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06/03/2018 15:29 CET | Aktualisiert 07/03/2018 20:33 CET

Wir sind Omas und wollen alle Rechtsextremen aus Europa vertreiben

“Wir sind selbstbewusste, alte Frauen, mit denen keiner rechnet.”

Omas gegen Rechts

Wir sehen, was geschieht und wollen nicht wegschauen. Wir sind die Generation, der versprochen wurde, dass sich das Grauen des 20. Jahrhunderts nie wiederholen würde. Wir sind die Generation, die eine Zukunft hatte. Jetzt sehen wir, wie mit der Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder Vabanque gespielt wird.

Das werden wir nicht zulassen!

Wir haben eine neue Regierung in Österreich. Rechtsextreme sitzen im Nationalrat. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Seit Jahren versucht die FPÖ, mit widerlichen Sprüchen und widerlichen Plakaten die Leute zu beeinflussen. Und jetzt hat sie es geschafft.

Aber wir wehren uns dagegen. Wir stehen auf gegen Rechtspopulisten und Menschenverachter.

Wir sind “Omas gegen Rechts”. Und wir gehen auf die Straße und sind laut.

Wir wehren uns gegen die Zerstörung des Sozialstaates, wir wehren uns gegen die Vernichtung aller Errungenschaften der österreichischen Demokratie, wir stehen ein für das Recht jedes Menschen auf ein menschenwürdiges Leben.

Laut ihrem Parteiprogramm will die FPÖ unter anderem:

► die Sozialausgaben (Arbeit, Soziales, Familie) auf 40 Prozent der Gesamtausgaben drücken und damit 3,8 Milliarden Euro einsparen

keine Arbeitserlaubnis für Asylbewerber und Asylberechtigte

die österreichische Staatsbürgerschaft als Voraussetzung für die Mindestsicherung

zur Gleichberechtigung von Mann und Frau heißt es im Programm: “Die Bevorzugung eines Geschlechts zur Beseitigung tatsächlicher oder vermeintlicher Benachteiligungen wird von uns entschieden abgelehnt.”

Wir stehen ein für das Recht von Frauen, gleichberechtigt ihr Leben zu bestimmen. Wir stehen ein für freie Meinung.

“Wir sind die Nachkriegsgeneration – gerade deshalb sind wir so stark”

Denn was passiert, wenn Rechtsextreme Macht in Österreich bekommen, haben wir in den vergangenen Wochen zu spüren bekommen. Unsere Kultur wird zerstört.

Eine Kultur, die wir nach dem Krieg langsam und mühsam aufgebaut haben. Eine Kultur, die von Weltoffenheit und Kommunikation geprägt ist. Jetzt bricht sie auseinander. Das ist furchtbar.

“Omas gegen Rechts” ist eine Organisation älterer Frauen, die sich im November 2017 auf Facebook gegründet hat. Mit Demonstrationen, Veranstaltungen und Workshops wollen sie sich in den politischen Diskurs einmischen.

Hier schreiben Monika Salzer, die Gründerin von “Omas gegen Rechts”, und Susanne Scholl, Mitglied der ersten Stunde, warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, dass ältere Frauen für mehr Demokratie, Gleichberechtigung und Weltoffenheit auf die Straße gehen.

Die Veranstaltungen von Omas gegen Rechts im März:

8.März: Internationaler Frauentag, Treffpunkt 16:30 Uhr, Christian Broda Platz, Wien

8.März, Frauentag in Linz, Hauptplatz 18:30

12. März: Nie wieder Faschismus! Treffpunkt 17:00 Uhr Stock im Eisenplatz, Wien

17.März: Gegen Rassismus und Faschismus, 14:00 Uhr am Karlsplatz, Wien

Und genau das ist es, was uns anspornt. Die Entwicklungen in Österreich, aber auch der Rechtsruck in ganz Europa machen uns sprachlos.

Viele glauben, wir sind alt, uns ist alles egal, und bewirken können wir sowieso nichts. Aber das ist falsch. Denn wir sind die Nachkriegsgeneration. Gerade deshalb sind wir so stark, uns zu wehren. Weil wir wissen, dass gesellschaftlicher Wandel geschehen kann, dass Aufschreie nicht umsonst sind.

“Wir sind selbstbewusste, alte Frauen, mit denen keiner rechnet” 

Das haben wir bei unseren Müttern und Großmüttern gesehen. Sie waren starke, feministische Frauen. Sie haben alle gearbeitet und sich außerhalb ihres Haushalts engagiert.

Und wir sind sicher: Was die geschafft haben, können wir auch schaffen.

Mehr zum Thema:Neonazi-Festival in Ostritz: Ein Ort in Sachsen wehrt sich gegen Rechts

Wir wollen Sprachrohr sein. Indem wir auf die Straße gehen und unseren Mund aufmachen, brechen wir mit mit dem Klischee der alten, wehrlosen Oma. Wir sind selbstbewusste, alte Frauen, mit denen keiner rechnet.

Und dass das wirkt, spüren wir jeden Tag. Immer mehr. Wir werden von der Generation unserer Enkel und Töchter unterstützt. Viele junge Menschen kommen zu unseren Demonstrationen.

Sie sehen uns als Vorbild, als Zeichen von Hoffnung. Sie sehen es auch als Legitimation für sich selbst, auf die Straße zu gehen. Dass Studenten gehen ist “normal”, dass das Omas tun, nicht. Gemeinsam sind wir am stärksten.

Kampf für Demokratie, Frauen, Sozialstaat und Rechtsstaat

Demokratie ist keine Spielwiese der Rechten. Im Namen der Demokratie antidemokratische Dinge zu beschließen, ist Missbrauch. Zu sagen, die demokratischen Regeln sind uns egal, aber gleichzeitig die Demokratie ausnutzen, um die eigenen kruden Ideen zu rechtfertigen, ist Missbrauch.

Und leider wirkt das bei vielen Menschen. Viele in Europa scheinen verzweifelt und orientierungslos. Die Menschen sind abgestumpft, auch gegenüber sich selbst, sie spüren nichts mehr.

Omas gegen Rechts / Susanne Scholl
Auch junge Frauen und Männer unterstützen "Omas gegen Rechts" bei ihren Demonstrationen

Das nutzen die Rechten mit ihrer schwarzen Pädagogik. Die kann nur propagiert werden, weil die Menschen ein Gefühl von Sehnsucht nach dem Starken haben, das alles wieder reparieren soll.

Gerade sind wir in einer Schockstarre. Aber wir müssen es schaffen, sie zurückzudrängen. Wir hoffen, die Rechten werden über ihre eigenen Taten stolpern, sich zerstreiten, strafrechtliche Fehler begehen. Sie haben einfach ein unheimliches Selbstzerstörungspotenzial.

Die Erhaltung unserer Demokratie, Kampf für die Rechte der Frauen, Kampf für den Sozialstaat, Kampf für den Rechtsstaat. Für diese vier Dinge wollen wir einstehen. Denn das sind die Bereiche, die von den Rechten bedroht sind. Und da wollen wir dagegen halten.

Es gibt nur einen Weg da raus: Bildung, Bildung, Bildung.

Das Bildungssystem segregiert Kinder schon mit zehn Jahren. Anstatt all ihre Begabgungen zu fördern, bis sie 14 Jahre alt sind, und sie dann erst in ihre berufliche Entwicklungsrichtungen zu trennen.

“Wir sind stärker. Wir werden das schaffen”

Dazu gehört auch, dass wir ein starkes Stadt-Land-Gefälle haben – und die Politik versäumt es, etwas dagegen zu tun. Stattdessen wird nur in die Städte investiert, während auf dem Land das Volk mit niedrigerer Bildung sitzt. Man kann das Land nicht einfach Land sein lassen, weil es eine schöne Natur hat.

Das Land muss viel mehr in Bildung einbezogen werden.

Aus dem konservativen Familienbild der Rechten rührt auch die Benachteiligung von Frauen. Wie lange kämpfen wir schon dafür, dass es gute Voraussetzungen für die Kinderbetreuung gibt, damit Frauen arbeiten gehen können. Da geht es nicht nur darum, ein bisschen Geld zu verdienen.

Sondern um das Recht, dass sich Frauen genauso entfalten können dürfen. Um das Grundrecht auf Arbeit und Bildung. Aber unser Staat nimmt das einfach nicht ernst.

“Ihre Männerpolitik ist widerlich”

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Die Politiker glauben, sie können an uns Frauen vorbei ihre Männerpolitik machen. Das ist widerlich.

Aber wir werden das ändern. Wir kämpfen dagegen an. Und das Beste ist: Wir sind überzeugt, dass unsere Demokratien jetzt stärker sind, als sie es in der Nachkriegszeit waren. Damals ist ganz Europa zerfallen, das Machtvakuum war riesig.

Aber das ist jetzt anders.

Schon jetzt ist jede Demonstration eine einzige Freude. Da bewegt sich so viel Positives, Leute aus ganz Europa schreiben uns, wollen uns unterstützen. Wir sind jetzt stärker. Wir werden das schaffen.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Uschi Jonas.