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18/02/2018 18:47 CET | Aktualisiert 18/02/2018 18:47 CET

Österreich, Habsburg und Europa

Es ist schon viel über die neue Regierung unseres Nachbarn Österreich, eine Koalition aus ÖVP und FPÖ, geschrieben worden, Ob Österreich weiter nach rechts rücken oder wieder in die Mitte zurückkehren wird.

Das ist eigentlich eine überflüssige Diskussion; die Lösung dieser Frage liegt in der, sagen wir es einmal so, österreichischen Volksseele. Abgesehen vom “roten” Wien, ist Österreich stark rechtskonservativ (eine Wortwahl, die eigentlich schon die Bedingungen eines Pleonasmus erfüllt) geprägt.

Als Indiz für diese Behauptung mag meine Reiseschilderung dienen, die ich anlässlich eines Skiurlaubs in Bad Gastein verfasst habe: Jahreswechsel Die Ebene öffnet den Blick in eine Zukunft, die Berge erschließen uns (vielleicht) die Ewigkeit. Enge Räume zwingen uns zur Konzentration auf das Nächstliegende. Neben mir saß ein Ehepaar aus der Suisse romande.

Sie hatten zwei Plätze bis Venedig reserviert. Er ächzte mehr unter der Last seines Übergewichts als unter dem Gewicht der Reisetasche, die er gezwungen war, zwischen einer Sitzreihe und der anderen zu verstauen, weil die Gepäckablage über den Sitzen schon mit Gepäck voll gestapelt war.

Man sah ihm an, dass er es für einen schweren Mangel des Reservierungssystems der italienischen Eisenbahn hielt, daß man nicht gleichzeitig mit den Sitzen die Gepäckablage reservieren konnte. Seine Frau war in jeder Beziehung sein Kontrapunkt.

Sie war dünn, und ihr blasses Gesicht umrahmten aschblonde, brüchige Haare, deren Tod jede Dauerwelle beschleunigte. Ihn dagegen zeichneten zwei Dinge aus: der auf halblang gestutzte, ehemals schwarze und jetzt stark grau eingefärbte Vollbart und ein Bauch, der ansatzlos unter dem Kinn begann und sich auf seine Beckenknochen abstützte wie ein Krug mit zwei Henkeln.

Schräg links von mir, zwei Sitzreihen weiter vorn, saß ein Ordensbruder in brauner Kutte, dem die Halbglatze, die Brille und der kurz geschorene Kinn- und Oberlippenbart das asketische Aussehen verliehen, das seiner Rolle entsprach.

Neben mir schob eine junge Mutter den Kinderwagen auf dem Gang hin und her, und das Schreien der kleinen Kreatur, deren vor Anstrengung geröteter Kopf sich über die Bettdecke erhob, verebbte zu einem Wimmern und erstarb dann zur Freude der Mitreisenden ganz.

Inzwischen hatte uns das ÖBB-Team übernommen, was uns zwischen Tarvisio und Villach eine wienerisch gefärbte Stimme aus dem Lautsprecher mitteilte - stufenloser Übergang von italienischer Euphorie zu österreichischer Nonchalance. Immer noch fiel der Schnee in feinen, dünnen Flocken und deckte das Gasteinertal ein wie das weiße Tuch, das der Kellner beim “Fischerwirt” in Erwartung der Abendgäste über die Tische ausbreitete und sorgsam glatt strich. Aber Gäste kamen nicht viele.

Am Stammtisch dominierten die Einheimischen, die sich mit steigendem Bierkonsum und fortschreitender Stunde immer mehr als eine echte Nachhut rechtskonservativer Sturmtruppen zu erkennen gaben. Laut schallten, aus alkoholgeölten Kehlen hervorgestoßen, Lieder der großdeutschen Wehrmacht durch den Schankraum. Es herrschte Anschlussstimmung, Bauchgrimmen gegen Europa - nicht aus Überzeugung. In Wirklichkeit war man Österreicher und wollte es auch bleiben, mit allem Stammtischchauvinismus, der dazugehörte. Georg war der “König der Unterwelt”.

Er bezeichnete sich selbst so. Als Angestellter der Wasserwerke war er Herr über das Kanalisationsnetz von Bad Gastein. Und je mehr er getrunken hatte, um so absoluter wurde sein Machtanspruch, über die Unterwelt seiner Heimatstadt zu herrschen - absolut, wie der Sonnenkönig in Frankreich. Bei diesem Vergleich lächelte er geschmeichelt.

“Der Staat, das bin ich, jawohl!” Und sein Kopf sank zur Seite und machte auf meiner Brust halt. Sanft schob ich ihn gegen die Seitenlehne der Sitzbank. In dieser Stellung blieb der Kopf, und sein Mund öffnete sich nach wenigen Minuten zu einem lauten Schnarchen. Es schneite mehrere Tage nicht.

Ich fuhr mit dem Sessellift über die Talabfahrt, die schon zahlreiche braune Flecken aufwies. Und ich dachte, dass die Vergangenheit nie tot ist und immer wieder auftaucht, wenn der Schnee schmilzt. Ich habe eingangs gesagt “Reiseschilderung”, obgleich diese Episode in meinem Band Kurzgeschichten unter dem Titel “der Observateur und andere Erzählungen” veröffentlicht wurde, um ihren realen Charakter zu unterstreichen.

Es ist (aus heutiger Sicht) eine Ironie der Geschichte, dass gerade Österreich durch sein Modell der Habsburger Vielvölkermonarchie als Modell für einen föderalen europäischen Einheitsstaat gedient haben könnte. Die Habsburger Vielvölkermonarchie war ein Glücksfall für die europäische Geschichte, und ohne den ersten Weltkrieg, der ihre Widersprüche zu Tage treten ließ, wäre sie vielleicht nicht zugrunde gegangen.