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17/01/2018 17:28 CET | Aktualisiert 31/01/2018 17:03 CET

Orgasmus-Sucht bei Frauen: Sex-Therapeutin erklärt, was hinter dem Phänomen steckt

Kaum jemand spricht über das Problem.

miljko via Getty Images
Orgasmus-Sucht bei Frauen scheint keine Seltenheit zu sein.
  • In Online-Foren berichten Frauen darüber, dass sie süchtig nach Orgasmen sind
  • Für die Frauen wird das oft zur Qual – das zwanghafte Masturbieren macht ihnen den Alltag zur Hölle

“Es ist so schlimm, dass ich es jeden Tag (bzw. jede Nacht) stundenlang mache, bis zum frühen Morgen oder bis ich einfach nicht mehr kann vor Erschöpfung. Dabei habe ich fast jede Minute einen Orgasmus.”

Diese Zeilen schreibt Userin Alissamarie im Forum der Plattform “gofeminin”.

Doch so richtig genießen kann sie ihre ständigen Höhepunkte offenbar nicht mehr. Denn für sie hat sich Selbstbefriedigung zu einem regelrechten Zwang entwickelt - sie sei Orgasmus-süchtig, schreibt sie.

Und Alissamarie ist nicht die einzige Frau, die von dem Zwang berichtet, ständig masturbieren zu müssen. Viele Frauen berichten in Frauen- oder Gesundheitsforen im Netz davon, dass sie abhängig davon sind, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen.

Klar, ein klitoraler Orgasmus ist ein unfassbar gutes Gefühl, wie ein kleines Feuerwerk im eigenem Körper. Doch wenn sich das Gefühl in einen Zwang verwandelt, wird es zur Last – zumindest, wenn es nach den Berichten der Frauen geht.

Trotzdem: Eine Orgasmus-Sucht bei Frauen ist den meisten Sex-Therapeuten, die die HuffPost für diesen Artikel angefragt hat, noch nie zu Ohren gekommen. Auch Artikel über diesen Zwang sucht man vergebens.

Ein No-Fap für Frauen gibt es nicht

“Es ist erstaunlich, wie sehr der klitorale Orgasmus abhängig macht. Die ersten Tage (des Entzugs, Anm. d. Red.) sind kaum auszuhalten. Ehrlich gesagt, denkt man mehrmals ans Aufgeben, so sehr fehlt der Klit-Orgasmus als Freudespender und Entspannungsbringer”, schreibt eine betroffene Frau auf der Plattform “Refinery29”.

Wenn es um Männer geht, für die Masturbation zum Zwang wird, sieht das anders aus. Da hat sich aus der Orgasmus-Sucht sogar eine Bewegung entwickelt. Die sogenannte No-Fap-Bewegung ist ein Zusammenschluss von Männern, die sich gegenseitig dabei helfen, ihren Zwang zu überwinden.

Die Gruppe gewann in kürzester Zeit tausende Anhänger. Wer sich dieser Bewegung anschließt, verzichtet 90 Tage auf Selbstbefriedigung.

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Männer, die unter Orgasmus-Sucht leiden, kennt Beatrice Wagner. Sie kommen in die Münchner Praxis der Sexualtherapeutin – und berichten von ihren Problemen. Frauen mit diesen Problemen seien jedoch noch nie zu ihr gekommen. “Aber es klingt durchaus plausibel, dass Frauen abhängig von klitoralen Orgasmen werden können”, sagt Wagner der HuffPost.

Nicht zu verwechseln sei die Orgasmus-Sucht, sowohl bei Männer wie auch bei Frauen, mit der Sexsucht.

Sexsüchtige Frauen kenne sie schon, sagt Wagner. “Bei der Sexsucht ist es oft der Fall, dass auch andere Menschen miteinbezogen werden. Es kann auch um Bestätigung für das Ego gehen”, erklärt die Therapeutin.

Orgasmen wirken wie eine Dosis Heroin

“Bei einer Orgasmus-Sucht geht es vermutlich eher um den Kick, so schnell wie möglich zum Höhepunkt zu kommen – das schafft man auch alleine.”

Weder die Sexsucht, noch die Orgasmus-Sucht sind offiziell gelisteten Krankheitsbilder – es sind umgangssprachliche Begriffe. Aber wie Betroffene ihre Abhängigkeit beschreiben, sei schon mit einer Sucht vergleichbar, sagt Wagner.

“Es ist die schnelle Verfügbarkeit des Orgasmus’, die süchtig macht. Es wird Dopamin im Körper ausgeschüttet und das Endgefühl wirkt stimulierend”, erklärt die Sexualtherapeutin.

Eine Sucht ist generell stark mit der Ausschüttung von Dopamin verbunden – diverse Drogen und andere Substanzen, die die Dopaminproduktion ankurbeln, können ebenfalls süchtig machen. Wissenschaftler der Universität Groningen vergleichen die Wirkung eines Orgasmus’ sogar mit der einer Dosis Heroin.

Durch die Übermäßigkeit lasse jedoch die Orgasmustiefe nach, er wird flacher und befriedigt nicht mehr so sehr wie am Anfang – das Belohnungssystem im Gehirn ist erschöpft. So könne man beinahe von einer Art “sexuellen Burnout” sprechen.

Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Betroffene müssen sich immer öfter selbst befriedigen, damit das Belohnungsgefühl eintritt.

Allerdings messe sich die Sucht nicht zwingend in der Häufigkeit der Selbstbefriedigung, sagt Wagner.

“Entscheidender ist die Frage, ob man es im Griff hat oder ob das Verlangen den Tag dominiert. Wenn jemand dadurch seinen Alltag vernachlässigt und zum Beispiel deswegen nicht zur Arbeit geht oder Termine und Verabredungen absagt, ist eine Sucht vorhanden – süchtig ist man, wenn man die Kontrolle verliert.”

So wie es die Userin flammi88 auf “gofeminin” beschreibt:

“Hey, ich bin 26 und habe genau das selbe Problem. Nur bei mir ist es so, dass ich langsam die Kontrolle verliere. [...] Es geht mir dabei nicht um Sex, sondern schnellstmöglich einen Orgasmus zu kriegen, was immer seltener möglich ist. Ich ekel mich hinterher vor mir selber, habe Schuldgefühle und wenn ich es nicht auslebe, bin ich aggressiv und der Leidensdruck wird zu hoch.”

Weibliche Sexualität ist immer noch ein Tabu

Auch andere Frauen sind verzweifelt: 

“Mein Problem ist, dass ich mich mehrmals am Tag selbst befriedigen muss. Ich habe mich auch schon öfter auf der Arbeit selbst befriedigt! Ich werde allein schon wenn ich sitze erregt. Ich zählte schon öfter 18 Orgasmen an einem Tag. Dabei ist der Sex mit meinem Freund so toll.” schreibt eine Userin im Forum der Gesundheitsplattform “onmeda”

Ein Problem, das viele betroffene Frauen in Foren schildern, ist die Reaktion der Mitmenschen. Wenn überhaupt sprechen sie anonym im Internet über ihr Problem – und ernten dafür meist nur Unverständnis. Egal ob von Männern oder Frauen. Das liege auch daran, dass Masturbation bei Frauen immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft sei, sagt Wagner.

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Bei Männern sei das anders. Doch nicht nur die Anerkennung der Selbstbefriedigung ist anders – auch die Ausprägung der Orgasmus-Sucht.

Bei Männern geht Orgasmus-Sucht meist mit einer Porno-Sucht Hand in Hand sagt Wagner – für Frauen scheine es aber keine offensichtliche Erklärung dafür zu geben, wieso und woher diese Sucht genau kommt, falls sie denn tatsächlich existiere.

Für Porno-Sucht sind Frauen weniger anfällig, da sie weniger durch visuelle Mittel erregt werden, erklärt Wagner,

“Ersatz suchen, um Spannung abzubauen”

Auch wenn Wagner noch nie mit einer Frau, die Orgasmus-süchtig ist, gearbeitet hat, empfiehlt sie den Betroffenen, mit professioneller Hilfe eine Abstinenztherapie zu beginnen.

Es sei wichtig herauszufinden, was das eigentliche Problem ist – “Warum brauche ich das eigentlich?” und “Decke ich damit vielleicht andere unerfüllte Grundbedürfnisse zu?”, sind unter anderem Fragen, die geklärt werden sollten, berichtet Wagner.

Um die Abstinenz einhalten zu können, sollten möglichst andere Beschäftigungen gefunden werden, die das Gefühl ersetzen können. “Es ist natürlich nicht leicht. Schließlich wird einem etwas genommen und man muss einen anderen Weg finden, die innere Spannung abzubauen”, beschreibt die Therapeutin den Prozess. “Ein Ersatz wäre beispielsweise Sport.”

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Doch der Schritt zum Therapeuten ist kein leichter, wie eine Frau bei “onmeda” schreibt:

“Erstens, ich möchte nicht zum Psychiater, unter keinsten Umständen. Ich will anonym bleiben, Punkt. Und zweitens, nein, ich bin nicht glücklich damit. Sogar mein Freund, der davon weiß, findet es alles andere als schlimm.

Ich aber schon, weil mir fast immer danach ist, egal, wo ich mich gerade befinde. Wie gesagt, auch auf der Arbeit. Gibt es irgendeine Möglichkeit, wie ich mich davon abringen kann? Ich bin wirklich verzweifelt und will das nicht mehr... aber mein Körper zwingt mich praktisch dazu.”

Doch es gibt Hoffnung, dass betroffene Frauen in Zukunft zumindest auf offenere Ohren stoßen, wenn sie über ihr Problem berichten. Denn laut Wagner wird das Thema weibliche Sexualität – und damit auch Masturbation – langsam etwas weniger stigmatisiert. Früher wären keine Frauen zu ihr in die Praxis gekommen, aus Angst, verurteilt zu werden.

Heute sei das Gottseidank anders.

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(tb)