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28/03/2018 19:41 CEST | Aktualisiert 28/03/2018 19:41 CEST

Oligarchen, schöne Frauen und ein deutscher Bruder Leichtfuss

Russland figuriert zur Zeit höchst prominent in den westlichen Medien. Der populäre Putin gewinnt offensichtlich getürkte Wahlen, russische Hacker sollen in den amerikanischen Wahlkampf eingegriffen haben, die englische Regierung behauptet, die Vergiftung eines Ex-Spions und seiner Tochter gehe auf das Konto Russlands.

Wo bleibt denn da die Evidenz, gilt die Unschuldsvermutung nicht mehr?, fragen russische Regierungsvertreter zurück. Ein medialer Propagandakrieg spielt sich vor unseren Augen ab. Und dieser macht einem (zugegeben, ich spreche von mir) wieder einmal deutlich, wie wenig man von Russland, diesem riesigen Vielvölkerstaat mit einer Fläche von 17 Millionen Quadratkilometern, eigentlich weiss. „Russland umfasst mehr als ein Achtel der bewohnten Landmasse der Erde und steht mit 144 Millionen Einwohnern (2017) an 9. Stelle der bevölkerungsreichsten Länder; es ist zugleich eines der am dünnsten besiedelten“, lese ich auf Wikipedia.

Wer Russland heute verstehen wolle, solle Isarin lesen, hat der bekannte russische Autor Viktor Jerofejew gesagt. Und das hat viel für sich, denn Arthur Isarin analysiert und erklärt Russland nicht, sondern berichtet von seiner Faszination für alles Russische (und für Claudia Schiffer). Das ist höchst anregend zu lesen, auch wenn die Schilderungen des Clublebens etwas arg viel Platz einnehmen und des Protagonisten Begeisterung für Claudia Schiffer, die er bei einem seiner Clubbesuche antrifft, nicht nur surreal, sondern leicht peinlich wirkt. „Eine kosmische Aura umhüllte ihren Astralkörper. Alle Hässlichkeit der Welt verblasste vor diesem Profil, diesen Augen, diesem Mund.“

Die Geschichte, die in Blasse Helden (Knaus Verlag, München 2018) erzählt wird, handelt von einem jungen Deutschen mit Namen Anton, der zu Beginn der 1990er nach Moskau zieht und sich nur für Geld, Frauen und die grosse russische Kultur interessiert. Er steht im Sold des Oligarchen Paul Ehrenthal, eines im Grunde höchst banalen Menschen. „Ständig überfordert und unfähig, selbst einfachste Zusammenhänge objektiv zu analysieren, war er ein Einfaltspinsel, den man in Moskau lange überschätzt und dem man verblüffende Privilegien eingeräumt hatte.“

Ausländer brauchten damals keine Bodyguards

Es ist die Zeit der Moskauer Restaurants, Diskotheken, Kasinos und Clubs, von denen einer bis zu hunderttausend Dollar Mitgliedsbeitrag verlangt. Mobs sind aktiv, stoische Leibgardisten sitzen inmitten ihres Waffenarsenals in Limousinen, nur Ausländer brauchten damals keine Bodyguards – sie wurden schlicht nicht ernst genommen. „Anton vermutete dahinter einen taktvollen Nachhall der sowjetischen Schwäche für Völkerfreundschaft.“

Doch Anton, der mit Banditen, Künstlern, Betrügern und mittellosen Schönheiten verkehrt, ist nicht nur ein zynischer Profiteur des guten Lebens, er weiss auch von den Schattenseiten des Privatisierungsbooms. Kinder, die zwischen Fernwärmerohren tief unter der Erde leben und des Nachts auf Raubzüge gehen. Junge Ärzte, die in einer Klinik täglich um ihre Existenz kämpfen, „was auch Organ- und Drogenhandel oder Prostitution einschloss.“ Und auch von Skurillem erzählt er: Da wohnen alle Musiker in einer Strasse konzentriert, weil die Sowjets das Volk nicht unnötig vermischen wollten.

Die Geschichte spielt in Moskau, Sibirien und der südlichen Ukraine und an absurden Szenen herrscht wahrlich kein Mangel. „In der Lobby erwartete sie das bewährte sowjetische System aus Passregistrierung, Meldeschein-Formalitäten und der Erstellung eines Propusk, des primitiven Passierscheins, der zum Aufenthalt im Hotel berechtigte und Tag und Nacht im Eingangsbereich von alkoholisierten jungen Männern in Camouflage-Uniformen kontrolliert wurde.“

Ein Roman, keine Biografie

Arthur Isarin ist ein Pseudonym. Der Autor wurde 1965 in München geboren, hat Philosophie, Politik und Ökonomie studiert, in England, den USA, Russland und Kasachstan gearbeitet und lebt heute in Queensland, Australien. Und er hat, was er schildert, nicht alles selber erlebt. Blasse Helden ist ein Roman, keine Biografie. Und wichtig sind, so der Autor, vor allem die Dialoge, welche die Stimmung zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 bis zum Amtsantritt Putins eindrücklich widergeben.

Das Russland der 90er Jahre, das Arthur Issarin schildert, ist eine Zeit des moralischen und rechtlichen Vakuums. Privatisierungen sind an der Tagesordnung, allüberall grassiert die Korruption, Oligarchen werden unermesslich reich. Der Sumpf blüht, die Bevölkerung darbt. Von jungen Mädchen zu Hunden, mit allem wird Handel getrieben. Und mittendrin der privilegierte Anton, der weiss, „er hatte einfach Glück, wählerischer sein zu können“ als andere.

„Anton musste an die populäre These denken, Russen würden in ihrer monströsen Leidensfähigkeit lange alles ertragen, um dann umso brachialer aufzubegehren. Er wünschte sich, gemeinsam mit ihnen jetzt gleich das Gebäude abzubrennen.“ Doch dann kommt Putin, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger kein Alkoholproblem hat und Russland wieder gross machen will.

Blasse Helden ist gut geschrieben, aufschlussreich, vielfältig und witzig, ein fabelhaftes Buch.