POLITIK
19/02/2018 20:11 CET | Aktualisiert 19/02/2018 20:31 CET

Kassiererin überlebt Überfall – doch die Ämter machen ihr das Leben zur Hölle

Als der Angriff vorbei war, ging der Kampf mit der Bürokratie erst los.

LIVINUS via Getty Images
Polizei-Einsatzfahrzeug mit Blaulicht in Berlin.
  • Weil sie bei einem Raubüberfall ein Trauma erleidet, kann Renata S.  nicht mehr bei der Tankstelle arbeiten.
  • Statt der Frau zu helfen, fühlt sich das Jobcenter nicht zuständig.

10 Jahre lang hat Renata S. in einer Tankstelle an einer viel befahrenen Straße in Stuttgart gearbeitet. Der Job war anstrengend, aber auch vielseitig und machte ihr Spaß. Vor allem mit dem angeschlossenen Bistro habe sie immer gut zu tun gehabt, erzählt sie dem online Magazin “Stuttgarter Nachrichten” (StN).

Renata S. gilt als zuverlässige Arbeitskraft. Dann kam der Überfall. Am 4. November 2015 um kurz vor halb 10 Uhr abends betritt ein schwarz gekleideter Mann die Tankstelle und bedroht sie mit einem Elektroschocker: 

“Kasse aufmachen! Das ist ein Überfall!“, brüllt er. Dann zwingt er die Angestellte, sich auf den Boden zu legen, während er Kasse und Regale ausräumt. 

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Renata S. ist gelähmt vom Schock über den Angriff. Wie sie den “Stuttgarter Nachrichten” erzählt, habe sie sich lange nicht getraut, den Alarmknopf zu drücken aus Angst, der Täter könne noch in der Nähe sein oder zurückkehren.

Als schließlich die Polizei eintrifft, ist der Täter längst weg. 

Folgen des Überfalls: Panikattacken und Arbeitsunfähigkeit 

Was allein schon schrecklich genug wäre, ist für Renata erst der Anfang einer weiteren Leidensgeschichte. Sie versucht erst, weiter zu arbeiten, doch sie schafft es nicht. Immer wieder verfolgen sie die Erinnerungen und Bilder des Überfalls: 

“Sobald ich allein oder von zu vielen Fremden umgeben war, bin ich schier durchgedreht.“, sagte sie gegenüber den StN.

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Weil sie aber unbedingt arbeiten will, sucht sie nach neuen Beschäftigunsfeldern und entschließt sich zu einer Umschulung als Orthopädiemechanikerin.

Der Job wäre ideal. Der Beruf ist gefragt, das Arbeiten in der Werkstadt böte ihr einen geschützten Rahmen, in dem sie nicht von Panikattacken geplagt würde und schließlich könnte sie von ihren Kenntnissen aus ihrem früheren Beruf als Näherin profitieren.

Jobcenter und Deutsche Rentenversicherung verweigern Hilfe

Doch aus der guten Idee wird nichts. Sie scheitert am Eigensinn der Ämter:

Wie die StN berichten, landet ihr Antrag zunächst bei der Deutschen Rentenversicherung und wird abgelehnt. Begründung: der angestrebte Beruf sei “nicht leidensgerecht”.

Die Institution unterstellt also, Renata S. könnte den Beruf mit ihrem Gesundheitszustand nicht ausfüllen – und das, obwohl die Umschulung vom Berufsförderwerk sogar speziell empfohlen wurde.

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Deshalb schickt sie den gleichen Antrag an die Bundesagentur für Arbeit und zunächst gibt es Grund zur Freude. Das Jobcenter bestätigt ihr dass die Idee gefördert werden könne, denn die Ausbildung sei “zukunftsträchtig”. 

Dennoch lehnt es den Antrag ab: Es handele sich um eine “Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben”, daher sei nicht das Jobcenter zuständig, sondern die Deutsche Rentenversicherung.

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Zwei Jahre geht der Streit nun schon, ohne Lösung, doch mit Folgen für Renata S. Obwohl sie unbedingt arbeiten will, bezieht sie inzwischen Arbeitslosengeld. Ihr Arbeitswille scheitert an einem Streit um Zuständigkeiten.