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23/06/2018 15:30 CEST | Aktualisiert 23/06/2018 16:13 CEST

Ich spendete meinem Mann eine Niere, um sein Leben zu retten

Jemanden zu lieben, den man eines Tages verlieren könnte, ist der mutigste Schritt von allen.

Jen Reeder
Die Amerikanerin Jen Reeder hat ihrem Mann Bryan eine Niere gespendet. 

Als ich um 4.35 Uhr morgens aus der Dusche trat, fühlte ich mich ein wenig aus der Bahn geworfen. Aber ich war überzeugt davon, das Richtige zu tun.

Bryan saß zusammengekauert auf der Couch im Hotelzimmer, sein Gesicht vergraben in seinen Händen. Irgendetwas lief gerade schrecklich schief. Hatte das Krankenhaus angerufen?

“Baby?” riskierte ich zu fragen.

Mein Mann sah mich mit Bedauern an und deutete auf den Fernseher. “Ein bewaffneter Mann hat in einem Kino in Aurora um sich geschossen,” sagte er. “Zwölf Menschen sind tot.”

Das “Century 16 movie theater” war nur zehn Meilen (16 Kilometer) von unserem Hotel in Denver entfernt. Es lag in der Nähe des Transplantations-Zentrums, in dem ich später an diesem Tag einen Termin hatte, um Bryan meine Niere zu spenden.

Wir taten unser Möglichstes, um positiv gestimmt zu bleiben.

Die Warteliste für ein Spenderorgan ist lang

Die Nachricht von dem Massenmord traf uns wie ein Schlag ins Gesicht. Wir trauerten um die Leute, die nur sterben mussten, weil sie den neuesten Batman-Film sehen wollten. Es brach uns das Herz, so etwas in unserer Übergangsheimat Colorado mitzuerleben.

Das Columbine-Massaker hatte das Land bereits für immer erschüttert. Und jetzt diese neue Gräueltat.

Ich konzentrierte mich auf die Hinterbliebenen der Opfer. Diese Menschen mussten unvorstellbare Schmerzen ertragen. Es waren Schmerzen, vor denen ich mich schützen wollte, indem ich meinem Ehemann seine so dringend benötigte Niere gebe.

► In meinem zweiten Jahr als Studentin an der Universität von Syracuse verliebte ich mich in Bryan.

Wir studierten beide Englisch im Hauptfach und lagen auf einer Wellenlänge. Er brachte mich dazu, Bäume, Kurt Vonnegut, Carlos Santana und Blauschimmelkäse wertzuschätzen. Unsere gemeinsamen 15 Jahre waren erfüllt von wandern, reisen, lachen und tanzen.

Jen Reeder
Das Paar reist für sein Leben gerne.

Wir arbeiteten gerade an unserem zweiten Reiseführer für Hawaii, als der einzige Nephrologe, den es auf der großen Insel gab, uns die schockierende Diagnose mitteilte: Bryan hat eine unheilbare Autoimmunkrankheit namens IgA-Nephritis (auch Morbus Berger genannt).

Abwehrkörper griffen seine Nieren an, bis sie versagen würden. Weil er gerade erst Mitte Dreißig war, stand es außer frage, dass Bryan irgendwann eine Nierentransplantation brauchen würde.

Es stellte sich heraus, dass ich Universal-Spender bin 

Die Warteliste, um die Niere eines Verstorbenen zu bekommen, ist lang und es dauert Jahre. Und die Dialyse ist zeitaufwendig und kostet oft Kraft. Es ist, als hätte man ständig die Grippe.

Eine Organspende kann ein Menschenleben retten, wo ein anderes verloren geht. 

Der Organspendeausweis hilft dabei, die eigene Einstellung zur Organ- und Gewebespende zu dokumentieren. Nicht nur ein “Ja“ zur Organspende kann darin festgehalten werden. Jeder Ausweisträger kann selbst entscheiden, welche Organe er spenden möchte und welche nicht.

Mehr Informationen zum Organspendeausweis gibt es hier

“Deine Niere hat eine längere Lebensdauer, wenn du sie von jemandem gespendet bekommst – und sie transplantiert wird, bevor du mit der Dialyse beginnst”, hat der Arzt zu Bryan gesagt.

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Ich wusste sofort, dass ich meine Niere spenden würde, wenn es funktioniert.

Bryan und ich haben unterschiedliche Blutgruppen. Also nahm ich an, dass ich meine Niere über das “paired donation”-Programm oder eine “kidney chain” spenden müsse, damit mein Organ gegen eines mit passender Blutgruppe getauscht werden könne.

Aber ich fand schnell heraus, dass ich als “Universal-Spender” mit der Blutgruppe 0 negativ Bryan auch direkt meine Niere geben konnte, wenn ich eine Vielzahl an medizinischen Tests bestehe.

Als der Zeitpunkt kam, war das noch der einfache Teil. Ich musste auch noch die psychologische Beurteilung bestehen.

War ich wirklich bereit, meine Niere zu spenden? 

Ich zappelte in meinem Stuhl, während mich die Sozialarbeiterin musterte.

Höflich löcherte sie mich immer wieder mit ihren Fragen. Ob ich unter Druck gesetzt oder genötigt wurde, für meinen Ehemann eine Niere zu spenden?

Den ganzen Tag durchlief ich Tests, um herauszufinden, ob ich als Spender in Frage käme – mir wurde Blut abgenommen, ein EKG wurde angefertigt, meine Brust wurde geröntgt, eine CT-Aufnahme wurde gemacht – aber die Befragung war schlimmer als all die körperlichen Untersuchungen.

Sie starrte mir direkt in die Augen und fragte: 

Willst du ihm wirklich eine Niere spenden? Denn wenn nicht, dann können wir einfach sagen, dass sie nicht kompatibel ist.”

Ich starrte zurück.

“Ja, ich will. Ich will es wirklich.”

Sie lehnte sich zu mir herüber. Ich hatte Sorge, dass sie immer noch nicht überzeugt war.

“Wovor hast du am meisten Angst, bei dem Gedanken, deine Niere zu spenden?”

Ich schrie ihr meine Antwort fast entgegen.

“Dass ich als Bryans Spender nicht akzeptiert werde!”

Sie verließ ihre Rolle und lachte. Da wusste ich, dass ich bestanden hatte.

Du bist definitiv bereit, deine Niere zu spenden”, sagte sie, während sie aufstand und mich aus ihrem Büro begleitete. “Ich sage dem Team Bescheid.”

Ich wollte den Zauberstab schwingen, damit alles gut wird 

Es war nicht gespielt: ich war bereit. Man fühlt sich so hilflos, wenn ein geliebter Mensch eine beängstigende Diagnose erhält.

Ich hatte es bereits erlebt, als meine beste Freundin aus Highschool-Zeiten Brustkrebs bekam, als mein Vater plötzlich einen Schlaganfall hatte, als mein Großvater sich seine Hüfte brach, als der Eierstockkrebs meiner Tante zurückkam.

Man kann ihnen moralische- und logistische Hilfe anbieten, aber man kann den Ausgang nicht beeinflussen. Ich wollte am liebsten einen Zauberstab schwingen, damit alles wieder gut wird. Es fühlte sich wie ein Geschenk an, endlich einen zu haben.

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► Als ich den Anruf bekam, dass ich als Bryans Spender angenommen wurde, fing ich vor Freude und Erleichterung an zu heulen.

Eine Niere zu spenden ist sicherer, als ein Kind zu gebären 

Ist es mutig, eine Entscheidung zu fällen, die einen nicht ängstigt? Nelson Mandela hat einmal gesagt, dass Mut “nicht die Abwesenheit von Furcht ist, sondern der Triumph darüber”.

Ich hatte keine Angst davor, meine Niere zu spenden. Aber viele Freunde und Verwandte äußerten ihre Bedenken.

Ihre Reaktion darauf, dass der Termin für die Transplantation steht, klang für gewöhnlich so: “Das sind fantastische Nachrichten!” Und danach, mit gesenkter Stimme: 

Wird es dir danach gut gehen? Was passiert danach mit dir?”

Mit den Fakten, die auch mich überzeugt haben, versicherte ich ihnen: eine Niere zu spenden sei sicherer, als ein Kind zur Welt zu bringen.

Als Nierenspender habe man eine höhere Lebenserwartung als die normale Bevölkerung. Die einzige Einschränkung für meinen Lebensstil sei es, dass ich nicht Kickboxen könne.

“Und du weißt um meine Koordinations-Schwierigkeiten. Also wird das kein Thema sein”, witzelte ich.

Die Transplantations-Koordinatorin nahm meine Hand und versicherte mir, dass alles funktionieren werde

Hauptsächlich war ich besorgt, dass etwas schief gehen könnte – dass ich beispielsweise Bluthochdruck bekäme und ich mir eine Erkältung einfange – und ich zum Spenden nicht in der Lage wäre.

Am Tag vor unseren Operationen, während der präoperativen Untersuchungen zur Sicherstellung, dass wir immer noch kompatibel sind, fragte ich den Transplantations-Koordinatorin, wie viele unserer sechs Anti-Gene zusammenpassten (je mehr davon zwischen Spender und Empfänger zusammenpassen, umso besser stehen die Chancen für einen Erfolg).

Aus irgendeinem Grund, war es mir vorher nicht in den Sinn gekommen, danach zu fragen. 

Ich war nicht darauf gefasst, dass ihre Antworte “keine” sein könnte. Aber das war sie.

► Sie sah, wie bei mir die Alarmglocken angingen. Sie nahm meine Hand und versicherte mir, dass alles funktionieren werde, dass die Chancen für eine erfolgreiche Transplantation viel besser stünden, als mit der Niere eines Toten.

Meine Freunde und Verwandten waren eine moralische Unterstützung 

Ich bin es nicht gewohnt, etwas vor Bryan zu verheimlichen. Aber ich wusste, dass es nicht förderlich wäre, wenn ich ihm diese beunruhigende Neuigkeit mitteilen würde.

Wir hatten uns so angestrengt, optimistisch zu bleiben.

Die überwältigende Unterstützung durch unsere Verwandten und Freunde, in der Nacht vor der Transplantation, war gerade in dieser Hinsicht unglaublich hilfreich.

Mein Freund Ali brachte einige Snacks, während sich das kleine Hotelzimmer immer weiter mit Gästen füllte.

Bryans Eltern brachten uns Bilder, die unsere Neffen und Nichten gezeichnet hatten und seine Mutter überreichte mir einen Diamantring seiner verstorbenen Großmutter. Dabei sagte sie mir, wie glücklich die Oma über unsere Hochzeit gewesen wäre.

Meine Eltern bestellten Pizza für alle, während unsere Freunde Kelli und Jerry kamen, um sich um unseren Hund Rio zu kümmern.

Als das Transplantations-Zentrum anrief, um die Operationen zu bestätigen, fingen alle im Zimmer an zu klatschen, gaben sich High fives und umarmten sich.

Kein Weg zurück 

Unser Wecker läutete am nächsten Tag um 4 Uhr morgens. Es war der 20. Juli 2012. Und ich war zum ersten Mal von Angst erfüllt.

Meine Nervenenden waren wie elektrisiert, bei dem Gedanken: “Warte – was will ich da eigentlich machen?” Dann kam die Panik. “Es ist zu spät, um einen Rückzieher zu machen!”

► Aber nur wenige Sekunden später nahm mich Bryan in den Arm und meine Ängste waren wie weggeblasen.

Halte dich an den Plan und lass dich treiben, lass dich einfach treiben, sagte ich mir. Ich ging unter die Dusche, um die antibakterielle Spülung aufzutragen, die mir das Krankenhaus zur Vorbereitung auf die Operation gegeben hatte.

Und dann erfuhren wir von der Schießerei in einem Kino in Aurora.

“Geht es Bryan gut?” 

Mir kam der Gedanke, dass die Transplantation möglicherweise gestrichen werden könnte.

Würde das Krankenhaus voll sein mit Verletzten, die dringend versorgt werden mussten? Meine Eltern und ich waren der festen Überzeugung, dass dort das Chaos herrschen würde, als wir in das Transplantations-Zentrum fuhren.

Aber in dem Krankenhaus war es ruhig – die Opfer der Schießerei wurden woanders versorgt.

Die Operationen von Bryan und mir verliefen erfolgreich. Meine erste Frage, nachdem ich wieder das Bewusstsein erlangt hatte, war: “Geht es Bryan gut?” Seine erste Frage war: “Wie geht es Jen?”

Einige unserer Freunde erzählten uns, dass der Gedanke ihnen Trost gespendet hatte, dass sich an dem Tag einer so hasserfüllten Tat, ein Paar für die Liebe zueinander unters Messer legt.

Ich bin froh, dass ihnen meine Nierenspende das ermöglicht hat und dass Bryan neue Lebenskraft bekommen hat, die uns den Outdoor-Lebensstil wieder ermöglicht, den wir beide so lieben.

Jen Reeder
Jen hat Bryan das Leben gerettet.

Das Leben ist erfüllter, wenn man nicht in Angst lebt

Ich erinnere mich daran, wie ich einem Freund erzählt habe, dass Bryan jetzt wieder Mountainbike fahren kann, nachdem die Transplantation erfolgreich verlaufen ist.

Als Antwort bekam ich zu hören: “Machst du dir keine Sorgen, was passieren könnte, wenn er hinfällt?”

Und wenn ich ehrlich bin, mache ich mir Sorgen – Sorgen darum, dass er hinfällt und seine neue Niere beschädigt oder dass er mit seinem geschwächten Immunsystem neben jemandem stehen könnte, der gerade niest oder dass seine Medikamente gegen die Abstoßung der Niere Nebenwirkungen haben könnten.

Aber ich versuche mich immer daran zu erinnern, dass das Leben erfüllter ist, wenn man nicht in Angst lebt.

Also sage ich zu Bryan “hab Spaß!”, wenn er mit Freunden zum Skifahren geht und “na klar”, wenn er einen Urlaub vorschlägt, für den man ein Flugzeug besteigen muss (auch wenn wir Schutzmaßnahmen ergreifen, um alles so keimfrei wie möglich zu halten).

Wir haben den ersten Jahrestag der Transplantation gefeiert, indem wir mit dem Auto nach Denver gereist sind. Dorthin, wo wir während der Zeit der Behandlung gelebt haben.

Wir aßen draußen in einem mexikanischen Restaurant und schauten uns an, wie der Sonnenuntergang die Wolken in ein rosa Licht tauchte. Wir merkten, wie gut unser Leben ein Jahr später doch war und grinsten uns an.

Und ich weiß zweifelsohne, dass es der mutigste Schritt von allen ist, jemanden zu lieben, den man eines Tages verlieren könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.

(amr)