POLITIK
09/11/2018 12:03 CET | Aktualisiert 09/11/2018 12:39 CET

Ost-Bürgermeister zum 9. November: “Die Politiker sollten sich bei den Ostdeutschen entschuldigen”

In der HuffPost äußern sich ehemalige DDR-Bürger zum Jahrestag des Mauerfalls dazu, wie sich ihre Heimat seither verändert hat.

Das Schloss in Wolkenstein (l.), Wolfram Liebing (o.r.) und ein Fakelträger auf einer rechten Demo (u.r.)

Seit dem Mord an einem 35-Jährigen in Chemnitz und den darauf folgenden rechten Demonstrationen ist die Region um die sächsische Stadt in Verruf geraten.

► Doch woher kommt der Hass und die Wut vieler Menschen in der Gegend? Was hat sie vielleicht mit der Geschichte Südsachsens seit der Wende zu tun?

Unter anderem über diese Fragen haben wir mit dem Bürgermeister der Kleinstadt Wolkenstein im Erzgebirge gesprochen. Die 3900-Einwohner Gemeinde liegt rund 30 Kilometer südlich von Chemnitz und wird seit 4 Jahren vom parteilosen Wolfram Liebing regiert.

HuffPost: Herr Liebing, wie haben Sie die Wende erlebt?

Wolfram Liebing: Das war ein toller Moment für mich, denn man muss sehen, wo ich herkam. Ich war nie ein großer Verfechter des DDR-Systems, um es mal so zu sagen und das hatte Auswirkungen für mich, auch beruflich. Ich habe mich auch für Musik und Kultur aus dem Westen interessiert, die für mich unerreichbar waren.

Musik und Kultur waren für viele Menschen im Osten aber nicht das, was sie vom Westen erwarteten, oder?

Das stimmt. Die Menschen wollten zum Beispiel unbedingt eine ordentliche Kaufhalle. Man kann das auch verstehen. Natürlich war für viele wie auch für mich klar, dass das System wirtschaftlich völlig am Ende war. Ich war vor der Wende Hilfsarbeiter in einer Gärtnerei und dort auch Heizer.

Alle Geräte dort waren verschlissen, ständig ging der Ofen kaputt, den wir dann notdürftig repariert und immer mal ein Loch geflickt haben. Wir wussten aber nicht was wir machen sollen, wenn der Ofen mal ganz kaputt geht.

Haben sich Ihre Hoffnungen nach der Wende erfüllt?

Ich wollte die Möglichkeit der Mitgestaltung der Gesellschaft. Und die habe ich tatsächlich bekommen. Ich meine, ein Mensch, der aussieht wie ich, ist Bürgermeister geworden. Bürgermeistermäßig kippe ich völlig aus dem Rahmen.

 

Wolfram Liebing (l.) im Gespräch mit dem Bürgermeister von Bad Bentheim Volker Pannen (SPD)

 

Aber die Hoffnungen ihrer Mitbürger sind vielfach enttäuscht worden.

Der Osten hätte sicherlich wirtschaftlich eine andere Chance gehabt, wenn man die Wirtschaft anders umgebaut und die Ostmark länger behalten hätte. Aber das wollten die Menschen auch wieder nicht. Stattdessen ist die Wirtschaft schnell zusammengebrochen.

Dabei muss man auch sagen, dass die Treuhand am Anfang ein Verbrechen war und viele Manager Konkurrenten vom Markt geschafft haben.

Nur ein Beispiel ist das Kühlschrankwerk DKK Scharfenstein im Erzgebirge. Das Unternehmen war wettbewerbsfähig und hat unter anderem den ersten FCKW-freien Kühlschrank gebaut. Trotzdem wurde DKK zerschlagen. Das ist bei den Menschen schlecht angekommen.

Verständlich.

Der Westen war da, aber die Arbeitsplätze waren weg. Hier in der Gegend waren rund 10.000 Menschen betroffen. Dann hatte man auf einmal in einem industriegeprägten ländlichen Raum eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent, auch ich war arbeitslos. Das hat zu Frust geführt.

Was eine tolle Geste wäre: Wenn sich Politiker heute dafür entschuldigen würden, was die Treuhand damals angerichtet hat.

Was beschäftigt die Menschen noch?

Schon zu DDR-Zeiten sind viele junge Menschen in den Westen gegangen. Das ging dann nach der Wende weiter. Und diese jungen Menschen kommen auch nicht mehr zurück. Zurückgeblieben sind viele, die frustriert sind. Sie haben sich das Leben anders vorgestellt.

Ist das der Grund für die oft beschriebene Fremdenfeindlichkeit im Osten?

Ich habe viel darüber nachgedacht, warum manche Menschen hier fremdenfeindlich sind, obwohl es hier kaum Fremde gibt. Mein Blick darauf: Die Menschen in dieser Region haben zwischen 1933 und 1989 in Diktaturen gelebt. Das war für viele Menschen angenehm.

Das Leben war klar geregelt, alles war organisiert, man musste sich um nichts kümmern. Man war zwar eingebunden in eine Enge, aber diese Enge gibt auch Sicherheit. Man hat eine Wand zum Anlehnen. Nach 1990 war die Enge weg, aber die stützende Wand auch.

Steht Ostdeutschland dann zurecht in der Kritik?

Es gibt die rechten Phänomene, das zu leugnen, ist Unsinn. Aber Ostdeutschland und auch Chemnitz sind mehr als das. Und noch etwas anderes scheint mir wichtig und das stimmt mich sogar hoffnungsfroh, wenn ich mir die Reaktion im Vergleich auf die Verbrechen in Chemnitz und Freiburg anschaue: Bei allem Schlechten, was hochgekommen ist, hat man sich in Chemnitz mit den Problemen befasst. In Freiburg war da eher Gleichgültigkeit.

Ich war kürzlich in Köln und war bestürzt wie gleichgültig die Menschen dort auf Armut und die Obdachlosen reagieren, die vor Geschäften liegen, in denen ein Schal 270 Euro kostet. Die Menschen heben einfach den Fuss und steigen über die Obdachlosen drüber.

Wie lassen sich die Menschen in Ostdeutschland wieder mehr für die Demokratie begeistern?

Es mag überraschend klingen, aber ich finde, dass Sachsen genau darin Vorreiter ist: Die Politiker, allen voran der Ministerpräsident Michael Kretschmer, suchen die Nähe zur Bevölkerung. Er ist Ministerpräsident aller Sachsen, er äußert Verständnis, ohne zu sagen, das ist meine Meinung. Es wird dauern, bis sich daraus was entwickelt, aber es ist der richtige Weg.

“Wir sind das Volk”: HuffPost-Aktion zum 9. November

 

Zum Jahrestag des Mauerfalls spricht die HuffPost mit Zeitzeugen, die die friedliche Revolution in der DDR miterlebt haben. Sie blicken zurück auf die Wendezeit und wie sich Ostdeutschland seitdem entwickelt hat. Unter diesem Link findet ihr den Überblick mit allen Zeitzeugen. Das sind die einzelnen Beiträge:

 

Das Interview wurde von Benjamin Reuter aufgezeichnet

(ben)