POLITIK
21/08/2018 14:09 CEST | Aktualisiert 21/08/2018 20:39 CEST

"Erdogan provoziert eine beispiellose geopolitische Krise"

Ökonom Russell Napier erklärt in der HuffPost, warum die Schieflage der Türkei nicht nur wirtschaftlich dramatische Folgen entfaltet.

Im Video oben: Erdogan will Militäreinsatz in Syrien und dem Irak ausweiten – und verschärft so den Kollisionskurs mit den USA.

“Wir kapitulieren nicht!” 

Es waren dramatische Worte, mit denen sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Montag beim Parteitag der AKP in Ankara an sein Volk wandte.

“Einige drohen uns über die Wirtschaft, durch Sanktionen, Wechselkurse, Zinssätze und Inflation”, polterte der neue und alte Parteichef. “Wir sagen ihnen: Wir haben das Spiel erkannt, und wir fordern euch heraus.”

Dass Erdogan so spricht, ist nicht allzu bemerkenswert. Der türkische Staatschef neigt zu großem Pathos – und noch größeren Kampfansagen.

Die Situation im Land ist aber mehr als brenzlig. Die Türkei befindet sich in der größten ökonomischen Krise seit Jahren. Die Lira hat seit Januar im Vergleich zum Dollar fast zwei Drittel an Wert verloren, mit Standard & Poor’s (S&P) sowie Moody’s haben zwei große Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Landes zuletzt erneut herabgestuft.

Doch der Wirtschaftskrieg mit US-Präsident Donald Trump könnte noch weit dramatischere Folgen haben. Der schottische Ökonom und Handelsexperte 
Russell Napier erklärt in der HuffPost, wie Erdogan neben der ökonomischen auch eine große politische und militärische Krise provoziert.

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einem Parteitag der AKP am Samstag.

Zum Hintergrund: So ernst ist die Lage

Das Hauptproblem des Lira-Verfalls: Für den türkischen Staat aber vor allem Unternehmen und Privatpersonen wird es deutlich teurer, Schulden im Ausland zu begleichen. 

Und diese Schulden sind immens. Kein Schwellenland hat so hohe Verbindlichkeiten außerhalb der eigenen Staatsgrenzen wie die Türkei. Auf 460 Milliarden Dollar hat sich der Schuldenberg mittlerweile angehäuft. 

Firmen liehen sich jahrelang vor allem Geld in Dollar oder Euro. Ihre Einnahmen jedoch erwirtschafteten sie aber überwiegend in der Türkei – in Lira.

“Besonders die Banken haben sich sehr viel Fremdwährung geliehen – das wird besonders riskant, wenn sie das Geld vor allem an Firmen verliehen, deren Zahlungsfluss vor allem in Lira stattfindet”, sagt Ökonom Napier.

Es werde zwar immer gesagt, diese Anleihen in Schwellenländern seien abgesichert, das sei jedoch nur selten wirklich der Fall. “Die Verlockung zu niedrigen Zinsen Fremdwährungen zu bekommen ist meist zu groß, teure Absicherungen keine Option.”

Dazu kommt: Es war eine Politik, die den stetigen Wirtschaftswachstum der Türkei sicherte. Im ersten Quartal 2018 lag dieser bei herausragenden 7,4 Prozent. Nachhaltig aber war das nicht.

Doch es geht nicht in erster Linie um eine Staatsverschuldung, betont Napier. Das allgemeine Ausfallrisiko zwischen der Türkei und anderen Staaten liege bei 546 Milliarden US-Dollar, weniger als 60 Milliarden würden dabei den türkischen Staat betreffen. Die Hauptlast der Schulden trage der private Sektor.

Das macht die Situation nicht weniger angespannt.

Das sind die Folgen für Europa:

Besonders für Spanien ist die Lage in der Türkei dramatisch. 

Rund 83 Milliarden Dollar haben spanische Banken in dem Land verliehen. “Vor allem für die BBVA steht viel auf dem Spiel”, sagt Napier. Denn es geht um mehr als bloß verliehenes Geld.

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Eine Garanti-Bank in Istanbul.

Die BBVA hält knapp die Hälfte der Anteile an der türkischen Garanti Bank, die zu den größten Geldhäusern des Landes gehört. Etwa ein Fünftel des BBVA-Gewinns 2017 kamen so zustande. Diese Gewinne stehen nun auf der Kippe.

Napier erklärt: “Auch Italien und Frankreich haben viel Geld im Spiel. Die Banken mit den größten Alagen sind neben der BBVA, Unicredit, die BNP und ING.”

Charles Gave, Stratege beim unabhängigen Analysehaus GaveKal, sagte bereits im Mai der “Welt”: “Wenn es zu größeren Ausfällen in der Türkei kommt, braucht es wenig Fantasie, um neue Bankenturbulenzen in Europa vorherzusagen.“

Doch nicht nur eine Bankenkrise droht:

Das ist die ökonomische Komponente.

Aber Napier sagt: “Die Banken sind erst der Anfang. Natürlich hat die wichtigste Folge der Krise für Europa nicht direkt mit Finanzen zu tun.” Es stelle sich vor allem eine politische Frage: “Was wird Erdogan mit den drei Millionen Flüchtlingen tun, die er derzeit in Abmachung mit Europa in seinem Land hält?”

Seit 2016 besteht ein Abkommen zwischen der EU und der Türkei, das dem Land Finanzhilfen für die Aufnahme von Flüchtlingen zusichert, die dafür nicht in die EU weiterreisen. Erst im Juli hatte die EU-Kommission wieder eine 400-Millionen-Euro-Zahlung gebilligt.

Das Abkommen hat dazu beigetragen, die Flüchtlingszahlen in Europa massiv zu reduzieren, Erdogan macht jedoch keinen Hehl daraus, dass er die Abmachung nicht als in Stein gemeißelt betrachtet.

Immer wieder droht der türkische Präsident, den Deal zu brechen, um Druck auf die Europäische Union auszuüben. Auch in der aktuellen Krise könnte Erdogan diese Verhandlungsstrategie anwenden.

Er betrachtet den Wirtschaftskrieg mit den USA als “Attacke des Westens” auf die Türkei. Mittlerweile haben beide Länder gegenseitig Sanktionen verhängt.

Heute auch wichtig: Trump spricht über brisanten Deal mit Erdogan – der soll ihn gebrochen haben

Wieso sogar die Weltordnung wankt:

Aber es sind nicht bloß markige Worte des türkischen Regierungschefs. 

Erdogan hat sich in den vergangenen Monaten merklich vom Westen abgewandt und sucht nach neuen Bündnissen. Erst kürzlich kolportierten türkische Medien die Idee, das Land solle sich den BRICS-Staaten, also Russland, Brasilien, Indien, China und Südafrika anschließen.

POOL New / Reuters
Irans Präsident Hassan Rohani, Erdogan und der Russe Wladimir Putin.

Napier sagt: “Russland könnte natürlich ein Schlüsselpartner für die Türkei werden, weil Putin 486 Milliarden US-Dollar an Devisenreserven hat und einen beträchtlichen Anteil davon nutzen könnte, die Türkei mit Geld zu versorgen.” 

Auch eine tiefere Allianz mit Katar und dem Iran seien wahrscheinlich.

Das Problem: “Es wird alles sehr kompliziert, weil die USA eine große Luftwaffenbasis in der Türkei haben – ausgestattet mit Nuklearwaffen. Außerdem haben die USA Truppen im Nordirak.”

Ein noch engeres Bündnis mit Putin würde die Mitgliedschaft der Türkei in der Nato in Zweifel ziehen. Handelsexperte Napier glaubt sogar: “Es würde ihr Ende bedeuten.”

Der nach Armeestärke zweitgrößte Nato-Staat würde also plötzlich die Seiten wechseln. Die Folge: Völlig unbekannte Risiken für den Westen – besonders für die USA –  in der Nahostregion. 

Napier sagt: “Kurz gesagt ist das die wichtigste geopolitische Krise, die wir je in Folge eines drohenden Marktausfalls gesehen haben.”

(mf)