ENTERTAINMENT
11/10/2018 11:34 CEST | Aktualisiert 11/10/2018 21:37 CEST

Oma versteckt Enkelin zwei Jahre lang, um sie vor Vater zu schützen

Nicht mal die Mutter wusste, wo sich Oma und Tochter aufhielten.

RTL
In den 1990er Jahren hat eine Oma mit ihrer Enkelin abtauchen müssen.
  • In der “Stern TV”-Sendung begleiten Kamerateams eine 32-Jährige auf dem Weg zu ihrem ehemaligen Versteck.
  • Sie musste als Achtjährige zusammen mit ihrer Oma untertauchen.

Der Sender RTL hat das erste Mal 1994 über den Fall Rudics berichtet. Damals sorgte die Geschichte für landesweite Schlagzeilen.

Die damals zehnjährige Jeanette Rudics war verschwunden. Ihre Großmutter war mit dem Mädchen zwei Jahre lang auf der Flucht – gesucht wurden die beiden per internationalem Haftbefehl.

Bei“Stern TV” erzählt die heute 32-Jährige ihre Geschichte und kehrt an den Ort zurück, an dem sie sich zwei Jahre versteckt hielt.

Jeanettes Mutter Gerlinde Rudics heiratete 1985 den Franzosen Denis Supersac. Alles schien perfekt: Zuerst bekam das Paar Jeanette, drei Jahre danach wurde ihr Bruder Maxime geboren.

Doch dann kamen die Eheprobleme. Der Vater sei gewalttätig gewesen: “Ich habe mitgekriegt, dass mein Vater meine Mutter geschlagen hat. Das war schlimm – auch zu wissen, dass ich meiner Mutter nicht helfen kann”, erinnert sich Jeanette.

Mit einem Trick kommt der Vater an das Sorgerecht der Kinder

Die Eltern trennten sich Anfang 1993. Dann begann ein irrer Kampf um die Kinder.

Der Vater ging dabei skrupellos vor. Mit einem Trick legte er seine Frau herein: Er reichte in Frankreich heimlich die Scheidung ein.

In Frankreich existiert ein Gesetz, welches besagt, dass vor einer Scheidung ein Versöhnungsgespräch stattfinden muss. Erscheint ein Partner nicht zu diesem Termin, erhält automatisch der andere das Sorgerecht.

Also täuschte der Vater kurz vor diesem Termin seiner Noch-Frau vor, den Scheidungsantrag ohnehin zurückziehen zu wollen.

Gerlinde Rudics glaubte ihm. Das war ein schwerer Fehler: Sie ließ den Termin verstreichen – und deswegen sollten die Kinder zum Vater nach Frankreich ziehen. Die Mutter aus Augsburg erhielt lediglich Besuchsrecht in den Ferien.

Jeanette erinnert sich, was Vater Denis zu den Geschwistern sagte, als er sie abholte: “Er ist einfach mit uns weggefahren, hat uns noch kurz seine neue Freundin vorgestellt – ‘Das ist eure neue Mama’ – ist an einem Rastplatz ausgestiegen und hat ein Telefonat vorgetäuscht. Dann hat er zu uns gesagt ‘Die Mama und die Oma wollen euch nicht mehr’.”

RTL
Jeanette und ihr Bruder Maxime im Jahr 1993.

Denis Supersac entriss die Kinder ihrer Mutter und ihrem Umfeld. Bei dem Vater sei es ihnen nicht gut gegangen, er habe die Geschwister immer wieder wegen Nichtigkeiten bestraft, sagte Jeanette.

Als die Kinder in den Sommerferien zur Mutter nach Augsburg durften, entschied sich Mutter Gerlinde Rudics dafür, die Kinder nicht zurückzuschicken.

Sie ließ ein psychologisches Gutachten erstellen, das bestätigte: Die Kinder seien beim Vater nicht gut aufgehoben.

Die Mutter ging zum Familiengericht – doch ohne Erfolg. Die damals siebenjährige Jeanette und der vierjährige Maxime sollten nach Frankreich zurück.

“Zu wem wir wollten oder wie es uns ging hat niemanden interessiert. Wir waren einfach nur ein Fall, in dem man eben eine Entscheidung trifft. Es war auch egal, dass wir geweint und geschrien haben”, sagt Jeanette heute über die damalige Situation.

Großmutter flieht mit Enkelin – Polizei fahndet per internationalem Haftbefehl

Im Februar 1994 holte der Vater Maxime aus dem Kindergarten in Augsburg, um ihn nach Frankreich mitzunehmen. Doch bevor er auch Jeanette mitnehmen konnte, floh ihre Großmutter mit dem Mädchen.

Für Mutter Gerlinde Rudics eine verzweifelte Situation: Ihr kleiner Sohn war mit dem Ex-Mann in Frankreich, ihre Tochter mit der Großmutter untergetaucht.

Wo, das wusste Gerlinde lange gar nicht, die Oma vermied nämlich jeden Kontakt.

Doch die Polizei glaubte der Mutter nicht. Die Beamten fahndete nach Jeanette und ihrer Oma, also wurde auch Gerlindes Wohnung durchsucht.

“Sie haben mich drei Tage ins Gefängnis gesteckt und ich musste Zwangsgelder bezahlen”, erzählte sie in einem “Stern”-Interview im Jahr 1994.

RTL
Gerlinde Rudics bei Günther Jauch auf dem "Stern TV"-Sofa am 20. Juli 1994.

Pfarrer in Österreich gewährte den beiden Unterschlupf

Die Großmutter hielt Jeanette im österreichischen Dorf St. Georgen in einem Pfarrhaus versteckt.

Dabei tat die damals 70-Jährige alles, um nicht aufzufallen: Sie schnitt dem Mädchen sogar die Haare kurz, sagte ihr, sie sei nun der Junge Fränzi.

Die Mutter kämpfte währenddessen weiter mit einem Gerichtsgutachter für ihre Kinder in Paris – und scheiterte abermals.

Die Kinder sollten zurück zum Vater, dieses Mal bekam Gerlinde Rudics nicht mal Besuchsrecht.

Doch Familie Rudics beugte sich nicht – und die Oma kam nicht aus ihrem Versteck zurück.

Auch Pfarrer Premur aus St. Georgen, der den beiden damals Unterschlupf gewährte, war in den Plan eingeweiht: “Wir wussten inzwischen: Die Polizei will das Kind. Aber ich habe meinen Pfarrerbonus ausgespielt.”

Die Flucht endete erst im Jahr 1996, als sich die Großmutter schließlich der Polizei stellte und vorläufig festgenommen wurde.

Jeanette kehrte nach über zwei Jahren das allererste Mal zu ihrer Mutter nach Hause zurück.

RTL
Jeanette als Junge Fränzi 1994. 

Jeanette Rudics: “Ich vermisse meinen Bruder”

Daheim brauchte die inzwischen zehnjährige Jeanette Zeit, um sich einzugewöhnen.

Mutter Gerlinde Rudics hatte zwischenzeitlich wieder geheiratet und ein weiteres Kind bekommen.

“Ich bin einfach in dieses neue Umfeld gekommen, und mein kleiner Halb-Bruder Basti war schon da. Das war am Anfang für mich nicht leicht zu akzeptieren”, erinnerte sich Jeanette.

Es vergingen zwei Jahre in Ungewissheit, denn erst 1998 verhandelte das Augsburger Familiengericht endgültig den Fall – und entschied zugunsten der Mutter. Jeanette durfte nun offiziell bei der Mutter bleiben.

Doch Maxime blieb weiterhin beim Vater.

Jeanettes Großmutter ist mittlerweile verstorben.

Ihren Bruder Maxime hat die heute 32-jährige Jeanette seit 24 Jahren nicht mehr gesehen. Zwar habe sie versucht, über Facebook Kontakt mit ihm aufzunehmen, zwischenzeitlich haben die beiden sogar geschrieben – zu einem Treffen sei es bisher allerdings nicht gekommen.

Zu tief sitzt bei Maxime wohl das Misstrauen gegen Schwester und Mutter – schließlich erzählt sein Vater, bei dem er letztlich aufgewachsen ist, eine andere Version der Familiengeschichte.

“Ich vermisse meinen Bruder. Das ist für mich wirklich schwer, aber man muss da realistisch bleiben. Er war klein, als wir getrennt wurden. Er kann sich bestimmt gar nicht mehr an mich erinnern. Aber mein größter Wunsch wäre, dass wir uns vielleicht irgendwann einmal wiedersehen.”

RTL
Die heute 32-jährige Jeanette Rudics in Augsburg.

(ak)