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19/09/2018 14:44 CEST | Aktualisiert 19/09/2018 14:44 CEST

Ich bin mit 29 ins Seniorenheim gezogen – um Geld zu sparen

So zu tun, als wäre man mit knapp 30 schon in Rente, war am Anfang noch lustig.

LUCY HUBER
Um uns unseren pensionierten Nachbarn anzupassen, holten wir uns zusammenpassende Schlafanzüge und fingen an vor 21 Uhr ins Bett zu gehen.

Wenn ich nach 21 Uhr in die Rentnersiedlung meiner Eltern fahre, sind alle Lichter aus. Sie nennen es “Dataw-Mitternacht”. Kurz nach dem “Glücksrad” heißt es Licht aus für die Senioren, alle im Alter von 60 und aufwärts, der Rentnersiedlung auf der moosbedeckten Insel in South Carolina.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mit meinen 29 Jahren als einer von ihnen enden würde.

Mein Ehemann hatte noch ein Semester vor sich, als wir heirateten. In diesem August machte er seinen Abschluss als Doktorand in chemischer Biologie.

Obwohl unser Mietvertrag wenige Tage nach seinem Abschluss auslief, haben wir ihn nicht erneuert. Wir waren sicher, dass mein Mann bis dahin schon eine Anstellung haben würde, wir eine neue Wohnung finden würden.

Die Jobangebote blieben aus

Nach zehn Jahren Studium, in denen wir von einem Gehalt zum nächsten lebten – und das in katastrophalen Wohnungen – waren wir bereit, endlich die kleine mittelwestliche Stadt zu verlassen und an einen neuen Ort zu ziehen. Ich sagte meinem Chef, dass ich im Juli gehen würde.

Der August kam immer näher angeschlichen – die Jobangebote blieben aus.

Bald sahen sich fremde Menschen unsere Wohnung an, fragten uns, wie viel wir für das Heizen zahlen würden und ob der Ofen funktionieren würde.

Und dann war es Zeit, zu packen. Doch wir hatten keinen Ort, an den wir hätten gehen können.

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Wir fuhren zu meinen Eltern

Matt war Student und ich arbeitete schon seit zwei Jahren nur in meinem Einstiegsjob. In eine neue Stadt zu ziehen und keine Jobs zu haben, das war so gut wie unmöglich, da wir keine Ersparnisse hatten.

Es gab nur eine Möglichkeit: Wir räumten unsere Wohnung aus, schnappten uns unsere Katzen und fuhren 17 Stunden zur Dataw-Insel-Rentnersiedlung. 

Wir zogen in das Gästezimmer, am Ende des Flures von meinen Eltern. Wir waren erst seit wenigen Monaten verheiratet – und ein Bett zu teilen, umringt von meinen Kindheitsfotos und Arbeitsunterlagen von meinem Vater, war nicht gerade das, was ich mir für unser seliges erstes Ehejahr vorgestellt hatte.

Aber zumindest hatten wir unser eigenes Badezimmer.

Es war lustig so zu tun als wären wir Rentner

So zu tun, als wäre man mit 29 schon in Rente, war am Anfang noch lustig. Matt fing mit Krabbenfischen an. Wir gingen jeden Morgen auf der Insel spazieren, winkten anderen Paaren zu – den 40 Jahre älteren Senioren.

Wir saßen mittags auf der Veranda, nahmen Drinks zu uns und beobachteten den Golfplatz. Abends kamen wir zum Essen und “Glücksrad” gucken wieder zurück zu meinen Eltern.

Ein paar Tage, nachdem wir ankamen, gaben meine Eltern eine Cocktail-Party. 20 Golfwagen parkten willkürlich auf unserem Rasen. Wir arbeiteten als Barkeeper und wurden von Gästen gefragt, wie lange wir zu Besuch wären.

“Eine Weile”, sagten wir. Sie beklagten sich über ihre eigenen Kinder, sie würden nie zu Besuch kommen und meine Eltern seien richtige Glückspilze.

Ich lernte meine Eltern neu kennen

Wir waren froh, dass meine Eltern uns eine Unterkunft gaben. Ich mochte es, sie kennen zu lernen, als Menschen, deren Leben sich nicht mehr nur um uns Kinder drehten.

Meine Mutter, eine pensionierte Lehrerin, hatte einen Teilzeit-Job bei einem Catering-Unternehmen und kam regelmäßig mit Berichten über Rezepte nach Hause, die sie selbst kreiert hatte.

Mein Vater, ein pensionierter Regierungsangestellter, war in zwei Tischtennis-Clubs. Laut den Gerüchten auf der Insel, war er der Star-Spieler in beiden Vereinen.

Meine Mutter und ich redeten morgens gemeinsam beim Kaffeetrinken, bevor alle aufwachten. Matt trat in die Tischtennis-Liga meines Vaters ein – er war mit Abstand das jüngste Mitglied und war auch mit Abstand der Ungeschickteste.

Unser Expertenwissen in Bier-Pong hatte ihn nicht auf fünf 70 Jahre alte Männer mit Tischtennisschlägern vorbereitet.

Ich bekam Komplimente

Wir gingen jeden Tag in das Gemeinschafts-Fitnessstudio und das erste Mal in meinem Leben war ich die jüngste und heißeste Frau dort.

Frauen gaben mir Komplimente zu meinen Übungen, als würde ich zu den olympischen Spielen fahren – und nicht einfach nur ein paar Squats machen.

Klar, im Fitnessstudio plärrte ständig “Fox News” aus den Lautsprechern und das in der Lautstärke eines Rockkonzerts, damit die Menschen ihre Hörgeräte nicht aufdrehen müssen.

Nach einer Pew-Forschungsstudie lebten 2016 ein Drittel der Amerikaner im Alter zwischen 25 und 29 Jahren bei ihren Eltern – das sind seit den letzten 75 Jahren so viele, wie noch nie. 

Ich stellte mir andere Millennials wie uns vor, wie sie in ihren Kinderzimmern schlafen, unter Postern von Orlando Bloom. Und dann dachte ich an mich, wie ich überlegte, wie sehr ich in einem Wasser-Aerobic Kurs für Menschen mit Arthritis auffallen würde.

Es kamen immer noch keine Jobangebote

Nach ein paar Wochen wurde der vorgetäuschte Ruhestand ein wenig langweilig. Gesellschaft war begrenzt auf betagte Nachbarn, die zum Tratschen vorbeikamen. Es wurden Themen besprochen, wie der neue Boccia-Platz, auf dem es keinen Dress-Code gibt. Die Menschen machten sich Sorgen, dass dadurch vielleicht “spätabendliche Narren” kommen würden – was auf einer Insel, auf der die einzige Bar um Punkt 21 Uhr schließt, sehr unwahrscheinlich scheint.

Die Krabbenfischen-Saison ging zu Ende. Keiner von uns hatte ein Job-Angebot. Die Menschen hörten auf, zu fragen, wie lange wir noch zu Besuch bleiben würden. Es hatte sich herumgesprochen: Wir sind die arbeitslosen Kinder der Hubbers-Familie.

Wir gehörten nirgends hin

Wir hörten auf, Nachtmittags-Cocktails auf der Veranda zu trinken und schlichen uns zu einer örtlichen Kellerbar. Dort passten die Möbel nicht zueinander und auf dem Parkplatz standen nur Pick-Ups mit Sportaufklebern in Hirschform.

Wir waren dort genauso deplatziert wie auf Dataw. Es fühlte sich so an, als würden wir nirgends hingehören.

Nicht in die Städte, in denen wir bei der Jobsuche versagten und nicht in unsere alte Wohnung, in der jetzt ein nettes Paar lebte. Wir sollten eigentlich unser Leben beginnen. Stattdessen haben wir aus Versehen bis zum Ende vorgespult.

LUCY HUBER
Matt wählte Krabbenfischen als seine Ruhestand-Aktivität aus, aber er fing die ganze Zeit über nur zwei Krabben.

Matt bekam keine einzige Zusage

An Thanksgiving fingen Matt und ich an, uns zu streiten. Ich wollte gehen. Wir könnten einfach eine Stadt aussuchen, uns Verschulden.

Matt war anderer Meinung. Er flog an den Wochenenden nach Boston, New York oder Chicago für Vorstellungsgespräche. Er kam immer voller Hoffnung zurück, aber es hat nie geklappt.

Unsere morgendlichen Spaziergänge wurden immer unregelmäßiger. Wir machten keine Witze mehr darüber, dass wir das Shuffleboard ganz für uns einnehmen würden.

Ich bekam einen freiberuflichen Job, aber Matt verbrachte seine Tage immer noch damit, sich auf Jobs zu bewerben, von denen er nie eine Antwort erhalten würde.

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Wir hatten keinen Kontakt zu jungen Menschen

Plötzlich schien “Fox News” im Fitnessstudio viel aufdringlicher. Ich begann im Innenbecken zu schwimmen – dort konnte ich nur das Rauschen des Wassers hören, das gegen meine Ohren stieß.

Im Januar verloren wir endgültig unseren Verstand. Wir verbrachten den Tag der Arbeit, Halloween, meinen 30. Geburtstag, unseren ersten Hochzeitstag, Thanksgiving, Weihnachten und Silvester – an dem wir beide vor 22 Uhr einschliefen – in der Rentnersiedlung.

Wir haben seit Monaten kaum mit jemanden gesprochen, der nicht genau wusste, wo er während der ersten Mondlandung war.

Mir viel auf, was wir verpassten

Es gibt Millionen unvorhersehbare Gründe, warum eine Ehe nicht einfach ist. Aber mit 30 in einer Seniorensiedlung festzusitzen, das hatte ich nicht erwartet.

Dann fuhren wir nach Disney World. Es war dumm. Es war teuer. Es waren 30 Grad und jede Achterbahn war geschlossen. Das war genau was ich brauchte.

Für Monate waren wir die jüngsten Menschen weit und breit und plötzlich waren wir unter Familien, Lärm, Licht und Menschen, die wie riesige Cartoon-Figuren verkleidet waren.

Als ich die ganzen Familien durch Disney World wuseln sah, wurde mir klar, wie viel wir durch die Monate der Isolation auf der Insel in der Rentnersiedlung verpasst hatten.

Wir sagten, wir würden dorthin ziehen, weil es unsere einzige Möglichkeit war – aber das war nicht die ganze Wahrheit. Wir hätten irgendwo auch befristete Arbeit finden können, stellte ich fest.

Die Wahrheit war: Ich hatte Angst vor der Idee, dass wir Vorwärts gehen ohne eine Ahnung wohin.

Ich wollte gleich an das Ende springen, an dem die schwerste Lebensentscheidung für uns ist, ob wir Cocktails auf der Veranda oder im Club trinken wollen.

Aber du kannst nicht einfach alles überspringen. Vielleicht ist es für alle anderen offensichtlich, aber Rentnersiedlungen sind für Menschen, die, nun ja, in Rente sind. Sie haben all die schweren Momente des Lebens schon erlebt.

Matt bekam einen Anruf

Wir haben kaum etwas erlebt. Wir haben immer noch die Energie, um Millionen Fehler zu machen. Und wenn wir uns nie die Chance geben, diese zu machen, würden wir all die guten Dinge verpassen, die uns das Leben geben kann.

Als wir aus Disney World zurückkamen, wurde Matt aus Boston angerufen und bekam ein Job-Angebot. Boston war zuerst nicht die Stadt, die ich mir erhofft hatte.

Wir kannten dort niemanden, es war kalt und ich war noch nie länger als ein Wochenende dort. 

Ich dachte, vielleicht sollten wir lieber weiter warten, bis er ein besseres Angebot bekommen würde. Aber es war Zeit, ein Risiko einzugehen. Er sagte ja.

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Ich würde die Rentnersiedlung vermissen

An unserem letzen Abend in Dataw gingen wir in unsere Lieblingsbar. Ich sah zu den Sternen über dem Moor. Ich stellte fest, dass ich traurig war, dass wir gingen. Ich würde meine Eltern vermissen, denen ich so viel näher gekommen bin.

Ich würde es vermissen, so viel Zeit mit Matt verbringen zu können – ich wusste, dass er von nun an bis in die Nacht und am Wochenende für seinen neuen Job arbeiten würde.

Ich würde es vermissen, wie die Sonne über dem Salz-Moor untergeht. Ich würde die Reiher vermissen, die ihre Schnäbel ins Wasser stecken, um Fische zu fangen. Vielleicht würde ich es auch eines Tages vermissen, wie die alten Männer in kurzen Sporthosen auf den Trainingsfahrrädern nickend “Fox News” gucken.

Aber hier waren wir nun. Endlich. Wir gingen voran. 

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(nc)