POLITIK
24/07/2018 15:22 CEST | Aktualisiert 25/07/2018 11:16 CEST

Özil und der Rassismus: Wie wir Deutschen Integration unmöglich machen

Die HuffPost-These.

LUIS ACOSTA via Getty Images
Ein Deutscher, den viele nicht deutsch sein lassen wollen: Mesut Özil. 

Mesut Özil hatte seine Erklärung noch nicht einmal komplett veröffentlicht, da wütete Julian Reichelt, der Chefredakteur der “Bild”-Zeitung, schon auf Twitter los: “Völlig absurd, dass der DFB ernsthaft noch auf Teil 3 der Jammer-Abrechnung von Mesut Özil wartet, anstatt ihn einfach sofort rauszuwerfen.”

Als dieser dritte Teil dann da war, der Teil, in dem Mesut Özil davon sprach, wie er rassistisch angefeindet wird, von Drohanrufen und Hassmails gegen seine Familie, da ließ Reichelt einen Kommentar veröffentlichen. 

Darin schrieben er und seine Kollegen: Özils “Selbststilisierung als Rassismus-Opfer” sei haltlos.

Sie warfen einem Opfer von Rassismus vor, sich diesen Rassismus nur einzubilden. Mehr noch: Diesen angeblich eingebildeten Rassismus als Vorwand zu nehmen, gegen die eigenen Kritiker auszuteilen. 

Es war ein trauriger Tiefpunkt in der Özil-Debatte. Und leider einer, den nicht nur die “Bild”-Zeitung setzte. 

Der Rassismus der gesellschaftlichen Mitte

Denn auch von Vertretern angeblich gemäßigter Politik wird Özil seitdem vorgeworfen, er bilde sich rassistische Attacken gegen ihn nur ein.

Oder erfinde sie gar, um von seinen Verfehlungen im Erdogan-Eklat abzulenken.

Und das obwohl Özil sogar einige der ekligen Sätze zitierte, mit denen er sich seit Wochen konfrontiert sieht.  

“Für mich ist es ja eher ein Alarmzeichen, wenn die Politik auf den billigen und beliebten Versuch reinfällt, mit dem Rassismusvorwurf das eigene Verhalten gegen jede Kritik zu immunisieren”, schrieb die Ex-Familienministerin Kristina Schröder auf Twitter.  

Und dann kam Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. 

“Ist es wirklich Rassismus, wenn man die Unterstützung eines Diktators beklagt, der die Presse- und Meinungsfreiheit einschränkt?”, fragte sie auf Twitter. 

Ist es nicht.

Klöckner schrieb noch weiter: “Oder ist es nicht Rassismus, reflexhaft die Kritik an der Diktatorunterstützung als deutschen Rassismus abzutun?” 

Nein, ist es auch nicht. Ganz sicher nicht.

Klöckner schrieb es trotzdem: Statt den Rassismus gegen Özil anzuprangern, warf Sie den Menschen, die für ihn einstehen, vor, Rassisten zu sein. 

Klöckner und Schröder sind keine Politikerinnen, denen man radikale Gesinnungen unterstellen könnte. 

Doch was die beiden CDU-Mitglieder tun, ist den alltäglichen Rassismus zu entschuldigen, der bis weit in die gesellschaftlichen Mitte vorgedrungen ist. Ein Nationalspieler tritt zurück und nennt dafür als Mitgrund die massive Fremdenfeindlichkeit, der er sich ausgesetzt sieht. 

Und Schröder und Klöckner streiten wie “Bild”-Chef Reichelt schon die bloße Existenz dieser Fremdenfeindlichkeit ab.

Es ist eine Haltung, die in Deutschland leider absolut gesellschaftsfähig ist – und die massiv integrationsschädigend ist. 

Das Deutschsein der Anderen 

Denn es ist das eine, berechtigte Kritik an Özils politisch unerhörtem Wahlkampf-Manöver für Erdogan zu üben. 

Das andere ist es, die sachliche Kritik an Özil mit einer Generalkritik an seinen türkischen Wurzeln zu verbinden. Mit rassistischen Ressentiments gegen ihn als angeblichen Türken, als “Türkensau”. 

Özil wurde in Gelsenkirchen geboren, er nennt den dortigen Stadtteil Bismarck seine Heimat. Er ist in Deutschland aufgewachsen und ausgebildet worden. Er engagiert sich hier mit wohltätigen Projekten. Er hat für das “liebste Kind der Deutschen”, die Nationalmannschaft, gespielt und mit ihr Titel gewonnen. 

► Und doch wird Özil auf die Herkunft seiner Vorfahren reduziert.

Dann, wenn ihm das Deutschsein abgesprochen wird. Wenn behauptet wird, dass er – der gebürtige Deutsche! – sich in Deutschland integrieren müsse. Wenn behauptet wird, dass der Rassismus, dem er ausgesetzt ist, nicht existiere. 

Kaum ein Mensch könnte in Deutschland integrierter sein, als der Deutsche Mesut Özil. Und doch muss er fragen: “Warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?”

► Das ist ein Armutszeugnis für die deutsche Gesellschaft – und ein Beweis dafür, wie integrationsfeindlich sie ist. 

Gerade erst hat das Zentrum für Türkeistudien die Ergebnisse einer Befragung von 1000 Deutschtürken im Jahr 2017 präsentiert. Sie zeigen: Viele türkischstämmige Zuwanderer fühlen sich der Türkei zugehörig – gleichzeitig aber auch in Deutschland zuhause. 

Studien-Autor Haci-Halil Uslucan sprach von einer heimatlichen Zerissenheit der Deutschtürken. Er beschrieb ein Integrationsparadox: Gerade die objektiv besser Integrierten würden sich häufig als nicht zugehörig empfinden, weil sie besonders sensibel für gesellschaftliche Diskriminierung seien. 

Kurz gesagt: Weil sie sich trotz aller Bemühungen, zu Deutschland zu gehören, von den Deutschen nicht angenommen fühlen. So wie Mesut Özil. 

Der türkischstämmige Redakteur der “Süddeutschen Zeitung” Gökalp Babayiğit hat dieses Gefühl vieler Zuwanderer aus der Türkei eindrücklich zusammengefasst

“Egal wie viel Mühe du dir gibst, egal wie gut du in deinem Metier bist, egal wie viel du zur Gesellschaft beiträgst - am Ende ist es nicht in deiner Hand, ob du dazugehörst, ob du respektiert wirst, weil du gut bist, dir Mühe gegeben und was zur Gesellschaft beigetragen hast. Am Ende kannst du noch immer auf deine Herkunft oder auf die Herkunft deiner Eltern reduziert werden. Am Ende wird es immer welche geben, die dir dein Deutschsein absprechen.”

Deutschland lässt echte Integration nicht zu

Integration ist ein zweiseitiger Prozess. Es gibt die, die ankommen, und die, die aufnehmen. 

► Zurecht kann von den Ankommenden erwartet werden, dass sie sich alle Mühe geben, sich in die sie aufnehmende Gesellschaft, in deren Kultur und Struktur einzuleben. 

► Zurecht kann aber auch erwartet werden, dass die Aufnehmenden den Menschen, die sich gewissenhaft integrieren, respektvoll begegnen. 

Der Fall Özil zeigt: Ein großer Teil der Deutschen ist dazu nicht fähig – und macht durch seinen alltäglichen Rassismus die Integration von Zuwanderern und deren Nachfahren unmöglich. 

(lp)