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02/08/2018 18:25 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 18:25 CEST

Pablo Thiam: "Zum sportlichem Fair Play gehört, dass man offen für andere Kulturen ist."

Pablo Thiam: Zum sportlichen Fair Play gehört, dass man offen für andere Kulturen ist.

Rassismus und Diskriminierung im Fußballstadion ist keine seltene Ausnahme mehr, sondern findet auf Dorffußballplätzen, aber auch in großen Stadien fast jedes Wochenende statt. Nur die spektakulären Fälle erreichen die Aufmerksamkeit der Medien.

Mit Pablo Thiam, der Afrikaner mit den meisten Spielen in der Geschichte der Bundesliga, sprach ich über seine alltäglichen Erfahrungen von Rassismus im Sport. Seit 2010 ist Pablo sportlicher Leiter der U-23 Regionalliga-Mannschaft des VfL Wolfsburg, zudem seit März 2018 Integrationsbeauftragter des VfL Wolfsburg.

Pablo, wann hast Du Dich das letzte Mal aufgrund Deiner Hautfarbe diskriminiert gefühlt?

Das kommt zum Glück immer seltener vor. Ist aber vor zwei oder drei Monaten doch wieder passiert. Bei einem Regional-Liga-Spiel der U23 wurde ich von einem älteren Herrn mit den Worten beleidigt: „Geh doch wieder dahin zurück, wo Du herkommst.“ Es gab zahlreiche Zeugen und ich habe bei der Polizei Anzeige erstattet.

Kommt Diskriminierung in Fußallstadien häufiger vor als in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Denn die Fans bilden ja einen Querschnitt unserer Gesellschaft ab. Da ist vom Arbeiter bis zum Professor alles dabei. Was aber anders ist als in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens sind die Emotionen, die im Stadion hochkochen. Man wird von der Masse mitgerissen und kann sich sehr gut in ihrer Anonymität verstecken.

Was ist Deiner Meinung nach die Ursache für Diskriminierung und Intoleranz?

Aktuell haben die Menschen Angst, von der Flüchtlingswelle überrollt zu werden. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt und wollen das verteidigen, von dem sie meinen, dass es ihnen gehört. Ich habe das Gefühl, dass Diskriminierung mit dem Erstarken der AfD wieder salonfähig geworden ist.

Was ist Dein Rat an Jugendliche, die mit Diskriminierung und Intoleranz konfrontiert werden?

Wichtig ist, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund lernen, dass anders zu sein gleichzeitig auch Vielseitigkeit bedeutet. In unserer multikulturellen Gesellschaft ist das eine sehr positive Eigenschaft. Wir alle sollten Vielfalt mehr schätzen. Denn vor dem Hintergrund der Globalisierung wird der, der nur in seiner eigenen Welt lebt, nicht weit kommen.

Was war der Auslöser dafür, dass Du Dich gegen Diskriminierung und Intoleranz engagierst?

Während meiner aktiven Zeit als Spieler wurde ich von einem Stuttgarter Sozialarbeiter angesprochen, der Probleme zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen in seinem Jugend-Treff hatte. Er bat mich um Hilfe. Wir haben dann in gemischten Teams Fußball gespielt und das Eis war gebrochen. Die Jungs haben erkannt, dass Toleranz keine Einbahnstraße ist, sondern in beiden Richtungen funktioniert. Und ich habe erkannt, dass ich als bekannter Fußballer, der farbig ist und sehr gut Deutsch spricht, prädestiniert bin, um meine Erfahrungen weiterzugeben.

Wie kann Fußball dazu beitragen, Diskriminierung und Intoleranz die Rote Karte zu zeigen?

Fußball ist ein integrativer Sport, den man nicht alleine spielen kann. Man braucht Mitspieler und Gegner. Es gibt einen abgesteckten Rahmen und Regeln, die überall auf der Welt gleich sind. Die Herkunft oder Religion der Spieler rückt dabei in den Hintergrund. Eventuell vorhandene Ressentiments werden auf dem Platz auf spielerische Art durchbrochen. Ob in der Bundesliga oder der in der deutschen Nationalmannschaft – auf dem Platz sind viele verschiedene Nationen vertreten. Doch das spielt keine Rolle. Denn alle sind ein Team und haben ein Ziel: als Sieger vom Spielfeld zu gehen. Gerade in Deutschland und in Europa hat der Fußball einen hohen Stellenwert und ist ein Teil des gesellschaftlichen Lebens. Und hat deshalb eine besondere Integrationskraft.

Du betreust als sportlicher Leiter die U23 und Top Talente des VfL Wolfsburg. Wie gehst Du mit Themen Diskriminierung und Intoleranz in Deiner Mannschaft um?

Zum sportlichem Fair Play gehört, dass man offen für andere Kulturen ist. Zur DNA des VfL Wolfsburg gehören feste Regeln: Wir empfangen jeden, der zu uns kommt mit offenen Armen. Wir sind liberal gegenüber allen Kulturen und Religionen. Wenn Integrationsthemen hochkommen, sprechen wir sie offen an und diskutieren mit den Beteiligten darüber. Allerdings erwarten wir von unseren Spielern Professionalität. Und dazu gehört, dass die Regeln des Vereins akzeptiert werden.

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Der Mittelfeld- und Abwehrspieler Pablo Thiam wurde in Conakry, der Hauptstadt Guineas geboren und wuchs in Bonn auf. Mit neun Jahren begann er beim MSV Bonn Fußball zu spielen und wechselte im Alter von 15 in die Jugendabteilung des 1. FC Kölns. Seit 1994 spielte Pablo Thiam für den 1. FC Köln in der 1. Bundesliga, 1998 wechselte er zum VfB Stuttgart, 2001 zum FC Bayern München und 2003 schließlich zum VfL Wolfsburg, wo er zum Stammspieler und Kapitän aufstieg. Als er 2008 seine aktive Fußballerkarriere beendete, hatte er in 311 Bundesligaspielen 23 Tore erzielt sowie 17 DFB-Pokal-Spiele und acht internationale Pokaleinsätze absolviert. Außerdem spielte Pablo Thiam von 1993 bis 2006 in der Nationalmannschaft Guineas und nahm mit dieser an den Afrikameisterschaften 1994, 1998 und 2006 teil.

Pablo Thiam ist zurzeit der Afrikaner mit den meisten Bundesligaspielen in der Geschichte der Bundesliga. Seit 2010 ist Pablo Thiam sportlicher Leiter der U-23 Regionalliga-Mannschaft des VfL Wolfsburg. Zu dem seit März 2018 Integrationsbeauftragter des VfL Wolfsburg.

Pablo Thiam engagiert sich unter anderem seit 2013 bei „Show Racism the Red Card - Deutschland e. V., beteiligte sich an der Kampagne „Unsere Elf gegen Rassismus“ und unterstützt den Arche e.V.