

Dem NDR erzählte Tobias Wolf, Lokaljournalist bei der “Sächsischen Zeitung”: “Wenn wir den (Schreib-)Block gezückt haben, wurden wir angepöbelt.”

Ein besonders drastischer Fall sei ihm vor zwei Jahren passiert: Als Wolf fast von Teilnehmern eines rechten Aufmarsches in einem Dresdner Vorort attackiert wurde, musste sich der Journalist von einem Polizei-Einsatzleiter anhören: “Ihr seid ja die Lügenpresse, Pegida hat recht.” 

Journalisten als Störer?

Das Brisante: Wolfs Eindruck ist einer, den viele Journalisten teilen, die von rechten Demonstrationen in Sachsen berichteten. Das wird in mehreren Statements bei “Krautreporter” klar. So erklärte dort Tobias Prüwer, Redakteur beim Leipziger Stadtmagazin” Kreuzer”:

Als Journalist in Sachsen hat man häufig das Gefühl, in den Augen der Polizei Störer zu sein. Das wird verstärkt durch Beobachtungen, wenn Polizeieinheiten aus anderen Bundesländern hier eingesetzt sind und meiner Erfahrung nach anders mit der Presse umgehen.“

“Nur Schubsereien”

Doch woher kommen die so anderen Verhältnisse in Dresden beziehungsweise Sachsen?

Aus Sicht des Jenaer Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent sind die Ursachen des dortigen Rechtsruck vielfältig. “Das Problem kommt aus Spannungen in der Gesellschaft, uneingelösten Versprechen, enttäuschten Erwartungshaltungen und deren Kränkungen. Dass es sich in Sachsen so manifestiert, hat damit zu tun, dass es hier nie einen offenen Umgang mit Rassismus gab”, sagte Quent der HuffPost.

Er betont: Es gebe keinen Grund anzunehmen, “dass Staatsbedienstete weniger rechtsextrem sind als der Rest der Bevölkerung”. Der Soziologe und Politikwissenschaftler fügt hinzu: “Es ist kein Geheimnis, dass immer wieder Verbindungen von Beamten zu Rechtsradikalen bekannt werden, nicht nur in Sachsen.”

Für Journalisten, die in dem Bundesland recherchieren und arbeiten klingt das wenig beruhigend. 

Arndt Ginzel, einer der beiden ZDF-Journalisten, deren polizeiliche Festsetzung den Pegida-Skandal Mitte August ausgelöst hatte, erzählt, dass er selbst bisher bisher von körperlichen Attacken verschont geblieben ist. “Bis auf Schubsereien.”