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18/02/2018 19:21 CET | Aktualisiert 18/02/2018 19:21 CET

Oper als Klamauk

Rossini als Publikumsrenner am Zürcher Opernhaus

OPERNHAUS ZÜRICH, PHOTO BY JEF RABILLON
Aufruhr der Nonnen: Fremde Männer im Haus!!!

‚Um weltweit berühmt genannt zu werden, muss man der Autor eines Rezeptes sein’, soll der französische Autor Henri Stendhal (1783 - 1842) gesagt haben. Sein Zeitgenosse, der italienische Komponist Gioacchino Rossini, ist schon danach als bekannt zu werten. Sein ‚Tournedos Rossini’, das Fleisch mit reichlich Foie Gras garniert ist keine leichte Mahlzeit und steht dennoch auch heute noch auf den Speisekarten grosser Restaurants. Rossini war sicher ein Genussmensch. Frauen und Automobile gehörten zu seinen Präferenzen und vielleicht hat er seine Kompositionstätigkeit schon mit 37 Jahren aufgehört um dafür mehr Zeit zu haben. Vorher schuf er aber an seinem geliebten zweiten Wohnsitz Paris noch französische Opern. Seine zweitletzte, ‚le comte Ory’, enthält die ganze Lebensfreude, die Rossini eigen war und kommuniziert sie seinem Publikum. Kein Wunder, dass sie vierzig Jahre lang kontinuierlich in Paris gegeben wurde. Uraufgeführt wurde es im August 1848 in der Pariser Oper. Das Libretto von Eugène Scribe und Charles- Gaspard Delestre- Poirson basiert auf einem erfolgreichen Vaudeville-Stück.

Es ist eine Parodie auf die klassische ‚Tragédie’, im Mittelalter während der Kreuzzüge spielend, in der Tradition der Troubadour Stücke, die im Frankreich des 19. Jahrhunderts sehr beliebt waren:

Der junge Comte Ory, einer der wenigen Männer, der nicht zum Heiligen Land aufgebrochen ist, nutzt die Gelegenheit um unter den zurückgebliebenen sexuell frustrierten Frauen seinen Durst nach erotischen Erfahrungen vielfältig zu stillen. Da die Damen ja eigentlich sittsam bleiben wollten, bedient er sich dazu diversen Tricks und Verkleidungen; auch als Eremit und als Nonne. Die Damen vertrauen sich bereitwilligst diesen religiösen Gestalten an und sind, - erstaunlicherweise -, nach jedem Treffen gelöst und zufrieden. Sie rekeln sich genüsslich wie Katzen nach einer besonders köstlichen und reichlichen Mahlzeit.

Zwei Drittel der Musik zu diesem seinem zweitletzten Werk entnahm der Komponist seiner Oper ‚Il viaggio a Reims’, 1825 zu den Krönungsfeierlichkeiten von Karl X entstanden, eine damals geläufige Praxis. Rossini formte sie in den französischen Geist um und musste bei den Gesangspassagen sowohl die diversen Gesetzmässigkeiten der Reime wie die Andersartigkeit der französischen Sprachmelodie und der Sprachgeschwindigkeit beachten. Gioachino Rossini komponierte die Arien aufwendiger und vielschichtiger als es sonst in diesem Genre der italienischen Buffo –Opern vertreten ist. Auch fügte er den ‚Tenore di grazia’ einen von ihm erfundenen ‚Balztenor’ hinzu, der mit seinen protzenden hohen C’s und verblüffenden Tonsprüngen Potenz demonstriert. Dieses wurde in dieser Aufführung vom US Tenor Laurence Brownlee als Comte Ory eindrücklich umgesetzt, wenn auch die etwas schnarrende Stimme bei einem dem Belcanto verpflichteten Sänger ungewöhnlich ist.

OPERNHAUS ZÜRICH, PHOTO BY JEF RABILLON
Lawrence Brownlee als Comte Ory (links) und Cecilia Bartoli als Comtesse Adèle

Cecilia Bartolis ( La comtesse Adèle ) Stimme ist reifer geworden und entfalten ihr Volumen nun eher in ihren mittleren und tieferen Lagen, ihr Stimmtechnik ist nach wie vor unerreicht und in dieser Rolle wo Klangornamente die Komik der Handlung und Charakteristiken der Figuren speziell unterstützen, besonders geschätzt. Schön anzuhören auch der hilflose ‚Erzieher’ des Grafen Ory. Sein Bariton ist voluminös, wohltönend und präzise geführt. Rebecca Olvera als Isolier, den jungen doch äusserst leidenschaftlichen Bewunderer der Gräfin, zeigt Momente einer starken abgerundeten Stimme. Ihre Darstellung des jungen Mannes in ihrer Hosenrolle gelingt allerdings, - gewollt?-, nicht sonderlich. So wirkt der ‚Lapdance’ der kräftigen Gräfin Cecilia Bartoli auf Isoliers zartem Schoss merkwürdig und man fürchtete Blessuren bei einem leidenschaftlicheren Ritt. Das Publikum aber schätzte die Einlage und applaudierte frenetisch!

In dieser Posse, als Vaudeville jahrelang in Paris erfolgreich, wird nichts ausgelassen. Der ‚Geistliche’ macht einen Kopfstand um der Gräfin unter den Rock zu schauen. Naive ‚ kaum ‚mannbare’ Mädchen (Bachelettes) werden grobschlächtig verführt, die Verwechslungen und Travestien häufen sich wie in den Stücken Georges Feydeaus.

OPERNHAUS ZÜRICH, PHOTO BY JEF RABILLON
Comtesse Adèle (Cecilia Bartolli) inmitten ihrer "Bewacherinnen"

Eine ganz auf Spiel und Genuss ausgerichtete Welt tut sich auf. Dabei werden auch die abgegriffendsten Tricks aufgeboten Lacher zu holen.

Und doch hatten die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier dem Stück einen Gesellschaftsbezug zugedacht. Sie sehen einen Bezug zwischen dem Mittelalter kurz vor dem Ende der Kreuzzüge und dem 20. Jahrhundert vor der Liberalisierung der 60ger Jahre. Beide Epochen sind für sie Zeiten mit ‚einem sehr verklemmten Konzept von Sexualität und moralischen Werten, die ganz von Kirche und Staat geprägt waren’. Und sie ziehen Parallelen zwischen der explosiven sexuellen Frustation in diesen Zeiten. So werden in der Inszenierung aus den mittelalterlichen Kreuzrittern heimkehrende französische Algerienkämpfer. Patrice Caurier: ‚Die Oper endet mit dem Empfang der Kriegsheimkehrer und einer Hymne auf die Söhne des Sieges’. Allerdings sind diese Bezüge nur nach dem Studium des Programmheftes oder dem Besuch der Einführung wirklich ersichtlich.

OPERNHAUS ZÜRICH, PHOTO BY JEF RABILLON
Die Heimkehr der Kreuzritter bzw. Algerienkämpfer

Für viele Opernbesucher ist es sicher erquickend und erholsam sich für einmal nicht mit tragischem Geschehen, historischen Schlachten, mystischen Welten, oder Vorkommnissen in der Szenerie der Götter und Halbgötter herumschlagen zu müssen. Sondern sich auch in der Oper einfach amüsieren zu können. So verliessen die Zürcher Besucher diesmal ihr Opernhaus mit lachenden Gesichtern und beschwingten Schritten. Vielleicht waren sie aber auch begierig darauf einen der ‚Ratschläge für Verführer’ im Programmheft in die Tat umzusetzen: ‚Du musst ihr die Schuhe ausziehen! Sie wird sich sofort angenehm ausgezogen und irgendwie ausgeliefert fühlen.‘ Dann erfolgt der Zuschlag! Comte Ory könnte es nicht besser.

Selbst der grosse französische Philosoph Michel de Montaigne, dessen Denkmal gegenüber dem Eingang der Pariser Sorbonne steht als Mahnmal zur eigenen geistigen Erforschung, hatte schon mehr als 200 Jahre früher die Einsicht: ‚Selbst in der Tugend ist der letzte Zweck unseres Trachtens die Wollust’