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29/07/2018 17:22 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 17:22 CEST

Ökonom Thomas Mayer: "Wir brauchen eine „Achse der Willigen“ im Kampf für den Liberalismus"

Flossbach von Storch
Prof. Dr. Thomas Mayer

Die großen internationalen Zentralbanken haben mit ihren experimentellen Kurs die Weichen für eine ungewisse Zukunft gestellt. Denn die Politik des billigen Geldes hat zahlreiche finanzpolitische und gesellschaftliche Auswirkungen. Thomas Mayer betrachtet diese Entwicklungen mit großer Skepsis und fordert in seinem neuen Buch eine neue Geldordnung, die werteorientiert ausgerichtet ist.

Sie rechnen in Ihrem Buch „Die Ordnung der Freiheit und ihre Feinde“ mit der aktuellen marktwirtschaftlichen Ordnung ab. Welche Leistung des Liberalismus wird Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Wahrnehmung am meisten unterschätzt?

Die individuelle Freiheit. Die Denker des klassischen Liberalismus haben eine Ordnung für Gesellschaft und Wirtschaft beschrieben, in der die Freiheit des Einen nur durch die Freiheit des Anderen beschränkt wird. Ich nenne das die „Ordnung der Freiheit“. In dieser Ordnung kann jeder auf die am besten mögliche Weise seine Fähigkeiten entfalten. Die Ordnung der Freiheit hat der Menschheit einen nie vorher dagewesenen Wohlstand gebracht. Wirtschaftshistoriker haben geschätzt, dass das reale britische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von Christi Geburt bis 1650, dem Beginn des Aufstiegs des Liberalismus, um gut 50 Prozent wuchs. In den 360 Jahren danach stieg das reale BIP pro Kopf dann um rund 2470 Prozent.

Sie warnen im fünften Kapitel vor dem „Dritten Weg“ und seinen geldpolitischen Folgen. Warum ist dieser so schadhaft?

Durch den „Dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Liberalismus wollte man die beste aller Welten schaffen: Wachstum wie im Kapitalismus und Absicherung wie im Sozialismus, sozusagen die organisierte liberale Gesellschaft. Die Wirtschaft sollte sich frei entfalten können, solange alles gut ging, aber der Staat sollte schützend eingreifen, wenn Rückschläge drohten. Auf den ersten Blick erscheint es bestechend, mikroökonomische Flexibilität mit makroökonomischer Stabilität zu verbinden und den Strukturwandel abzufedern. Und eigentlich sollte niemand etwas dagegen haben können, wenn die Steuerungsfunktion des Marktes nicht behindert, sondern ergänzt und verbessert wird. Doch die Steuerungsfunktion des Marktes lässt sich durch politische Planung nicht ergänzen und verbessern, sondern nur aushebeln. Eingriffe führen eben immer zu Fehlallokation und Effizienzverlusten, weil der Planer nicht das Wissen haben kann, das sich auf freien Märkten in den Preisen widerspiegelt. Außerdem verändert makroökonomische Stabilisierung die Risikoeinschätzung auf mikroökonomischer Ebene. Der mit dieser Stabilisierung verbundene kostenlose Versicherungsschutz fördert riskantes Verhalten, dessen Kosten dann der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Das haben wir in der Finanzkrise gesehen.

Welche Auswirkung kann der von Trump initiierte Protektionismus haben?

Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Handels- und Währungskrieg, der dem gegenwärtigen Konjunkturaufschwung den Todesstoß gibt. Leider gibt es heute beängstigende Parallelen zu den 1920er und 1930er Jahren: einen Kreditboom, der in einer Banken- und Finanzkrise endete, den Aufstieg von Populisten in der Politik, Protektionismus und kompetitive Abwertungen der Wechselkurse. Die Depression damals begünstigte den Aufstieg Hitlers und endete mit dem Zweiten Weltkrieg. So schlimm wird es heute hoffentlich nicht kommen. Aber wir sollten die Lehren aus der Geschichte beherzigen und die liberale Ordnung gegen den Illiberalismus der Populisten verteidigen. Wir brauchen eine „Achse der Willigen“ im Kampf für den Liberalismus.

Welche gesellschaftlichen Trends werden sich in den nächsten Dekaden verstärken? Wird es zu einer stärkeren Bevormundung des Staates kommen oder schafft es die Wirtschaft, sich von der Geißel der Politik zu befreien?

Die Leute haben ein emotionales Verlangen nach Geborgenheit und menschlicher Nähe. Dieses Verlangen schuf nach der Stammesgesellschaft die sozialistische Gesellschaft östlicher und den Wohlfahrtsstaat westlicher Prägung. Finanzkrise und Globalisierung durch Handel, Kapitalverkehr und jüngst vor allem Migration haben die Leute verunsichert. Sie suchen Geborgenheit im nationalen Wohlfahrtsstaat und wickeln die Errungenschaften des Liberalismus ab, ohne dass ihnen dies bewusst ist. Die Eliten in Politik und Wirtschaft müssen die Leute darüber aufklären und ihnen die Vorzüge der Ordnung der Freiheit erklären. Wenn wir das nicht schaffen, versinken wir im nationalen Sozialismus, mit Unfreiheit und Mangelwirtschaft.

Sie haben kürzlich in einem Artikel in der FAZ davon gesprochen, dass die EZB nicht den Erhalt des inneren Wertes des Geldes anstrebt und damit die schleichende Enteignung fördert – welche Maßnahmen können Privatanleger treffen, um ihr Vermögen systematisch zu schützen?

Das Mandat der EZB, für Preisstabilität zu sorgen, dient dem Schutz des Geldeigentums vor dem Verfall der Kaufkraft. Die EZB hat ihr Mandat jedoch in ein Inflationsziel umdefiniert, wodurch die Kaufkraft des Geldeigentums systematisch geschwächt werden soll. Das läuft auf eine mandatswidrige, schleichende Enteignung der Bürger hinaus, die ihr Eigentum in Geld aufbewahren. Man kann sich davor nur schützen, indem man Eigentum anders aufbewahrt, also in Anlagen in Aktien, Immobilien, oder Gold. Doch nicht jeder fühlt sich wohl dabei. Es sollte doch nicht möglich sein, dass die Bürokraten der EZB Leute durch eine illegitime schleichende Enteignung von Geldvermögen in Anlagen treiben, von denen sie nur wenig oder nichts verstehen.

Prof. Dr. Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Instituts.